Sensationsfund im Kloster Bibliothekar entdeckt 1200 Jahre altes Dokument in deutscher Sprache

Ein österreichischer Bibliothekar wühlte in längst vergessenen Schnipseln und stieß auf zwei Pergamente, die mindestens 1200 Jahre alt sind. Fand er ein Wörterbuch Karls des Großen?

Handschriftenexperte Haltrich in der Admonter Stiftsbibliothek
Norbert Regitnig-Tillian

Handschriftenexperte Haltrich in der Admonter Stiftsbibliothek


Wenn es nach Stall riecht, wird es für Bibliothekare erst richtig interessant. Dann ist klar, dass man es mit Pergamenten aus dem frühen Mittelalter zu tun hat, die oft aus Ziegen- oder anderer Nutztierhaut gefertigt wurden. Deren intensiver Geruch hält sich über Jahrhunderte und wabert auch durch das Depot des barocken Benediktinerstifts Admont, etwa 120 Kilometer südlich von Linz gelegen.

Im Winter 2012 war dort der Handschriftenexperte Martin Haltrich zu Gast, um im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hebräische Schriften zu digitalisieren. Aus persönlicher Neugier fragte er den Admonter Archivar, ob er einmal einen Blick in die Fragmentesammlung werfen dürfe.

Der Mann ging also ins müffelnde Depot und überreichte Haltrich etwas später eine Mappe, die nicht weniger als eine Sensation enthielt.

Sie steckte in einem unbeschrifteten Kuvert, das Haltrich in die Hände fiel, als er die mittelalterliche Abfallware durchblätterte. Aus der Mappe fischte der Forscher zwei handtellergroße Pergamentstücke heraus, beidseitig beschriftet, lateinisch und deutsch.

Das muss alt sein, dachte der Bibliothekar sofort, sehr alt.

Haltrich, damals 37, fotografierte die Pergamentfetzen und schickte die Digitalisate an Kollegen. Nun, nach der Expertise von Linguisten, Schriftkundlern und Materialwissenschaftlern, ist klar, dass es sich um Ausrisse aus einem etwa 1200 Jahre alten Buch handelt - und damit um eines der ältesten Dokumente in deutscher Sprache, die jemals entdeckt wurden. Auftraggeber fürs Erstellen der Schriftstücke könnte ein Mann gewesen sein, der selbst nicht richtig lesen und schreiben konnte: Karl der Große.

Die Forschungsergebnisse wurden an diesem Freitag bei einem Workshop in Admont der Fachöffentlichkeit präsentiert, und sie erzählen eine Geschichte, die vom Fleiß mittelalterlicher Mönche, den Strategien eines legendären Kaisers und dem manchmal nachlässigen Umgang mit dem Vermächtnis aus längst vergangenen Zeiten handelt.

Die Admonter Fragmente, die über Jahrzehnte in einer Schachtel lagen und ohne Haltrichs Neugier vielleicht nie genau analysiert worden wären, stammen aus der Überarbeitung eines legendären Buchs, dessen Urschrift nicht überliefert ist, dem sogenannten Abrogans. Dabei handelt es sich um ein Werk, das mutmaßlich etwa ab dem Jahr 770 erstellt wurde und als das älteste Buch in deutscher Sprache gilt. Seinen Namen trägt es, weil das erste Wort, das darin auftaucht, "Abrogans" lautet - das Partizip des lateinischen Verbs abrogare, das so viel heißt wie: abschaffen.

Bisher dachte man, vom Abrogans seien nur drei Abschriften erhalten geblieben: Eine liegt in der Stiftsbibliothek St. Gallen, eine in der Nationalbibliothek in Paris, die dritte in der Landesbibliothek Karlsruhe. Mit Haltrichs Entdeckung kommen nun Fragmente aus einer vierten Version hinzu, die auf dem Abrogans basiert. Welches der Dokumente am ältesten ist, lässt sich noch nicht genau festlegen. Unbestritten ist aber, dass alle um das Jahr 800 herum entstanden - und sich Haltrichs Fund deutlich von den drei anderen Versionen unterscheidet.

Der Ur-Abrogans und die bisher bekannten Abschriften sind Synonymwörterbücher, in denen selten verwendete lateinische Begriffe mit einfacheren lateinischen Wörtern erklärt und dann in einer dritten Spalte ins Althochdeutsche übersetzt werden. Die Fragmente, die Haltrich fand, deuten dagegen auf die Überarbeitung des Glossars in eine Art mittelalterlichen Langenscheidt hin: Nicht nur die schwierigen, sondern auch die geläufigeren lateinischen Begriffe werden direkt ins Althochdeutsche übersetzt. In solch einem Wörterbuch konnten Mönche viel schneller nachschlagen, wie sich lateinische Bibelstellen dem gemeinen Volk auf Deutsch erklären ließen.

