AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2016

Serienkiller Niels Högel Der Todesengel mordete und mordete

Der Krankenpfleger Niels Högel tötete Patienten in Serie, wohl mindestens 41 - ein Jahrhundertverbrechen. Verantwortlichen in der Klinik droht nun der Prozess, weil sie den Mann nicht aufhielten. Hinweise gab es genug.

Josef-Hospital, ehemaliges Klinikum Delmenhorst
Jörg Oberheide / DER SPIEGEL

Josef-Hospital, ehemaliges Klinikum Delmenhorst

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Drei DIN-A4-Seiten, das ist das Beweisstück. 15 Jahre lang lagen sie in einer Schublade des Oldenburger Klinikums. Wo genau, möchte Geschäftsführer Dirk Tenzer nicht sagen, er habe das Papier im Frühjahr der Polizei übergeben. Todesfälle seien dort aufgelistet, ja, und die Namen von Pflegern und Krankenschwestern. Die Notizen seien aber "unvollständig und unsystematisch". Wer die Aufzeichnungen verfasst habe, wisse er nicht.

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Heft 44/2016
Der erste Wutbürger

Für die Ermittler der Sonderkommission "Kardio" bei der Polizeidirektion Oldenburg markieren die Blätter aus dem Jahr 2001 so etwas wie die Stunde null. Denn es handelt sich offenbar um den ersten schriftlich dokumentierten Verdacht gegen den Krankenpfleger Niels Högel, der Dutzende Patienten getötet haben soll, indem er sie in einen lebensbedrohlichen Zustand spritzte. Er wollte sie danach reanimieren, "einen besonderen Kick" habe ihm das gegeben, gestand Högel einem Gutachter. In seinem letzten Prozess wurde er 2015 unter anderem wegen zweifachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Noch bevor das Urteil gesprochen war, machte Högel selbst klar, dass er wohl noch viel mehr Menschen auf dem Gewissen hat. Inzwischen ist die Staatsanwaltschaft Oldenburg überzeugt: Mindestens 41 Patienten, die ihm anvertraut waren, sind vermutlich für diesen "Kick" gestorben. Es wäre eine beispiellose Mordserie, ein Jahrhundertverbrechen.

Einige Hundert Todesfälle aus den Jahren 1999 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst untersuchen die Ermittler von der Soko "Kardio", rund hundert Leichen wurden bisher exhumiert. Im nächsten Jahr erwartet Högel ein weiterer Mordprozess.

Serienmörder Högel

Serienmörder Högel

Mehrere verstorbene Patienten, die der heute 39-jährige ehemalige Krankenpfleger getötet haben soll, finden sich bereits in dem Papier von 2001. Da arbeitete Högel, damals 24, seit knapp zwei Jahren auf der herzchirurgischen Intensivstation im Klinikum Oldenburg. Ein Todesengel, der noch vier Jahre Zeit haben sollte, ungestört zu morden.

Das Beweisstück besteht aus zwei Teilen: einer handschriftlichen Liste mit den Namen von etwa 50 Patienten. Hinter jedem Namen steht ein Datum - und daneben in den meisten Fällen ein Kreuz. Der zweite Teil ist eine Strichliste auf einer Übersicht der damaligen Mitarbeiter. Für jeden Todesfall nach einer Reanimation, bei dem sie im Dienst waren, ein Strich. Auffällig sind die vielen Striche hinter einem Namen: Niels Högel. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Papier in der Pflegedienstleitung entstand. Aber warum verschwand diese Liste in einer Schublade? Warum rief niemand die Polizei?

Die Geschichte des Krankenpflegers Niels Högel, der sich zuerst in Oldenburg und danach in den Städtischen Kliniken Delmenhorst (heute Josef-Hospital) zum Herrn über Leben und Tod von Patienten aufschwang, ist auch eine Geschichte von mangelnder Verantwortung und fehlendem Pflichtbewusstsein. Denn es gab sie zuhauf, die Verdachtsmomente wie damals im Jahr 2001. Aber niemand stoppte Högel.

Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen auch wegen der Schuld der anderen. Es geht um Verantwortliche, die nicht richtig hingesehen haben oder nicht zuhörten, wenn sie Hinweise bekamen, die nicht handelten, wie sie wohl hätten handeln müssen. Ein früherer Verwaltungsdirektor, ein Chefarzt, die Pflegedienstleiterin, der damalige Stationsleiter, seine Vertreterin und weitere, alle aus Delmenhorst. Sie standen im Verdacht, von der deutlich erhöhten Notfall- und Todesrate zu den Dienstzeiten Högels gewusst zu haben, auch von den auffällig häufigen Bestellungen des Herzmittels Gilurytmal, das Högel bei seinen Manipulationen spritzte.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft mehrere Ermittlungsverfahren wieder eingestellt, weil die Beweismittel für eine Anklage nicht reichten. Nur bei einem Stationsleiter und seiner Stellvertreterin hat sich der Verdacht offenbar erhärtet. Ihnen droht noch in diesem Jahr eine Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen. Aussagen und Indizien belasten sie schwer. Zudem ermittelt die Soko gegen drei Verantwortliche aus dem Klinikum Oldenburg.

Warum taten die Führungskräfte nichts? Wollten sie nicht glauben, was so viele für undenkbar hielten: dass ein Helfender aus ihren eigenen Reihen Patienten absichtlich in Todesnähe spritzte, um sich bei Reanimationen in Szene zu setzen? Es kann jedenfalls nicht sein, dass keiner etwas wusste, keiner etwas ahnte. Nach den jüngsten Zeugenaussagen von Krankenschwestern und Pflegern verging auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst kaum ein Dienst von Högel, ohne dass es zu lebensbedrohlichen Komplikationen kam. Es habe kaum noch Patienten gegeben, die sie hätte aufmuntern können, sagte eine Krankenschwester der Polizei, da sie alle verstorben seien.

Während viele Krankenhausbeschäftigte in ihren Aussagen auffällig vage blieben, erinnerten sich manche noch ganz genau an ihren ehemaligen Kollegen Högel. Zum Beispiel die Schwester, der eine gewisse "Häufung" von Todesfällen auffiel. Vor allem dann, wenn Högel Nachtschicht hatte. Die Betten verstorbener Patienten hätten in der Regel morgens vor der Tür gestanden. Wenn sie dann zum Frühdienst gekommen sei, habe sie gedacht: "Oh, was ist jetzt wieder passiert - ist Niels wieder da?" Von drei bis vier Todesfällen in der Woche berichtete eine andere Krankenschwester. Sie habe Högel von Anfang an in Verdacht gehabt. Zunächst seien die Patienten gestorben, die er selbst versorgte. "Jedes Mal, jeden Tag" sei jemand gestorben. Dann habe es einen Wandel gegeben. "Plötzlich verstarben die Patienten der Kollegen." Eine Mitarbeiterin soll ausdrücklich darum gebeten haben, Högel nicht auf die Zimmer ihrer Patienten zu lassen. Auf der Station seien Sätze gefallen wie: "Pass heute auf meine Patienten auf, bitte, nicht, dass sie morgen nicht mehr da sind."

Auch bei Rettungswagen-Einsätzen soll Högel laut Zeugenaussagen auffällig viele Notfallpatienten unnötigerweise intubiert haben. Zweien der Patienten habe er zuvor eine Spritze verabreicht. Wenn sie dann in der Notfallambulanz ankamen, sei es ihnen bald wieder besser gegangen.

