AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Bitcoin-Nachfolger Warum VW, Bosch und Björk jetzt ihr eigenes Geld erfinden

Der Bitcoin-Hype ist vergänglich, was bleibt, ist die dahinter liegende Technologie: Blockchain elektrisiert Unternehmen und Anleger.

Vernetztes Singapur (Simulation)
Moment / Getty Images

Vernetztes Singapur (Simulation)

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Wenn die Digitalchefs deutscher Konzerne über die Zukunft philosophieren, dann kommen sie über kurz oder lang auf vier Buchstaben zu sprechen. "Iota" lautet das Kürzel, dahinter verbirgt sich die Idee eines jungen Mannes aus Südtirol.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Er heißt Dominik Schiener, ist gerade 22 geworden und stammt aus Lajen, einer Gemeinde im Eisacktal. Sein Vater ist Maurer, die Mutter Köchin. Mit der Hornbrille, den Fred-Perry-Turnschuhen und seinem jungenhaften Äußeren wirkt Schiener wie ein Drittsemester im Firmenpraktikum.

Doch Schiener ist alles andere als ein naseweiser BWL-Student. Er gehört derzeit zu den gefragtesten Gesprächspartnern der Industrie. IT-Manager gieren danach, ihn zu treffen. Schiener hat Großes vor. Er will einen neuen Standard setzen.

Viele Betriebe arbeiten daran, ihre Maschinen, Geräte oder Fahrzeuge miteinander zu vernetzen, es entsteht das "Internet der Dinge", kurz: IoT. Was bisher fehlt, ist eine einheitliche Technologie, mit der Transaktionen und Bezahlvorgänge abgewickelt werden können.

Und hier kommt Iota ins Spiel - Schiener hat die Technik gemeinsam mit drei Kollegen in Berlin entwickelt. Mit ihrer Hilfe sollen Maschinen unterschiedlicher Unternehmen ihre Geschäfte demnächst automatisch abwickeln können. Iota soll Industriestandard werden, so der kühne Plan, soll zum "Rückgrat der Maschinen-Ökonomie" werden, so Schiener. Dann könnte ein autonomes Elektroauto, ausgestattet mit digitaler Brieftasche, eigenständig die günstigste Ladesäule ansteuern und selbstständig den Strom in einer Computerwährung ähnlich dem Bitcoin bezahlen, dem Iota-Token, versteht sich.

Das ist seine Vision.

Schiener war schon als Kind ein wenig anders. Mit zehn begann er zu programmieren. Nächtelang saß er zu Hause vor dem Monitor. Die Eltern machten sich Sorgen: "Junge, du verschwendest dein Leben."

Dominik Schiener
Gordon Welters / DER SPIEGEL

Dominik Schiener

Dann versuchte er, mit seiner Begabung Geld zu verdienen, hatte aber ein Problem: Er war zu jung für ein Bankkonto. So begann er sich mit Digitalwährungen wie Bitcoin zu beschäftigen und der Blockchain, der Technologie dahinter: Sein Alter interessierte da nicht. Dieses Wissen nutzt Schiener nun für Iota, das zur neuen Generation von Kryptowährung werden soll.

Mit Bosch hat bereits ein Schwergewicht der Industrie in das Projekt investiert und "eine bedeutende Menge an Iota-Token erworben", so das Unternehmen. "Ich sehe ein großes Potenzial für die Milliarden vertrauenswürdigen Transaktionen von Maschinen", sagt auch Johann Jungwirth, Chief Digital Officer von Volkswagen. Er wird demnächst in der Iota-Stiftung als Aufsichtsrat agieren. Abschließende Tests mit VW laufen, mit weiteren Konzernen ist Schiener im Gespräch. Es läuft prima für ihn - und doch ist nicht entschieden, dass er das Rennen macht.

Derzeit werden jede Woche neue Kryptowährungen geboren, in vielen Branchen, überall auf der Welt. Die Aufmerksamkeit zieht längst nicht mehr allein der Bitcoin auf sich, die schillerndste Ausprägung eines digitalen Zahlungsmittels. Der Hype darum scheint gerade wieder abzuflauen - was bleibt, ist die technologische Idee, die ihm und anderen Kryptowährungen zugrunde liegt: Die Blockchain als dezentrales Datensatzsystem hat das Zeug, weit mehr zu verändern als nur das Finanzgewerbe.