Die etwa 80 lateinischen Begriffe, die auf den gefundenen Pergamenten zu lesen sind, beginnen mit C und D. So taucht zum Beispiel das lateinische Wort "culix" auf, das Mücke heißt, von den Verfassern mit "fogal", also Vogel, übersetzt wurde. Oder "delectabilia", das von "erfreulich" oder "köstlich" kommt und mit dem Wort "lustlith" verdeutscht wird. "Wir haben es mit einer aufwendigen Umarbeitung des Ur-Abrogans zu tun", sagt der Wiener Germanist Stephan Müller, der gemeinsam mit seinem Fachkollegen Wolfgang Haubrichs von der Universität Saarbrücken die Forschungen koordiniert.

Doch wo entstand die benutzerfreundliche Version? Und wie konnte es geschehen, dass die erhaltenen Fragmente jahrzehntelang unentdeckt blieben?

Fragment aus Admont
Norbert Regitnig-Tillian

Fragment aus Admont

Klar ist, dass das Buch, aus dem die Dokumente stammen, nicht in Admont selbst angefertigt wurde: Das Benediktinerkloster wurde erst 1074 gegründet. Materialwissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass es sich um Pergamente aus Kalbshaut handelt - und bei der Schreibflüssigkeit um eine sogenannte Eisengallustinte. Das ist ein Gemisch aus Galläpfeln und Eisenvitriol, das im Frühmittelalter fast im gesamten west- und mitteleuropäischen Raum verwendet wurde.

Der Verfasser schrieb die Wörter in schlichten Kleinbuchstaben nieder, der sogenannten karolingischen Minuskel. Dies und weitere Indizien deuten darauf hin, dass das Fragment dem deutschsprachigen Raum entstammt und zwischen 790 und 810 entstand. Das kleine a wird nicht mehr durchgehend als doppeltes c kalligrafiert, sondern bereits in der bis heute üblichen Version. Außerdem, so stellten die Forscher fest, deuteten die Buchstabenformen auf einen "insularen Einfluss" hin - Bayern und das heutige Österreich wurden von irischen und angelsächsischen Mönchen missioniert.

Auf eine heiße Spur stieß Karin Schamberger, die Bibliothekarin in Admont. Sie konnte rekonstruieren, dass die Fragmente seit dem Jahr 1963 in jener Mappe steckten, die Haltrich im Lesesaal durchforstet hat. Damals war ein Buch aus dem 18. Jahrhundert mit dem Namen "Der geheime Schreiber" restauriert worden, und die Restauratorin löste die Pergamente vom Umschlag des Werks und lieferte sie zurück nach Admont.

Fragmente aus ausrangierten Büchern finden sich immer wieder bei der Restaurierungsarbeit. Das liegt daran, dass über viele Jahrhunderte hinweg Überreste von nicht mehr benötigten Pergamenthandschriften auf lädierte Umschläge anderer Werke geklebt wurden, damit diese mehr Stabilität bekamen. Doch wer war es, der einst die Abrogans-Fragmente auf das Buch "Der geheime Schreiber" leimte?

Schamberger vermutet, dass es ein Buchbinder aus dem oberösterreichischen Steyr gewesen sein könnte, der das Werk im 18. Jahrhundert für die Stiftsbibliothek neu einband. Für Verstärkungen des Buchrückens kaufte er ausrangiertes Pergament aus umliegenden Klöstern auf. Unter dieser Makulatur könnte auch das Buch gewesen sein, aus dem die entdeckten Fragmente gerissen wurden.

Sollte das so sein, dann könnte die Herkunft des Sensationsfundes näher eingekreist werden, denn die Klöster in Salzburg, Kremsmünster und Mondsee liegen sämtlich nicht weiter als 130 Kilometer entfernt von Steyr. Vor allem das einstige Benediktinerstift Mondsee galt im Reich Karls des Großen als Wissenszentrum, und die dort lebenden Mönche hätten die nötige Kenntnis besessen, solch ein Wörterbuch anzufertigen. "Wir müssen jetzt noch systematische Handschriftenvergleiche mit anderen Werken aus Mondsee anstellen, um sicherzugehen, dass die Dokumente von dort stammen", sagt Germanist Müller.

Die Mönche aus Mondsee verfassten, so viel ist bekannt, Musterübersetzungen von Evangelien und Predigttexten lateinischer Kirchenväter - auch deswegen, weil Karl der Große großen Wert auf Bildung und die Verschriftlichung der deutschen Sprache legte.

Der Herrscher, der im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt wurde, richtete an seinem Stammsitz in Aachen eine große Bibliothek ein und pflegte regen Kontakt zu den Gelehrten. Weil die Mondseer Mönche wussten, wie wichtig ihrem Fürsten einheitlich übersetzte Bibelstellen waren, erscheint es nur konsequent, dass sie sich an die Anfertigung eines einfach zu benutzenden Wörterbuchs machten.

