AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2017

Undurchsichtiger SS-Richter Der sonderbare Fall des Konrad Morgen

Der SS-Richter Konrad Morgen ließ korrupte KZ-Kommandanten hinrichten und wollte sogar Adolf Eichmann, den Organisator des Holocaust, vor Gericht stellen. Doch leistete er damit Widerstand? Kämpfte er gegen die Judenvernichtung?

Konrad Morgen
Archiv des Fritz Bauer Instituts, Nachlass Konrad Morgen

Konrad Morgen

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Ein kleines, aber ungewöhnlich schweres Päckchen aus dem Konzentrationslager Auschwitz erregte im Herbst 1943 die Aufmerksamkeit der deutschen Zollfahndung. Die Beamten öffneten den Karton und entdeckten darin drei große Klumpen aus reinem Zahngold. Der Absender, ein Sanitäter des Lagers, hatte die kostbare Fracht an seine Frau adressiert. Da der Mann der SS-Gerichtsbarkeit unterstand, übernahm ein Richter der nationalsozialistischen Elitetruppe den Fall: Konrad Morgen.

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Heft 16/2017
Demnächst für alle! Wie der Mensch den Tod besiegen will

Der damals 34-jährige Jurist galt als Experte für alle Formen der Kriminalität im europaweiten Lagersystem der Nazis. Aber dieser Fund überraschte auch ihn, in Auschwitz war er noch nie gewesen, nach ersten Berechnungen musste es sich um das Zahngold von vielen Tausend Menschen gehandelt haben. "Eine natürliche Todesursache", so erklärte Morgen 1964 als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess, "konnte hier ja nicht obwalten, sondern die Menschen, die mussten hier ermordet worden sein."

Ihm sei schlagartig klar geworden, dass "dieses damals kaum bekannte Auschwitz ... eine der größten Menschenvernichtungsstätten sein musste, die überhaupt die Welt gesehen hatte", ein "erschütternder Gedanke", wie er gestand. Von nun an habe er nur noch daran gedacht, "was dagegen unternommen werden könnte" - so jedenfalls stellte es Morgen nach dem Krieg dar.

Die Wandlung des Juristen vom Saulus zum Paulus, vom überzeugten SS-Offizier zum Gegner der Massenvernichtung, steht im Mittelpunkt der ersten großen Biografie Konrad Morgens, verfasst von der Wiener Philosophieprofessorin Herlinde Pauer-Studer und ihrem New Yorker Kollegen J. David Velleman. Die Autoren interessieren sich vor allem für das moralische Dilemma ihres Helden, der in ein zutiefst ungerechtes System verstrickt war, aber bis zuletzt für Gerechtigkeit zu kämpfen glaubte.

Ebenso leidenschaftlich verteidigte er allerdings die "moralische Reinheit" der SS - ein Ideal, das SS-Chef Heinrich Himmler stets beschwor, wenn seine Truppe wieder einmal durch neue Brutalitäten auffällig geworden war. Morgen, so urteilen Pauer-Studer und Velleman, war "naiv und blind, was die verbrecherische Rolle" der SS betraf, ein Idealist also, der der verschwurbelten Vision eines guten und gerechten Nationalsozialismus anhing. Der Jurist teilte diesen Irrtum mit vielen Intellektuellen seiner Generation - das allein schon macht diese Biografie so spannend und lesenswert.

KZ-Arzt Josef Mengele, Ex-KZ-Kommandant Höß, SS-Offiziere bei Auschwitz
akg-images / IAM

KZ-Arzt Josef Mengele, Ex-KZ-Kommandant Höß, SS-Offiziere bei Auschwitz

Der Sohn eines Lokomotivführers war bereits im März 1933 als Jurastudent der SS beigetreten; den Nazis galt die "Schutzstaffel" als elitäre Speerspitze der Bewegung. 1939 ließ Himmler eine eigene Gerichtsbarkeit für seine Truppe einrichten, um sie vor dem Zugriff der Wehrmachtsjustiz, etwa im Falle von Kriegsverbrechen, zu schützen. Die SS-Richter sollten zwar nach dem geltenden Militärstrafrecht urteilen, aber das besondere Wertesystem der Organisation ("Treue, Anständigkeit, Ehrlichkeit") im Blick behalten.

Was Himmler darunter verstand, erklärte er in seiner berüchtigten Posener Rede vor SS-Gruppenführern. Die SS, so argumentierte er, habe zum Beispiel das gute Recht, Juden zu töten, "wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern".

Morgen trat am 1. Januar 1941 eine Stelle als Hilfsrichter am SS- und Polizeigericht Krakau an. Sein erster großer Fall war der Prozess gegen den Chef des Truppenwirtschaftslagers der Waffen-SS in Warschau, Georg von Sauberzweig. Der Offizier hatte in großem Stil konfiszierte Waren auf dem Schwarzmarkt verkauft. Morgen verurteilte ihn dafür zum Tode, Sauberzweig sowie einige Mittäter wurden hingerichtet. "Morgen konnte als Richter von schockierender Härte sein", schreiben die Autoren der Biografie. Allerdings seien Todesurteile für Delikte dieser Art in der "SS- und Polizeigerichtsbarkeit keine Seltenheit" gewesen.

Unter Morgens Regie wurden mehr als 700 Fälle von Korruption, Unterschlagung und Mord aufgegriffen. Der Jurist scheute auch vor großen Namen nicht zurück, musste allerdings bald feststellen, dass er dabei immer öfter von der SS-Führung ausgebremst wurde. Morgen bat schließlich um seine Versetzung ins ruhige Norwegen.

