AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

Köln Bingo-Drama in der Seniorenspielhölle

Warum die Bewohnerinnen eines Kölner Altenheims nicht mehr Bingo spielen durften.

Spielerin Schmitt (Mitte)
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Spielerin Schmitt (Mitte)

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Beate Schmitt kommt gerade von der Wassergymnastik, eine dezent geschminkte Dame von 82 Jahren, rote Brille, goldene Ohrringe. Sie nimmt in der Küche des Seniorentreffs der Riehler Heimstätten Platz und sagt: "Dass man uns älteren Menschen diesen Spaß auch noch nehmen wollte, ist wieder typisch deutsch!"

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Heft 6/2018
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Seit 2003 lebt Schmitt in dem Kölner Altenheim, und seither hat sie dort jeden Dienstag Bingo gespielt, 15 Jahre lang. Im Dezember war damit plötzlich Schluss.

Per Aushang am Schwarzen Brett teilte die Geschäftsführung mit, die Veranstaltung könne wegen gesetzlicher Vorgaben bis auf Weiteres nicht stattfinden, man arbeite an einer Lösung, "es tut uns leid".

Auf den Fluren machte bald die Theorie die Runde, dass es sich bei Bingo aus Sicht der Behörden möglicherweise um ein Glücksspiel handle, und das sei ohne Genehmigung illegal. "Ich sehe da keinen Sinn drin", sagt Schmitt. "Wir sind doch keine Ganoven."

In den Riehler Heimstätten wird schon so lange Bingo gespielt, dass niemand mehr weiß, wann man damit angefangen hat. Frau Schmitt war gerade erst ins Heim gezogen, als ihre Nachbarin sie mit in den Festsaal nahm.

Inzwischen hat sie dort beim Bingo einen Stammplatz, am Tisch vorne links. "Wenn sich da jemand Neues hinsetzt - nee, das geht überhaupt nicht", sagt sie. Bevor das Spiel beginnt, trinkt Frau Schmitt jedes Mal eine Tasse Kaffee und bestellt ein Stück Kuchen, und pünktlich ab 15 Uhr wird gezockt.

Frau Schmitt hat so ihre Methoden. Sie kauft stets zwei Spielscheine, das erhöht ihre Chancen. Mehr als zwei Scheine jedoch seien nicht sinnvoll, sagt sie, "die kann man nicht überblicken". Außerdem achtet sie darauf, dass mindestens eine der 25 Zahlen auf jedem Schein im Geburtsdatum ihres Enkels vorkommt.

Eine Bingokarte kostet einen Euro, das ist von Bedeutung in diesem Fall. Als Preise locken eine Tüte Chips, ein Duschgel, eine Tafel Schokolade, ein Blumenstrauß. Etwa 80 Leute spielen jeweils mit, fast nur Frauen. Nicht alle kommen aus dem Altenheim, manche wohnen im angrenzenden Viertel. Auch dieses Detail ist wichtig.

Für die Seniorinnen ist Bingo mehr als ein simples Spiel, es ist eine willkommene Ablenkung vom Älterwerden, ein Stück Glück. "Einige Frauen können mit dem Rollator nicht in die Stadt, für die ist der Termin unentbehrlich", sagt Beate Schmitt. Die Ü-80-Party, die Modenschau, die Videospiele auf der Wii-Konsole - das wird alles gern genommen und ist doch alles nichts gegen das Bingo am Dienstag. Zweimal war Frau Schmitt bereits Bingokönigin. Posierte mit Diadem und Zepter, weil sie beim ersten Spiel eines Monats als Erste eine Karte komplett hatte.

Dass dieser Titel zurzeit vakant ist, liegt an einem Rechnungsprüfer, der im November im Haus war. Er entdeckte eine Quittung für Pralinen mit dem Vermerk "Bingopreise". Der Prüfer wandte sich an die Heimleiterin: Unter Umständen liege hier ein Verstoß gegen den Glücksspielstaatsvertrag vor. Die Chefin hielt den Hinweis für einen Scherz, leitete ihn aber an die Justiziarin weiter.

Der Rechnungsprüfer hatte recht. Laut Paragraf drei des Glücksspielstaatsvertrages liegt ein Glücksspiel vor, wenn "für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt" wird, wenn die Entscheidung über den Gewinn "vom Zufall abhängig" ist und wenn "für einen größeren, nicht geschlossenen Personenkreis eine Teilnahmemöglichkeit besteht".

Formaljuristisch erfüllt der Bingonachmittag also alle Bedingungen des Glücksspiels, ohne Genehmigung ist er illegal. Wenn die Bingokarten kostenlos wären, gäbe es kein Problem. Aber zum einen kaufen die Betreuer von den Einnahmen die Preise, und zweitens wollen die Senioren ihr Geld einsetzen, unbedingt. "Sonst macht es nicht so viel Spaß", sagt Beate Schmitt.

Das Heim, die Stadtverwaltung und die Bezirksregierung kabbelten sich um Spitzfindigkeiten. Laut Gesetz kann eine sogenannte kleine Lotterie nur genehmigt werden, wenn der Losverkauf die Dauer von drei Monaten nicht überschreitet. Wenn nun jeden Dienstag gespielt wird - dauert der Verkauf dann jeweils nur einen Tag oder insgesamt ein Jahr?

Während sich die Behörden mit solch philosophischen Fragen beschäftigten, berichteten nicht nur deutsche Medien vom Kölner Bingobann, auch der englische Weltsender BBC erzählte auf seiner Website von den "Elderly Germans" ohne Bingoabend, und selbst in Japan wurde der Vorfall vermeldet und bedauert.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, ganz ohne Happy End.

Aber manchmal siegt dann doch das Augenmaß über die Rechthaberei, findet sich auch in Deutschland ein kurzer Dienstweg durch den Irrgarten der Bürokratie. Mitte Januar erhielt das Seniorenzentrum von der Stadt eine Spielgenehmigung für drei Monate. Die Bezirksregierung zog nach und verlängerte die Erlaubnis auf zwei Jahre. Was danach passiert, ist offen.

Kommenden Dienstag wird wieder Bingo gespielt. Es ist das erste Krönungsbingo im neuen Jahr. Motto: "Casino Royale". Die Gäste sollen sich als Geheimagent verkleiden, als Mafiapate oder Bond-Girl. Von juristischen Schikanen befreit, will man nun "den Festsaal gemeinsam in eine Spielhölle verwandeln", wie es im Programmheft heißt. Das Titelbild zeigt Beate Schmitt, sie trägt eine dunkle Gangsterbrille und rührt die Bingotrommel, links neben ihr eine grauhaarige Dame mit Revolver und rechts eine grinsende Dame mit Geldmünzen in den Händen.

Frau Schmitt will sich am Dienstag eine Federboa um die Schultern legen, um ein bisschen verrucht auszusehen. Vielleicht wird sie Bingokönigin, vielleicht gewinnt sie eine Flasche Eierlikör. "Die schaffe ich allein", sagt sie, "da gebe ich nichts von ab."



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