AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Kindesmisshandlungen in Kalifornien Der Fall der Familie Turpin

Ein verdrecktes Haus, darin 13 unterentwickelte, teils gefesselte Geschwister - aber jahrelang hatte niemand etwas bemerkt. Wie kann das sein?

Journalisten vor dem Haus der Familie Turpin im kalifornischen Perris: Wie können Eltern ihrem eigenen Nachwuchs so etwas antun?
Sandy Huffaker / Getty Images

Journalisten vor dem Haus der Familie Turpin im kalifornischen Perris: Wie können Eltern ihrem eigenen Nachwuchs so etwas antun?

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Die Kinder wirkten eigentlich zufrieden, sagt der Großvater. Die Mutter hatte ein Traumleben, sagt eine Tante, so schien es zumindest. Irgendetwas stimmte da nicht, sagt eine andere Tante, aber dass es so schlimm sein würde, hätte sie wirklich nicht erwartet.

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Heft 4/2018
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Schlimm heißt: ein dreckiges, übel riechendes Haus. 13 Geschwister, abgemagert, verängstigt, einige gefesselt, als die Polizei sich am vergangenen Sonntag Zutritt verschafft. Dazu ein Vater und eine Mutter, die nicht wissen, was die Polizei von ihnen will, die offenbar völlig ahnungslos sind, was sie verkehrt gemacht haben. Das ist die Familie von David Allen Turpin und seiner Frau Louise Ann in der Muir Woods Road in Perris, 70 Meilen südöstlich von Los Angeles. Die Horrorfamilie.

Es dauert nicht lange, bis der Schrecken von Perris die Nation aufwühlt, es geschieht in einer Woche, in der sich die Amerikaner mit den kognitiven Fähigkeiten und dem Body-Mass-Index ihres Präsidenten auseinandersetzen. Hubschrauber mit Fernsehkameras knattern über die Dächer der Muir Woods Road, CNN berichtet, Fox News, NBC, irgendwann sperrt die Polizei die Umgebung ab, damit nicht noch mehr Schaulustige, Nachbarn und Journalisten vor das Haus drängen.

13 Geschwister, das jüngste zwei Jahre alt, das älteste 29, alle zwar am Leben, aber ausgemergelt. Es sind keine Pflege- oder Adoptivkinder, die die Turpins großziehen, sondern ihr leiblicher Nachwuchs, zehn Töchter, drei Söhne, alle von Louise, heute 49, zur Welt gebracht. Der Vater der Kinder ist 57 Jahre alt. Eine 15-köpfige Großfamilie ist unter strenggläubigen Christen in den USA nicht ungewöhnlich.

Unfassbar ist jedoch, unter welch qualvollen Bedingungen die Kinder lebten, oder besser: dahinvegetierten. Als Polizeibeamte das Haus betreten, sind mehrere Geschwister mit Schlössern und Ketten an Möbel gefesselt. Ungewaschen und blass sind sie, fast knöchrig, es riecht nach Urin. Auf die Polizisten wirken sie um etliche Jahre jünger, als sie tatsächlich sind. Ein Mädchen, das die Beamten auf 10 Jahre schätzen, ist in Wahrheit 17, vermutlich eine Folge jahrelanger Mangelernährung.

Es ist dieses Mädchen, das am vergangenen Sonntagmorgen den entscheidenden Notruf auslöst. Irgendwo im Haus hat es ein deaktiviertes Mobiltelefon entdeckt, ist aus einem Fenster geklettert, vor den eigenen Eltern geflohen und hat 911 gewählt. Ohne den Mut des Mädchens, so der Sheriff, wären die Behörden nie alarmiert worden. Seit zwei Jahren, so der zuständige Staatsanwalt, habe das Mädchen mit seinen Geschwistern an einem Fluchtplan gearbeitet.

Einen "Albtraum" nennt die "New York Times" die Qual der Kinder, auf NBC heißt das Heim von David und Louise Turpin nur das "Folterhaus".

Halb Amerika fragt sich seit Tagen, wie 13 Geschwister unter so unmenschlichen Bedingungen leben konnten, ohne dass es jemandem auffiel. Wie schaffen es ein Vater und eine Mutter mutmaßlich über Jahre hinweg, das Leiden ihrer Kinder vor Behörden und der eigenen Verwandtschaft zu verstecken? Wie können Eltern ihrem Nachwuchs so etwas antun?

Der Schock ist auch deshalb so groß, weil die Turpins in einer Stadt leben, die amerikanischer nicht sein könnte. Weder arm noch reich, weder Paradies noch Hölle, sondern Mittelschicht, Mittelmaß. Perris ist Amerika. Einfamilienhäuser mit großen Garagen und kleinen Gärten, eine Kulisse wie in der US-Serie "Breaking Bad".

Großfamilie Turpin 2016: Krankhaft blass, mit Rändern unter den Augen
UPI/laif

Großfamilie Turpin 2016: Krankhaft blass, mit Rändern unter den Augen

Nur einmal am Tag bekamen die Geschwister eine Mahlzeit, sie durften höchstens einmal im Jahr duschen, so der Staatsanwalt. Die 29-jährige Tochter wiegt nicht mal 40 Kilogramm. Ärzte behandeln die Geretteten nun wegen starker Mangelerscheinungen. Die Turpins fesselten ihre Kinder erst mit Seilen, später mit Ketten und Vorhängeschlössern. Als Bestrafung.