Fest steht, dass die Verfasser einen enormen Arbeitsaufwand betreiben mussten, um den Abrogans in ein Wörterbuch für den täglichen Gebrauch umzuarbeiten. Problemlos waren nämlich nur die etwa 3600 Wörter in der ersten Spalte, die schon vorher alphabetisch geordnet waren. Die Begriffe in der zweiten Spalte mussten die Verfasser dagegen neu sortieren, und sie taten das bis auf den zweiten Buchstaben genau. So zeigen die von Haltrich gefundenen Dokumente, dass Wörter, die mit "Cr" beginnen, vor denen mit "Cu" stehen.

Was dank heutiger Textverarbeitungsprogramme und deren Sortierfunktion in kürzester Zeit funktioniert, hat damals mit großer Wahrscheinlichkeit viele Monate gedauert. Denn die Redakteure mussten ihre Ergebnisse ja immer wieder zwischennotieren. Pergament aus Tierhaut kam dazu kaum infrage; es war zu teuer. Wahrscheinlich half man sich mit einem Schreibuntergrund aus Wachs, in den man Notizen ritzte. Aber auch diese Methode muss extrem umständlich gewesen sein, weil man mit Dutzenden Listen parallel hantieren musste.

Es ist davon auszugehen, dass dem Schreiber der Admonter Fragmente für seine Arbeit entweder Abschriften vorlagen oder sogar der Ur-Abrogans. Diesen Wörterbuch-Erstling könnte, so eine frühere These, Arbeo, der Bischof von Freising, in Auftrag gegeben haben. Der Geistliche, so heißt es, habe aus Norditalien, wo er ausgebildet wurde, ein spätantikes Latein-Latein-Wörterbuch nach Bayern mitgebracht und es dort dann überarbeiten und übersetzen lassen.

Doch was geschah mit diesem wegweisenden Buch, das etliche Male kopiert und auch intensiv überarbeitet wurde, wie die Dokumente beweisen, die nun vorgestellt werden? Hat man es entsorgt? Möglicherweise pappen einzelne Pergamentseiten nun auf irgendwelchen Buchdeckeln - dann hätte man den Ur-Abrogans auf typisch deutsche Weise abgeschafft: per Müllrecycling.



insgesamt 7 Beiträge
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ambulans 12.05.2017
1. beim
letzten mal wars der "stern" - und dem brachte das reichlich häme (und einen richtig guten film - "shtonk!") ein. bruder konrad (jujau) - warst du es wieder? tss ...
upalatus 12.05.2017
2.
Über tausend Jahre alt, das muss ja echt und rein sein. Unverfälscht, wunderschön, unverdorben, heilig. Endlich. Wie wär's mit einem Antrag einer wohlwollenden Vergangenheitsrevivalpartei mit Antrag auf Einführung des gefundenen Deutsches als Landessprech? Heilige Schauer der Freiheit jagen bereits über krumme Sklavenrücken.
ursula-trappentreu 13.05.2017
3. Welch toller Artikel!
Mit großem Genuß habe ich diesen Artikel gelesen, eintauchend in eine andere ferne Welt. Sehr spannend geschrieben. Leider gibt es hier im Forum Leute, deren Geschichtsverständnis auf dem Level der Taliban zu sein scheint, zumindest, was den nicht vorhandenen historischen Horizont betrifft. Nur versteh ich nicht, warum diese Menschen dann überhaupt solche Artikel lesen. Ich lass mich doch auch nicht über Berichte zu Themen wie Auto-Motor-Sport aus ....
marcus_tullius 13.05.2017
4. Interessant
fand ich das Ganze auch - und auch kein Grund, darüber zu lästern. Mücke heißt auf Latein übrigens culex, nicht culix, wie im Artikel angegeben. Aber wir wollen hier den culex nicht zum elephantum facere.
ambulans 13.05.2017
5. kleiner
nachschlag zu #1 (oben): besonders schick finde ich hier, dass ein "bibliothekar und/oder handschriften-experte" überhaupt auf die idee kommen kann, anhand von zwei pergamentschnipseln >öffentlich! über ein wörterbuch für karl d. großen in einer version "lateinisch/deutsch" nachzudenken. carolus magnus wurde weihnachten 800 a.D. in rom zum kaiser gekrönt und war im nebenberuf weiterhin >könig der franken - die noch einmal in welcher sprache kommunizierten? die vielleicht gemeinte reichsteilung fand 817, nach karls tod, statt und teilte das fränkische gesamtreich in ostfranken (daraus wurden wir), in west-franken (das spätere frankreich), und eine streifen dazwischen (lotharingien) auf. eine früheste erwähnung eines begriffs wie "tiudisc" - darin kann man den ursprung des wortes "deutsch" sehen - datiert erst deutlich nach dem millenium. aber bittschön, einfach dranbleiben - es wird garantiert noch spannend ... dr. ambulans (alle kassen)
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