Energiekonzerne, Maschinenbauer, Reiseveranstalter, sogar Musikerinnen wie die Isländerin Björk: Alle loten derzeit die Potenziale für sich aus. Versicherer wie Allianz, Swiss Re und Zurich haben eine gemeinsame Initiative gestartet, die Banken ein Konsortium gebildet. Die Axa bietet auf Blockchain-Basis bereits eine Police an, die Kunden automatisch eine Entschädigung zahlt, wenn ein Flug mehr als zwei Stunden verspätet ist, ohne den üblichen Papierkram, so das Versprechen.

Die Blockchain kann man sich vorstellen wie ein Kassenbuch, das statt in einer zentralen Datenbank auf einer Vielzahl von Rechnern verteilt gleichzeitig geführt wird; jede neue Position wird bei sämtlichen Beteiligten abgespeichert. Das Ganze erinnert an das Kinderspiel "Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine Hose, ein Hemd, einen Pullover..." Jedes Kind versucht, sich die Artikel in der Kette zu merken.

Der Unterschied: Im Spiel unterläuft einem der Kinder irgendwann ein Fehler - in der Blockchain wächst die Kette stetig weiter, fehlerfrei und für alle transparent. Es bedarf keiner zentralen Instanz, die mit ihrem guten Ruf die Geschäfte beglaubigt: einer Bank oder eines Händlers. Das Vertrauen resultiert aus der schieren Masse an Transaktionen.

Die Manager sind fasziniert von der Vorstellung, die Technologie in ihrer Industrie einzusetzen, sie sei von "hoher strategischer Bedeutung", sagt Bosch-Chef Volkmar Denner. Sogar ein Unternehmen wie Kodak, das einst von der Digitalisierung überrollt wurde, springt auf den Zug auf und will künftig per Blockchain Fotorechte verwalten, bezahlt mit eigenen Kodakcoins. Nach der Ankündigung schoss der Aktienkurs in die Höhe.

Heute genügt es, kurz "Blockchain" zu raunen, und den Anlegern geht die Fantasie durch. Beratungsfirmen wie IBM oder Deloitte versprechen ihren Kunden nicht weniger als eine Revolution. Immerhin besteht unternehmerisches Handeln im Wesentlichen aus Geschäftsprozessen, hinter denen sich zahllose Datentransaktionen verbergen. Diese könnten künftig, so die Verheißung, schneller, sicherer und billiger ablaufen. Aber stimmt das auch?

Wie diese Technik in der Praxis funktioniert, lässt sich im Bergischen Land besichtigen, in Wuppertal bei den dortigen Stadtwerken. Der Versorger hat Anfang des Jahres einen neuartigen Handelsplatz gestartet. Die Kunden können nun zu Hause vor dem Computer ihren persönlichen Energiemix zusammenstellen, direkt vom Erzeuger geliefert, den örtlichen Ökostromanbietern, "ganz nach individuellen Vorlieben und dem Geldbeutel", sagt Vertriebsleiter Andreas Brinkmann: ein bisschen Wind vom Bürgerwindrad in Cronenberg, ein wenig Wasserkraft von der Herbringhauser Talsperre, etwas Sonne von der Solaranlage auf dem Dach des Fruchthändlers Jenniges. Und wenn das alles nicht reicht, springt das Stadtwerk mit seinen Reserven ein und liefert Ökostrom aus seinem Repertoire. Die Blockchain-Technologie macht es möglich.

Auf dem Stadtwerkeportal sind ein halbes Dutzend Anbieter aus der Region versammelt. Dort finden sich Bilder und Beschreibungen der Anlagen, Hinweise über verfügbare Kapazitäten und die jeweiligen Preise pro Kilowattstunde. Entstanden ist das Modell aus der Überlegung, dass Betreiber älterer Windkraftanlagen bald aus der staatlichen Förderung herausfallen. Nun können sie ihren Strom direkt beim Kunden vermarkten und bleiben so kostendeckend.