Die Tat fügt sich in eine Reihe von Missbrauchsfällen, die in den vergangenen Jahren auch in den USA eine Menge Aufmerksamkeit erregten. Zur Tortur von Natascha Kampusch etwa, die mehr als 8 Jahre lang in einem Verlies bei Wien gefangen gehalten wurde, oder zum Monster Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Keller im niederösterreichischen Amstetten versteckte, missbrauchte und mit ihr sieben Kinder zeugte. Bislang gibt es zwar in Perris keine Anzeichen sexueller Gewalt, doch allein die Zahl der mutmaßlichen Opfer hebt die Tat auf grauenvolle Weise hervor.

Wie es aussieht, lebten die Turpins ein zurückgezogenes, streng religiöses Leben. "Sie haben einen Ruf von Gott erhalten", sagen die Eltern von David Turpin. Ihren Sohn und seine Kinder sahen sie vor rund fünf Jahren das letzte Mal, seither nicht mehr. Offenbar hielten die Turpins selbst zu nahen Verwandten Abstand. Eine Schwester von Louise Turpin berichtete Journalisten, weder ihr noch ihren Eltern sei gestattet worden, mit den Kindern der Turpins überhaupt zu reden.

"Wir haben uns Sorgen gemacht, weil alles so seltsam war, es gab nichts, was wir tun konnten", sagte Elizabeth Jane Flores. Ihre Schwester und deren Mann seien schon immer verschwiegen gewesen.

Zumindest im Internet hinterließ die Familie Spuren, etwa auf Facebook. Sie luden Fotos von Ausflügen hoch, ins Disneyland oder nach Las Vegas, mit einem Dutzend oft identisch gekleideter Jungen und Mädchen, rote Hemden, blaue Jeans. Dazu David Turpin mit seinem Topfhaarschnitt, der seine Frau um fast zwei Köpfe überragt. Auf einem Foto tragen die Kinder durchnummerierte T-Shirts, die an Figuren aus einem Kinderbuch von Dr. Seuss erinnern: "Thing 1" bis "Thing 13", Ding 1 bis 13.

Sie wirken fröhlich, fast ausgelassen. Die letzten Aufnahmen, die bis Anfang dieser Woche öffentlich zugänglich waren, wurden im Sommer 2016 gepostet. Sie zeigen die Turpins beim Erneuern ihres Eheversprechens in Las Vegas, umgeben von zehn Mädchen in lila Kleidern und drei Jungen in schwarzen Anzügen mit lila Krawatten. Viele der Kinder sehen krankhaft blass aus, mit dunklen Rändern unter den Augen. Einige Mädchen wirken mit ihren eingefallenen Wangen gespenstisch dünn.

Viel Geld hatte die Familie nicht, zuletzt meldeten die Eltern vor sieben Jahren Bankrott an. Zeitweise aber war David Turpin bei dem Rüstungskonzern Northrop Grumman angestellt, wo er als Ingenieur 140000 Dollar im Jahr verdiente. Seine Frau kümmerte sich zu Hause um die Kinder.

Inzwischen hat der Fall auch eine Diskussion über häuslichen Unterricht ausgelöst. Denn keines der Turpin-Kinder ging zur Schule, daher konnten auch Lehrer nicht auf die Familie aufmerksam werden. Nach ihrem Umzug nach Kalifornien 2010 hatte David Turpin beim Bildungsministerium die Einrichtung einer Heimschule beantragt, die Sandcastle Day School. Laut Behördenregister handelt es sich um eine private, nichtreligiöse Bildungsstätte für Jungen und Mädchen, registriert auf die Privatadresse der Turpins. Sechs Schüler waren angemeldet, jeweils einer in Klasse 5, 6, 8, 9, 10 und 12. Der Schulleiter: David Turpin.

In Kalifornien gibt es über 3000 solcher Heimschulen, oft Wohnzimmerklassen, die Eltern für eine Handvoll Kinder errichten. Bewerber müssen dafür einige Formulare ausfüllen, erklären, dass sie sich an die Gesetze halten, und unterschreiben, dass sie dazu fähig sind, Kinder zu unterrichten. Hausbesuche führt das Bildungsministerium nicht durch. Eltern können unterrichten, wie und was sie wollen.

Demokratische Politiker fordern jetzt eine bessere Überwachung. "Der Staat muss sicherstellen, dass zumindest einmal im Jahr eine Inspektion durchgeführt wird", sagt Susan Eggman, Abgeordnete der Demokraten im Parlament von Kalifornien, einem demokratisch regierten Bundesstaat. Offenbar wurden nicht einmal Brandschutzkontrollen bei den Turpins durchgeführt, was für Schulen eigentlich obligatorisch ist. Und auch dem Sozialdienst der Stadt und der Polizei waren die Turpins nicht aufgefallen. "Ich bin so wütend und sauer", sagt Teresa Robinette, die Schwester von Louise Turpin. Sie fühle sich wie in einem schlechten Traum.

Die traurige Wahrheit ist, dass Familien wie die Turpins in den USA ihre Kinder jahrelang unbehelligt und ohne jeglichen Kontakt zu Behörden erziehen können. Deshalb ebbte nach anfänglicher Hysterie die Aufregung rasch ab. Viele Amerikaner schätzen es, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden, viele wollen dessen Einfluss noch weiter begrenzen - und genau das hat Donald Trump ihnen versprochen.

Dessen Steuerreform wird nach Einschätzung von Kritikern dazu führen, dass ärmere Familien mit Kindern langfristig weniger zum Leben haben als bisher. Und dass der Sozialstaat weiter geschwächt wird.

Inzwischen sind David und Louise Turpin angeklagt, ihnen werden Kindesmisshandlung und Folter vorgeworfen. Dem Paar drohen je 94 Jahre Haft. Um die Geschwister will sich nun das Sozialamt kümmern. Die wichtigste Frage aber, die nach dem Motiv der Turpins, ist noch offen: Warum tun Eltern ihren eigenen Kindern so etwas an?



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