AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Straftaten von Zuwanderern Angst und Zahlen

Diebstähle und Schwarzfahren - die Kriminalität bei Zuwanderern ist im vergangenen Jahr gestiegen. Statistisch gesehen ist das Risiko jedes Einwohners, mit Straftaten konfrontiert zu werden, trotzdem gesunken. Wie passt das zusammen?

Einbrecher (Illustration)
DPA

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Es ist ein jährliches Ritual der Bundespolitik, aber diesmal könnte die Aufmerksamkeit besonders groß sein, denn im September wird gewählt. Und wenn CDU-Innenminister Thomas de Maizière am Montag die neue Kriminalstatistik vorstellt, wird es auch um ein Thema gehen, das diese Wahl beeinflussen kann: Wie sicher ist das Land? Wie kriminell sind Zuwanderer?

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Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Es gibt schon Zahlen, erhoben von den 16 Bundesländern, die der SPIEGEL zusammengeführt hat: Danach ist die Zahl aller in Deutschland registrierten Straftaten leicht gestiegen - von 6,33 Millionen auf 6,37 Millionen. Andererseits leben viel mehr Menschen im Land, vor allem, weil so viele Zuwanderer kamen. Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes schätzen, dass Deutschland jetzt 82,8 Millionen Einwohner hat, ein historischer Höchststand. Dass mehr Menschen auch mehr Gesetzesverstöße begehen, liegt nahe. Zudem kann man aus der Gesamtzahl der Straftaten viele Zählfälle herausrechnen, etwa Zigtausende Routineanzeigen wegen illegalen Grenzübertritts von Flüchtlingen: Solche Verfahren werden fast immer eingestellt, sobald die Migranten Asylanträge stellen.

Ohne ausländerrechtliche Verstöße bleiben nach den Länderzahlen noch etwa 5,88 Millionen Straftaten der sogenannten "allgemeinen Kriminalität" übrig. Das wären weniger als im Jahr 2015. Statistisch gesehen wäre das Risiko jedes Einwohners, mit Straftaten konfrontiert zu werden, trotz Zuwanderung gesunken. Dieser nüchterne Befund steht im Widerspruch zu dem, was viele Bürger fühlen, nämlich Angst.

Tatsächlich finden sich in den Spalten der neuen Kriminalstatistiken auch viele Daten, die eine neue Debatte über Kriminalität und die Folgen der Zuwanderung auslösen können. Im vergangenen Jahr habe sich eine "deutliche Zunahme" der "durch Zuwanderer begangenen Straftaten" abgezeichnet, schrieb das Bundeskriminalamt (BKA) schon vor einigen Wochen in einem Bericht.

Den Flüchtlingen wurden laut BKA größtenteils Vermögens- und Fälschungsdelikte vorgeworfen, es ging vor allem ums Schwarzfahren. Aber auch Diebstähle und Gewalt machten jeweils etwa ein Viertel der registrierten Fälle aus. Die Opfer waren häufig andere Flüchtlinge in Sammelunterkünften.

Auch mehrere Bundesländer wiesen in den vergangenen Wochen und Monaten auf teilweise rasant gestiegene Kriminalitätszahlen bei Zuwanderern hin - sie interpretierten sie allerdings unterschiedlich.

In den Asylbewerberunterkünften seien mehr als doppelt so viele Straftaten registriert worden wie 2015, klagte Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Über 500-mal wurde in seinem Land wegen Verdachts auf Sexualdelikte gegen Zuwanderer ermittelt. In Baden-Württemberg hieß es, 2016 sei etwa jeder zehnte Tatverdächtige im Ländle ein Flüchtling oder Asylbewerber gewesen. 60 Prozent der Körperverletzungen, bei denen Flüchtlinge als Tatverdächtige gelten, seien in Asylheimen begangen worden. Doch das bedeute auch, dass 40 Prozent der Taten außerhalb der Unterkünfte passiert seien, rechnete der Stuttgarter Innenstaatssekretär Martin Jäger (CDU) vor. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) verwies dagegen auch auf statistische Effekte: Im vergangenen Jahr hätten sich mehr Flüchtlinge ganzjährig im Land aufgehalten als 2015.

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Polizeiliche Kriminalstatistiken sind umstritten. Ihre Aussagefähigkeit ist schon deshalb begrenzt, weil dort nur solche Taten und Tatverdächtige abgebildet werden, um die sich die Polizei gerade kümmert. Die gesammelten Daten sind verzwickt und auslegungsfähig, auch Fachleute vertun sich dabei schnell mal. So kommentierte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums im Juni 2016 einen Zwischenstand des BKA-Lageberichts mit den Worten: "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche."

Der griffige Satz schaffte es sofort in die Überschriften vieler Zeitungen. Allerdings deckten die BKA-Zahlen diese Aussage überhaupt nicht - ebenso wenig wie das Gegenteil.