In den kommenden Wochen wollen die Wuppertaler die Plattform auf ganz Nordrhein-Westfalen erweitern. Mit Spannung verfolgt die Strombranche, welche Erfahrungen die Stadtwerke machen. Die Energiewende stellt alle Unternehmen vor ähnliche Herausforderungen. Künftig wird sich eine Vielzahl kleiner Anbieter auf dem Markt tummeln, die Mengen an Wind- und Sonnenstrom schwanken, Batterien dienen als Speicher, Konzerne wie RWE oder E.on verlieren ihre Dominanz. Die Blockchain verspricht, mit der Komplexität der neuen Energiewelt fertigzuwerden.

Hier könnte die Blockchain ihre Stärken ausspielen. Aber auch dort, wo der Weg von Waren oder Dokumenten präzise nachverfolgt werden muss, eröffnet sich ein Einsatzgebiet für die Technologie. Im Diamantengeschäft nutzt die britische Firma Everledger sie schon heute, um Steine zweifelsfrei zu identifizieren; mehr als eine Million Exemplare hat das Unternehmen registriert.

Per Blockchain werden Informationen über Herkunft, Farbe oder Gewicht des Diamanten gespeichert, einsehbar für jeden Händler, Käufer oder Versicherer. Ein solches digitales Prüfsystem lässt sich auch auf Zeugnisse anwenden, dann müssten Bewerber keine Originaldokumente aus der Hand geben, oder auf Lebensmittel.

Der US-Einzelhandelskonzern Walmart hat in einem Pilotprojekt den Ursprung von Mangos ermittelt. Fast eine Woche dauerte die Recherche, um auf herkömmliche Weise die Früchte bis zum Erzeuger zurückzuverfolgen - mithilfe der Blockchain war es eine Sache von Sekunden.

Immer wieder dienen Blockchain-Anwendungen in der Industrie dem Zweck, Abläufe entlang der Lieferkette automatisch zu steuern, ganz ohne schriftliche Dokumente. Logistikfirmen interessieren sich besonders dafür, der internationale Warenhandel bietet sich als Versuchsfeld an.

Wenn das dänische Logistikunternehmen Moller-Maersk Blumen im Kühlcontainer von Mombasa nach Rotterdam verschifft, fallen rund 200 Interaktionen an, beteiligt sind unter anderem Spediteure, Hafenbehörden und Zollämter. In dieser Woche hat Maersk mit IBM ein Joint Venture gegründet, das herausfinden soll, wie sich solche Prozesse mit der Blockchain abwickeln lassen. Die bisherigen Abläufe seien ineffizient und fehleranfällig, begründet Maersk das Vorhaben, es würden Unmengen Ressourcen verschwendet. Damit meint das Unternehmen nicht nur Papier - auch Arbeitskraft.

Hier deutet sich an, was die Technologie ebenfalls mit sich bringen könnte: ein riesiges Rationalisierungspotenzial. Falls die Blockchain wie erhofft funktioniert, könnte sie Mittelsmänner zu einem gewissen Grad überflüssig machen. Im Filmhandel zum Beispiel steht zwischen Produzenten und Abnehmern der Vertrieb, er verteuert nach Schätzung von Hendrik Hey, Geschäftsführer des Senders Welt der Wunder TV, die Vorführrechte um 30 bis 50 Prozent: "Und es entstehen unglaubliche Anwaltskosten."

Seit 1996 produziert Hey die Wissenschaftssendung "Welt der Wunder", die früher auf ProSieben lief, inzwischen sind mehr als 5000 Stunden Sendematerial zusammengekommen. Nun will Hey die Blockchain nutzen, um Fernsehstationen oder Onlinekanäle direkt zu beliefern, nicht nur mit Material: Die Lösung soll allen Produzenten offenstehen.

Will ein Sender eine Lizenz erwerben, wird automatisch ein Vertrag ausgefertigt, das Sendematerial übermittelt und eine Notiz geschickt, wenn die Lizenz ausläuft, so ist der Plan. Bezahlt werden könnte der Film in einer eigenen Kryptowährung, dem "Micro Licencing Coin", kurz: Milc. Bis Ende Februar will Hey den Verkauf der Token abgeschlossen haben.