Beinahe hätte man ihn wegen dieser Unbotmäßigkeit selbst ins KZ gesteckt. Stattdessen musste Morgen als Soldat an die Ostfront. Schon nach einem halben Jahr, im Mai 1943, holte ihn Himmler allerdings zurück in die SS-Justiz, man brauchte ihn für die Aufklärung krimineller Netzwerke in den Konzentrationslagern.

Wenig später heftete sich Morgen an die Fersen von Karl Otto Koch, dem ehemaligen KZ-Kommandanten von Buchenwald. Koch hatte zusammen mit anderen SS-Leuten in Buchenwald große Mengen an Gold und anderen Wertsachen aus dem Besitz von Häftlingen unterschlagen. Eine erste Untersuchung war von Himmler gestoppt worden, weil es keine Zeugen mehr gab; Koch hatte sie töten lassen. Morgen recherchierte trotzdem weiter und stellte fest, dass der KZ-Chef auch in Majdanek, seiner nächsten Station, schwere Verbrechen begangen hatte. Schließlich wurde Koch festgenommen und wenige Wochen vor Kriegsende hingerichtet.

Im Zuge der Ermittlungen fuhr der SS-Richter im November 1943 nach Majdanek. Dort waren bei der Aktion "Erntefest" in zwei Tagen etwa 40.000 Juden erschossen worden. Morgen inspizierte die Massengräber vor Ort und war erschüttert.

Aber noch mehr verstörte ihn dann sein erster Besuch in Auschwitz, wo er den Fall der drei Goldklumpen aufklären musste. Man führte ihn durch die Gaskammern und Krematorien. Am Ende seines Rundgangs kam er in eine Wachstube, in der ihn eine Gruppe alkoholisierter SS-Leute, malerisch auf mehrere Sofas verteilt, erwartete: "Statt eines Schreibtisches stand ein riesiger Hotelherd da, und auf diesem buken vier, fünf junge Mädchen Kartoffelpuffer", so berichtete Morgen als Zeuge des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. "Es waren offensichtlich Jüdinnen, sehr schöne, orientalische Schönheiten, vollbusig, feurige Augen, trugen auch keine Häftlingskleider, sondern normales, ganz kokettes Zivil. Und die brachten nun ihren Paschas, die auf den Couchen da rumlagen und dösten, die Kartoffelpuffer und fragten besorgt, ob auch genügend Zucker darauf war." Morgen konnte kaum glauben, was er da sah, einer seiner Begleiter erklärte nur: "Die Männer haben eine schwere Nacht hinter sich. Sie hatten einige Transporte abzufertigen."

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Herlinde Pauer-Studer, J. David Velleman:
"Weil ich nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin."

Der Fall des SS-Richters Konrad Morgen

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Für den überzeugten SS-Offizier Morgen schien diese Szene ein Sinnbild des moralischen Niedergangs seiner Truppe zu sein, Sodom und Gomorrha schlechthin.

Doch welche Konsequenz zog Morgen aus seinem Besuch in Auschwitz? Er habe, so behauptete er nach dem Krieg, zunächst über eine Flucht ins Exil nachgedacht oder über ein Attentat auf Hitler. Schließlich habe er sich aber entschieden, den Judenmord auf legalem Wege zu bekämpfen.

Die beiden Autoren der Biografie nehmen ihm diese Wandlung ab, Morgens Erinnerungen seien "zum größten Teil wahrheitsgemäß". Sie zitieren Zeugen aus der Nachkriegszeit, die ihm eine regimekritische Gesinnung bescheinigten. Und sie führen jene Ermittlungen auf, die der SS-Richter in den letzten Kriegsjahren gegen prominente NS-Täter anstrengte.

So klagte Morgen gegen den Gestapo-Chef von Auschwitz wegen willkürlicher Erschießungen im Lager; er ermittelte gegen den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß wegen dessen Affäre mit einer tschechischen Häftlingsfrau; und er versuchte sogar, den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, vor Gericht zu bringen - wegen der Unterschlagung wertvoller Diamanten. Bestraft wurde damals keiner der drei.

War Morgen also wirklich zu einem entschiedenen Gegner des Holocaust geworden? Einige Indizien sprechen für einen Gesinnungswandel, viele andere dagegen. Der Jurist hatte sich zwar mächtige Feinde in der SS-Führung gemacht, immer wieder wurden seine Anklagen kassiert, und doch ließ man ihn bis zum Kriegsende gewähren. "Von Konrad Morgen", so schrieb der Schweizer Historiker Raphael Gross in einer älteren Studie über den SS-Richter, "finden wir aus der NS-Zeit keinerlei Zeugnisse, die auf so etwas wie Widerstand schließen lassen."

Auch sein Auftritt im Auschwitz-Prozess sei nicht ehrlich gewesen, meinte Gross: "Während die Empörung über die Verfehlungen der Wachmannschaften und anderer SS-Offiziere bei Morgen echt wirkt, scheint seine Empörung über die Ermordung der Juden viel schwächer, vielleicht sogar nachträglich vorgespielt zu sein."

Nach dem Krieg geriet Morgen in amerikanische Gefangenschaft. Er sagte als Zeuge in weiteren NS-Prozessen aus, und die Spruchkammer entnazifizierte ihn 1948 - jenen Konrad Morgen, der noch im Januar 1945 in einem Brief an seine Verlobte geschrieben hatte, Heinrich Himmler sei ein "großer Mensch mit warmempfindendem Herzen".



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