Die Polizeistatistiker hatten einen Vergleich zwischen einheimischer Bevölkerung und Zuwanderern gar nicht gemacht, er ist methodisch fragwürdig. Schon der Begriff "Zuwanderer" wird in den Ländern unterschiedlich definiert. Ausländische Profieinbrecher können schon in diese Rubrik geraten, wenn sie nur kurz zu Raubzügen nach Deutschland kommen und bei einer Kontrolle pro forma einen Asylantrag stellen.

Statistisch knifflig wird die Sache auch, weil von den rund 1,2 Millionen Asylsuchenden, die in den vergangenen beiden Jahren kamen, etwa ein Drittel junge Männer unter dreißig waren - eine Gruppe, die statistisch besonders häufig kriminell wird. Zudem bringen kleine Gruppen das Bild in Schieflage. Das BKA schrieb in seinem Lagebericht, dass nur 2 Prozent der Zuwanderer aus den nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko stammten. Sie stellten aber 22 Prozent der Tatverdächtigen aus der Zuwanderergruppe. Und Georgier machten nur 0,6 Prozent der Zuwanderer aus, stellten aber 5 Prozent der Verdächtigen. Die Täter würden teils gezielt für Diebstähle angeworben und beantragten dann Asyl, heißt es in einer weiteren Analyse des Amtes. Für echte Flüchtlinge sind das keine guten Nachrichten. Die Intensivtäter verderben die Statistik.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Ökofred 23.04.2017
1. Thema verschenkt
Statt darauf einzugehen, dass in D Mord und Totschlag seit Jahrzehnten zurückgehen (laut polizeilicher Kriminalstatistik), und zwar massiv, wird doch wieder nur die Angstdebatte geschürt. Und Flüchtlinge, ganz wichtig. Einbrüche waren übrigens Anfang der 90er höher als jetzt, will aber keiner hören, weil "alle 3 Minuten ein Einbruch" natürlich höhere Klickraten und mehr Leser generiert.
schnapporatz 23.04.2017
2. Dunkelziffer?
Immer weniger Cops, immer mehr Überlastungserscheinungen = Mancher Notruf verhallt ungehört oder es kommt die Polizei erst nach 45 Minuten (selbst erlebt), wenn sich die Beteiligten längst wieder zerstreut haben. Wer macht sich da noch die zweifelhafte Mühe einer Strafanzeige mit ungewissem Ausgang, zudem Einschüchterungen Alltag sind? Ob die Zahlen also tatsächlich gesunken sind, ist zumindest sehr zweifelhaft.
fallobst24 23.04.2017
3. jaja, die gute alte Statistik
http://www.rundschau-online.de/politik/wenig-aussagekraft-silvesteruebergriffe-tauchen-nicht-in-kriminalstatistik-auf-24913942 Laut der Kriminalstatistik gab es die schreckliche Silvesternacht in Köln 2015 gar nicht. Dieses komplette Staatsversagen an Silvester mag zwar nicht in der Statistik auftauchen, aber sie schaffen es trotzdem nicht die Menschen hinters Licht zu führen. "Laut Ministerium erschienen die Sexualstraftaten erst im April und Juni in der Statistik, weil die Verfahren erst zu diesem Zeitpunkt an die Staatsanwaltschaft abgegeben worden seien. Die meisten Taten aus der Silvesternacht seien aber erst gar nicht in die Kriminalstatistik eingeflossen, weil es sich hier nicht um sogenannte "Opferdelikte" handele, erklärte Innenminister Ralf Jäger (SPD). Opferdelikte beeinflussten das Sicherheitsgefühl der Bürger in besonderem Maße, zum Beispiel Gewalt, Einbrüche und Vergewaltigungen. Bei der überwiegenden Anzahl der Taten in der Silvesternacht handele es sich aber um Taschendiebstähle und Beleidigungen auf sexueller Grundlage. Scharrenbach warf Jäger "Zynismus" vor. Die vielen Opfer seien offenbar nicht Opfer genug gewesen, um in einer Statistik aufzutauchen." – Quelle: http://www.rundschau-online.de/24913942 ©2017
Troll-Oberkommando 23.04.2017
4. Überschrift
@ Komm 1: Es wird ein Unterschied zwischen Mord, Totschlag und Schwere Körperverletzung mit Todesfolge gemacht. Letztere ist gestiegen. Für das Angstgefühl ist es nebensächlich ob man durch Mord , Totschlag oder schwere Köperverletzung umkommt.
Troll-Oberkommando 23.04.2017
5. Überschrift
Ergänzend : Die Aussage es sei sicherer geworden weil die Häufigkeitszahl an Straftaten pro Einwohner zurückgegangen sei, kann man auch dahingehend überprüfen, welcher Art die erhobenen Straftaten sind . Wenn die Anzeigen wegen Betrug / Beförderungserschleichung um 50% rückläufig sind , weil diese aus technischen Gründen nicht mehr gemacht werden , schlägt sich das natürlich auch in der gesamten Häufigkeitszahl nieder. Es ist wenig beruhigend wenn politisch motivierte Kriminalität um 40 % steigt und damit beförderungserschleichung als Faktor in der Kriminalitätsstatistik ablöst.
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