Eine Stationsmitarbeiterin sagte aus, es sei sogar bekannt gewesen, dass Niels Högel immer aufgezogene Spritzen bei sich getragen habe. Jedes Mal, wenn er Dienst hatte, habe es einen Sterbefall gegeben. Diese Verdachtsmomente seien auch an die Pflegedienstleitung weitergegeben worden. Warum ließ man ihn trotzdem gewähren? Bereits in seiner Anfangszeit in Delmenhorst sah eine Schwester, wie Högel einem ihrer Patienten etwas spritzte, kurz darauf habe der reanimiert werden müssen. Da ihr das merkwürdig vorgekommen sei, habe sie den Vorfall dem Stationsleiter gemeldet. Der habe ihr lediglich gesagt: "Stell dich nicht so an. Da musst du mit leben. Die Leute werden heutzutage nun mal älter und versterben auch mehr." Gegen den Mann wird nun ermittelt.

Als Niels Högel im Juni 1999 ans Klinikum Oldenburg kam, konnte keiner ahnen, dass mit dem jungen engagierten Mann etwas nicht stimmte. Er war in Wilhelmshaven am katholischen St.-Willehad-Hospital ausgebildet worden, wo schon sein Vater als Krankenpfleger gearbeitet hatte.

Die herzchirurgische Intensivstation am Klinikum in Oldenburg ist mit breiten Türen aus Milchglas verschlossen. Besucher kommen nur herein, wenn sie auf einen Klingelknopf drücken. Dann öffnen sich die Türen automatisch mit einem Klacken. Durch einen breiten Gang gelangt man zur Zentrale der Station an einer hellgrauen Theke. Dahinter sitzen die Schwestern und Pfleger und überwachen über Monitore ihre frisch am Herzen operierten Patienten.

Es ist ein fast perfekter Kontrollapparat. Selbst in den Pausen entgeht den Intensivpflegern keine Regung ihrer Patienten, sogar im Mitarbeiterraum sind Monitore aufgestellt.

Stundenlang, so erzählt sein ehemaliger Kollege Frank Lauxtermann, habe Högel auf diese Monitore starren können. Es waren diese blinkenden Kurven, die ihn faszinierten, das Auf und Ab der Atmung, die Werte des Blutdrucks, die Kurve des Herzschlags. Die Patienten als Menschen hingegen interessierten ihn kaum. "Oberflächlich", sagt Lauxtermann, sei Högels Verhältnis zu ihnen gewesen.

Wenn dann aber ein Monitor Alarm gab, weil das Herz aus dem Rhythmus gekommen war, dann war Högel sofort zur Stelle: Er wusste genau, was zu tun war bei einer Reanimation: Herzdruckmassage, defibrillieren, intubieren, beatmen. "Der Högel hatte das Weiße in den Augen, wenn er reanimiert hat, so wild war er darauf", erzählt Lauxtermann. Bei vielen Kollegen, auch bei vielen Ärzten, genoss er deshalb hohes Ansehen.

Doch bald machten wegen der vielen Notfälle erste Gerüchte auf der Intensivstation die Runde. Patienten, deren Zustand stabil war, standen von einem Moment auf den anderen an der Schwelle zum Tod. Und immer wieder war der eifrige Pfleger aus Wilhelmshaven zur Stelle. Aber das konnte ja auch Zufall sein. "Pechvogel", so hätten sie Niels Högel anfangs genannt.

Zeuge Lauxtermann
Jörg Oberheide / DER SPIEGEL

Zeuge Lauxtermann

Der damals noch schlanke Kollege mit der großen Klappe war durchaus beliebt. Er hatte Schlag bei Frauen, konnte ausgelassen feiern, trinken und tanzen. Misstrauisch wurde Lauxtermann erst mit der Zeit, so wie etliche andere auch. "Als ich das erste Mal stutzig wurde, war es ein Nachtdienst, den ich zusammen mit Högel hatte und in dem es sechs Reanimationen gab. Aus dem Nichts heraus", erzählt er.

Aus dem "Pechvogel" wurde der "Todes-Högel", weil immer wieder Patienten starben, wenn er Dienst hatte.

Doch erst 2014, als langsam das ungeheure Ausmaß der Taten ans Licht kam, meldete Frank Lauxtermann sich als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Inzwischen ist er in Frührente und grübelt immer wieder darüber nach, warum damals niemand die Sache zu Ende dachte und Högel einfach anzeigte.