Sollten solche digitalen Direktgeschäfte tatsächlich realisiert werden, träfe dies nicht nur Vertriebsleute oder Juristen. Wer Geld überweist, kann auf die Bank verzichten. Wer eine Eigentumswohnung kauft, benötigt keinen Notar mehr. Theoretisch wäre nicht einmal mehr ein Grundbuchamt nötig, denn auch ein Eigentumsnachweis ließe sich per Blockchain zweifelsfrei erbringen.

Manche sehen schon die Existenz von Internetportalen wie Google, Ebay, Uber oder Booking bedroht, da auch diese digitalen Plattformen letztlich nur Zwischenhändler sind. Ihr Wert besteht darin, Daten zu sammeln und Verbindungen zu organisieren - die per Blockchain womöglich auch unmittelbar herzustellen sind. In Zukunft könnte jeder direkt das Wissen erlangen, wo noch ein Hotelbett frei ist oder eine Mitfahrgelegenheit zur Verfügung steht. Werden also die Disruptoren nun selbst zu Opfern der Disruption?

Solche Szenarien erinnern an die kühnen Vorstellungen der New Economy vor zwei Jahrzehnten, als schon einmal das Ende von Buchhändlern, Reisebüros und Bankfilialen beschworen wurde - vorschnell, wie man heute weiß. Viele von ihnen gibt es noch, aber sie haben sich verändert und deshalb überlebt.

Auch die Blockchain wird nicht alle Erwartungen erfüllen. Sie mag Transaktionen beschleunigen und sicherer machen, doch Plattformen behalten weiter eine wichtige Funktion: Wo sonst soll ein neuer Anbieter einen Kunden finden oder ein Kunde ein neues Angebot?

Überzogen dürften ebenso Vorstellungen sein, dass die Blockchain beispielsweise ein Grundbuchamt ersetzen wird. "Das Szenario zündet in Deutschland nicht", sagt Wolfgang Prinz vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik. Das Vertrauen in solche Institutionen sei hierzulande groß, es gebe gar keinen Anlass, sie zu ersetzen. Tatsächlich gibt es noch ganz andere Probleme zu lösen, bevor die Blockchain erfolgreich sein kann.

So ist unklar, wie digitale Transaktionen juristisch zu werten sind. Ein "Smart Contract" ist, anders als der Name vermuten lässt, nicht in jedem Fall ein wasserdichter Vertrag. Auch gibt es Sorge um die IT-Sicherheit, da der Einsatz der Blockchain die Angriffsfläche in Unternehmen vergrößert. Zudem verschlingen manche Kryptowährungen wie Bitcoin enorme Mengen an Energie.

Der Vorteil von neuen Ansätzen wie Dominik Schieners Iota ist, dass sie im Wissen um diese Schwachpunkte entwickelt wurden und viele davon vermeiden. Ob der Iota-Ansatz allerdings wirklich das Zeug hat, zum Kryptostandard des Internets der Dinge zu werden, muss sich noch erweisen. Die etablierte Bitcoin-Szene bewertet das Konzept kritisch, einige stellen gar seine Sicherheit infrage.

Und dann ist da noch das Problem mit dem eigenen Erfolg. Im Fahrwasser von Bitcoin & Co. war der Iota-Kurs in den vergangenen Monaten massiv gestiegen, auch nach erheblichen Einbußen in der vorigen Woche war ein Miota am Donnerstagabend noch 2,42 Euro wert. Ein Miota besteht aus einer Million Iota-Token, in dieser Einheit wird er an den Krypto-Börsen gehandelt. Mitgründer Schiener sieht die Spekulation mit gemischten Gefühlen. Denn bei Iota sollen ja Mikrozahlungen im Mittelpunkt stehen - zu schwankend sollte der Wert deshalb nicht sein. "Diese Volatilität ist bei allen Kryptowährungen das zentrale Problem, wir arbeiten gerade daran, es für uns zu lösen", sagt Schiener.



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