Irgendwann seien hohe Kaliumwerte bei den Reanimationen aufgefallen. 8,7 mmol/l (Millimol pro Liter) einmal, daran kann Lauxtermann sich noch erinnern. Ein anderes Mal sogar über 10. Normal sind höchstens 4,8. Derart hohes Kalium lässt das Herz stillstehen, und einfach so, ohne Grund, steigt der Wert nicht so steil an.

"Wie die Idioten haben wir versucht, das Leben des Patienten noch zu retten", so Lauxtermann. "Wir haben Glucose und Insulin gegeben, um das Kalium zu senken, und in Einzelfällen sogar eine Notfall-Dialyse gemacht, um es aus dem Körper zu waschen." Manchmal, sagt er, sei es ihnen gelungen. Manchmal aber auch nicht.

Die Ärzte suchten den Grund für die hohen Werte bei der Herz-Lungen-Maschine, andere glaubten an eine Verwechselung von Kalium- und Kochsalzlösung. "Und irgendwie hatte man auch Högel im Hinterkopf", sagt Lauxtermann, "aber man hat diesen Gedanken einfach nicht weiter gedacht." Später bestätigte sich bei den Ermittlungen, dass Högel neben dem Herzmittel Gilurytmal auch Kalium für seine Manipulationen benutzte.

In der zweiten Jahreshälfte 2000, Niels Högel war schon ein gutes Jahr da, ging Lauxtermann zum stellvertretenden Stationsleiter und erzählte ihm von seinem Verdacht. "Ja, das haben wir im Auge", sei die Antwort gewesen. Passiert sei dann aber nichts. Viele, sagt Lauxtermann, seien wie geblendet gewesen von Högels Können bei den Reanimationen.

Wollte man wirklich einen geschätzten Mitarbeiter nicht zu Unrecht beschuldigen? Oder ging es eher darum, nichts nach außen dringen zu lassen, um den guten Ruf des Hauses zu wahren? Selbst der damalige Chefarzt der Herzchirurgie, so klagte er im Prozess, stieß bei der Pflegedienstleiterin mehrfach auf "taube Ohren", als er ihr seine Bedenken über Högel mitteilte. Offenbar habe sie einen der ihren schützen wollen.

Ende 2001 ließ Högel sich in die Anästhesie in Oldenburg versetzen, wo er bei Narkosen half und im Aufwachraum. Als es dort bei einem Patienten einmal zu einem Herzstillstand kam, holte er zwei Lernschwestern, um sie mit seinen Reanimationskünsten zu beeindrucken. Im OP-Saal stand er offenbar zu sehr unter Beobachtung.

Im Spätsommer 2002, berichtet Geschäftsführer Dirk Tenzer, habe ein frisch operierter Tumorpatient dann überraschend einen Herzstillstand erlitten. Ob Niels Högel dabei seine Finger im Spiel hatte, konnte nie geklärt werden. Aber nun zog die Klinikleitung Konsequenzen: Högel sollte gehen.

Trotz des offenkundigen Verdachts erhielt er ein makelloses Zeugnis und den goldenen Handschlag: Die Klinik überwies weitere Bezüge samt Weihnachtsgeld.

Bei seinem künftigen Arbeitgeber, dem Klinikum Delmenhorst, deutete Ende 2002 nichts darauf hin, dass mit Högel der Tod auf die Intensivstation kam. Die Kollegen aus Oldenburg hätten sie mit dem guten Zeugnis "ins offene Messer laufen lassen", empört sich ein ehemaliger Mitarbeiter aus Delmenhorst. Auch als Högel dann bei ihnen war, habe sie niemand gewarnt.

Und so hat Högel am 15. Dezember 2002 in Delmenhorst einen prima Start. Auf einem Betriebsfest verliebt er sich in eine Krankenschwester. Bereits nach vier Wochen zieht er zu ihr ins Reihenhaus. Sie wird schwanger, die beiden heiraten. Dass Högel im Dienst schon nach kurzer Zeit erneut den "Kick" sucht, ahnt offenbar niemand, auch seine Frau nicht.

Ehemaliger Krankenpfleger Högel vor Gericht
DPA

Ehemaliger Krankenpfleger Högel vor Gericht

Zwei Tage vor Heiligabend 2002, da ist Högel gerade mal sieben Tage auf der Station, stirbt um 17.37 Uhr der 64-jährige Johann W. Laut Ermittlungsbericht der Polizei vom 11. Juli 2016 fanden Rechtsmediziner bei der toxikologischen Untersuchung seiner exhumierten Leiche Rückstände des Wirkstoffs Ajmalin, wie er in Gilurytmal enthalten ist. In seiner Vernehmung räumt Högel die Manipulation ein; er könne sich gut an den Fall erinnern.

So geht es fast ununterbrochen weiter: Jeden Monat sterben ein bis zwei Patienten, nachdem der Krankenpfleger ihnen ohne Anlass das gefährliche Medikament, das bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird, in die Venen gespritzt hat. Eigentlich soll das Mittel das Herz wieder in Takt bringen, doch wenn man es zu schnell spritzt oder überdosiert, wie Högel es tat, löst es einen krankhaften Herzschlag bis hin zum Herzstillstand aus.

Am 6. Februar 2003 stirbt Wilfried R., 77, am 7. März Hannelore N., 72, am 28. März Brigitte A., 60. Im April trifft es die 92-jährige Gertrud T., an die sich Högel nur flüchtig erinnert, anders als bei Lidia B., 53, die am 11. Januar 2005 zu Tode kommt und die er deshalb so gut im Gedächtnis behalten hat, wie er später zu Protokoll gibt, weil seine Exfreundin auch Lidia hieß. In etlichen Fällen räumt Högel die Gabe von Gilurytmal ein, häufig schließt er es zumindest nicht aus. Insgesamt 35 Fälle glaubt die Soko "Kardio" dem Todespfleger nun allein auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst nachweisen zu können. Bei diesen Toten wurde das Medikament nachgewiesen. Sechs weitere Todesfälle rechnet die Staatsanwaltschaft Högel in Oldenburg zu. Die Leitung des Klinikums geht nach der Auswertung eines Gutachtens sogar davon aus, dass Högel in Oldenburg insgesamt 16 Patienten getötet haben könnte.

Für all diese Fälle gibt es Beweise oder starke Indizien. Vermutlich hat der Krankenpfleger weitaus mehr Menschen getötet. Starben vor und nach Högels Dienstzeit in Delmenhorst jährlich etwa 80 Patienten auf der Intensivstation, so waren es plötzlich mehr als doppelt so viele. Im Jahr 2003 weist die Statistik 177 Sterbefälle auf, im Jahr 2004 kamen 170 ums Leben. Nach Högels Ausscheiden sank die Sterberate wieder auf das alte Niveau.

Die Soko "Kardio" geht inzwischen davon aus, dass Högel in Delmenhorst und Oldenburg nicht nur mit Herzmitteln experimentierte. Indizien deuten demnach unter anderem auf die Gabe von "Muskelrelaxantien wie Succinylcholin" hin, ein Mittel, das zur Lähmung der Atmung führt. Auffällig ist zudem der hohe Bedarf des Betablockers Sotalol im Klinikum Delmenhorst. Eine gefürchtete Nebenwirkung dieses Medikaments, insbesondere in hohen Dosen: Herzrhythmusstörungen, bis hin zum Herzstillstand. In Högels Spind stellte die Polizei auch eine Schachtel Sotalol sicher.

Im Jahr 2003 stieg die Anzahl der Sotalol-Bestellungen im Klinikum Delmenhorst um das Zehnfache. Ob sich weitere Högel-Taten über die Spur dieses Medikaments aufklären lassen, ist allerdings unklar. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft ist offen, ob Rückstände von Sotalol in exhumierten Leichen nachgewiesen werden können. Etliche Verstorbene wurden zudem eingeäschert.

Fiel im Krankenhaus niemandem der hohe Verbrauch der Medikamente auf, die hohen Todeszahlen? Tatsächlich hatte sich im April 2004 die Arzneimittelkommission der Klinik mit den Bestellungen von Gilurytmal beschäftigt. Doch statt der Ursache für den hohen Verbrauch nachzugehen, beschloss die Runde, den Zugang zum Medikament sogar noch zu erleichtern. Es wurde von einem "Sonderanforderungsmedikament" zu einer Standardbestellung umgelistet. Auch dafür war eigentlich ein Ärzte-Passwort nötig. Doch das war anscheinend allgemein bekannt, wie Zeugenaussagen nahelegen. Offenbar hatten die Vorgaben dem Personal zu viel Stress bereitet.

Die frühere stellvertretende Stationsleiterin sagte anfangs noch bereitwillig als Zeugin bei der Polizei aus. Ihr sei der hohe Gilurytmal-Verbrauch auf der Station aufgefallen, sagte sie. Darum habe sie angefangen, in ihren Diensten die Ampullen zu zählen. Es gehört zu den Besonderheiten dieses Falles, dass ausgerechnet diejenigen, die an der Aufklärung mitwirken und ihre Beobachtungen schildern, Gefahr laufen, selbst ins Visier der Ermittler zu geraten. Diejenigen hingegen, die sich ahnungslos geben, bleiben vermutlich unbescholten.

Am 10. Mai 2005 tauchen Gilurytmal-Ampullen bei einem toten Patienten der Intensivstation auf, dem sie nicht verschrieben worden waren. Wieder schlägt niemand Alarm. Sie habe den Fund kurz darauf dem Vorgesetzten gemeldet, wird die Krankenschwester später bei der Polizei aussagen. Doch tatsächlich vergingen weitere 13 Tage. Das stellte die Soko anhand der Dienstpläne fest: der Stationsleiter war im Urlaub.

Zwölf Tage später, am 22. Mai, stirbt Irmgard P., 76. Högel soll ihr ebenfalls Gilurytmal gespritzt haben. Zumindest theoretisch hätten also dieser mutmaßliche Mord und die drei folgenden letzten Högel zugerechneten Todesfälle im Klinikum Delmenhorst verhindert werden können.

Doch erst einen Monat später, am 22. Juni 2005, wurde Högel beinahe auf frischer Tat ertappt, als er einem Krebspatienten Gilurytmal spritzte und die Zufuhr eines kreislaufstabilisierenden Medikaments abschaltete. Ein Pfleger entdeckte kurz darauf vier leere Ampullen Gilurytmal im Abfall der Station; auch in einer Blutprobe, die dem Patienten gleich abgenommen worden war, fand sich der Wirkstoff.

An diesem Tag gelang es Högels Kollegen, das Leben des Patienten noch einmal zu retten. Am nächsten Tag aber starb er. Högel wurde verhaftet.

Dass er nicht viel früher aufflog, lastet die Staatsanwaltschaft dem verantwortlichen Krankenhauspersonal an. Aufgrund ihrer Position, so die Ermittler, wären die Mitarbeiter zum Handeln verpflichtet gewesen. Insbesondere für den Stationsleiter und seine Stellvertreterin habe sich dieser Verdacht noch verstärkt.

Möglicherweise hätte man deutlich früher einschreiten müssen, räumt auch der Bremer Rechtsanwalt Helmut Pollähne ein, der eine der Beschuldigten vertritt. Jetzt aber gegen einzelne Mitarbeiter den "ungeheuerlichen Vorwurf der vorsätzlichen Patiententötung durch Unterlassen" zu erheben sei ein durchsichtiges Manöver. Es gehe darum, "die Verjährungsfrist auszuhebeln". Denn die Straftat einer fahrlässigen Tötung sei längst verjährt.

Ganz von der Hand zu weisen ist sein Vorwurf nicht. Denn die Staatsanwaltschaft Oldenburg selbst ließ den Fall Högel offensichtlich jahrelang schleifen. Zum einen wurde dem Krankenpfleger 2006 nur der Prozess im Fall Dieter M., 63, gemacht, dem Krebspatienten, bei dem man ihn erwischt hatte. Mal war der zuständige Oldenburger Staatsanwalt im Urlaub, mal konnten wichtige Zeugen monatelang nicht vernommen werden. Auch Exhumierungen lehnte der Ermittler zunächst ab, wegen der "schwerwiegenden Belastungen der Angehörigen".

So blieb der Jahrhundertfall des Serienmörders über zwei Jahre auf dem Schreibtisch des Staatsanwalts liegen. Als dies bekannt wurde, leitete die Staatsanwaltschaft Osnabrück ein Verfahren gegen den Oldenburger Kollegen wegen Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung ein. Doch das Landgericht Oldenburg ließ die Anklage nicht zu. Begründung: Es bestehe kein hinreichender Tatverdacht. Die Osnabrücker Ermittler legten Beschwerde gegen den Beschluss ein: Die Justiz müsse sich die Aufklärung der "schwerwiegenden Fehler zumuten, die bei der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung der Jahrhundert-Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel nun mal passiert sind", hieß es. Die Beschwerde hatte keinen Erfolg.

Voraussichtlich im Frühjahr könnte der Prozess gegen den damaligen Stationsleiter und seine Stellvertreterin in Delmenhorst beginnen, noch vor einem erneuten Prozess gegen Högel - 16 Jahre nachdem auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg jemand einen schweren Verdacht hegte und jene Liste mit den vielen Kreuzen anlegte. Bei der Staatsanwaltschaft hat sich der Verfasser bis heute nicht gemeldet. Die Ermittlungen dauern an.

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badpritt 30.10.2016
1. Führungsversagen
das ist ein eklatantes Führungsversagen, verbunden mit falscher Solidarität innerhalb einer Berufsgruppe. Die Ignoranz der Staatsanwaltschaft kommt erschwerend dazu. Man müsste in Deutschland den Tatbestand der "Körperverletzung durch Institutionen" = "coporate manslaughter" einführen. Vielleicht erhöht das die Aufmerksamkeit bei Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern.
binismus 30.10.2016
2. Der Todesengel mordete und mordete.
Hat denn noch niemand begriffen, dass OP-Ärzte ständig mit dem Tod konfrontiert sind? Dass man da dem Tod gegenüber absolut abstumpft (so lange es nicht der eigene ist) ist doch ganz normaler Berufsalltag von Ärzten. Und da sie (die Ärzte) das wissen, lassen sie sich ja auch vor jeder OP vom Patienten eine Haftungsfreistellung unterschreiben!!! Ist doch alles ganz normal!!!
benneschneider 06.11.2016
3. Nichts Neues
Von beispiellos kann leider keine Rede sein. Den Autoren sei "Krankentötungen..." von K.Beine zur Lektüre ans Herz gelegt. Regelmäßig bei Tötungsserien haben viele Kollegen schon lange was gewusst. Auch Spitznamen haben die TäterInnen meist schon gehabt. Statt Skandalisierung brauchen wir profundes Wissen über solche Taten in der Branche, damit es zukünftig früher auffällt UND dann jemand einschreitet
brille000 22.10.2017
4. De Spitze des Eisbergs
Wie schon im Artikel erwähnt, ist für lediglich 41 Opfer der Nachweis der Tötung durch Högel erbracht. Was die Dunkelziffer anbelangt, so geisterte die Zahl von 300 auch schon durch den Informationsdschungel. Es ist wohl der Hartnäckigkeit der Tochter eines der Opfer zu verdanken, dass das Ganze überhaupt aufgedeckt wurde. Von der unrühmlichen Rolle der Oldenburger Staatsanwaltschaft in dieser Sache mal ganz zu schweigen. Erbärmlich das Geschehen um die vermeintlich Zuständigen. Es wird heruntergespielt und unter den Tisch gekehrt.
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