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Ausgabe 41/2017

Kuba Lebt Che?

Kuba feiert den 50. Todestag von Che Guevara. Was ist übrig vom Mythos der Revolution?

Che Guevara-Plakat in Havanna
REUTERS

Che Guevara-Plakat in Havanna

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Der berühmteste Guerillero der Welt leuchtet in der Sonne, sandgestrahlt und mit Spezialwachs behandelt. Die fast sieben Meter hohe Statue Che Guevaras auf dem Platz der Revolution in der Stadt Santa Clara ist pünktlich zu Guevaras 50. Todestag restauriert, und der legendäre Schlachtruf auf dem Sockel glänzt wieder: "Hasta la victoria siempre!"

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Heft 41/2017
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Hier, in Santa Clara, hatte er mit einem tollkühnen Überfall auf einen Waffentransport des Batista-Regimes im Dezember 1958 den Weg der Revolutionäre um Fidel Castro nach Havanna frei gemacht. Am 9. Oktober 1967 wurde der "Che" in Bolivien erschossen. Seine sterblichen Überreste und die seiner Mitstreiter ruhen seit 20 Jahren unterhalb der Bronzestatue.

Ein Deutscher hat das Denkmal nun aufpoliert: Michael Diegmann, 44, Unternehmer aus Thüringen. Jeden Buchstaben auf dem Sockel hat er von Hand gereinigt. Die Kosten in Höhe von 70.000 Euro hat er aus eigener Tasche bezahlt. "Es ist mein Dankeschön an einen Ausländer, der sein Leben für Kuba gegeben hat", sagt er.

Diegmann ist Restaurationsspezialist und schon seit zehn Jahren auf Kuba tätig. Er hat den vom Salzwasser zerfressenen Bordstein der berühmten Promenade Malecón in Havanna mit einem Spezialbelag geschützt. Seine Firma restauriert auch die Fassade des Kapitols, den historischen Sitz des Parlaments. Die Reinigung der Che-Statue wurde zu seiner "fixen Idee", sagt Diegmann. Er sagt, er wähle CDU und Revolutionsromantik sei ihm fremd. "Aber Ches Versuch, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen, ist für mich auch heute noch ein Vorbild - egal, wie man sonst zu ihm steht." Doch wie steht es um Kuba?

Zum 50. Todestag von Che Guevara werden Kubas sozialistische Herrscher in Santa Clara noch einmal den Mythos der Revolution beschwören. Präsident Raúl Castro wird wohl kommen, doch die Feier wird verhaltener sein als zu Zeiten Fidel Castros. Raúl ist nicht für Pomp zu haben, und für die Kubaner gibt es gerade wenig zu feiern: Die Insel leidet unter den Folgen des Hurrikans "Irma". Der Schaden auf ganz Kuba beträgt wohl Hunderte Millionen Dollar - die das Land nicht hat. Der Tourismus, eine Schlüsselindustrie, liegt weitgehend brach.

Anwohner des Malecón in Havanna nach Hurrikan "Irma"
Getty Images

Anwohner des Malecón in Havanna nach Hurrikan "Irma"

Die Feier findet auch aus anderen Gründen zu einem ungünstigen Zeitpunkt statt. Kuba steht eine ungewisse Zeit bevor. Im Februar wird Raúl Castro als Staatschef abtreten, Parteichef und Oberkommandierender der Armee wird er wohl bleiben. Ihre Politik der wirtschaftlichen Öffnung hat die Regierung gestoppt. Und schließlich hat Präsident Donald Trump die vorsichtige Annäherung zwischen den USA und Kuba, die Barack Obama begonnen hatte, eingefroren. Wie geht es also weiter?

Die Stadt Santa Clara ist nicht nur der Ort der ewigen Che-Guevara-Verehrung, sondern auch der Ort, an dem jahrelang Raúl Castros möglicher Nachfolger als Parteichef gewirkt hat: der Erste Vizepräsident Miguel Díaz-Canel. Er gilt als wahrscheinliche Wahl.

Santa Clara, 300 Kilometer östlich von Havanna gelegen, war schon immer anders als der Rest des Landes. Zwar ist es auf den ersten Blick eine typische ärmliche Provinzstadt, in der Pferdekutschen und prärevolutionäre Oldtimer durch die Straßen rollen. Doch inzwischen gibt es hier auch neue Elektroroller aus China. Es herrscht ein liberaleres Klima als in der Hauptstadt, auch die Versorgungslage ist besser.

In einem klimatisierten Geschäft verkauft ein junger Mann Gemüse und Obst für private Restaurants und Pensionen. In den Regalen liegen Bananen, Melonen, Honig und Gewürze aus. Das meiste wurde rasch geerntet, bevor der Hurrikan über die Felder hinwegfegte. In einer Drogerie im Zentrum gibt es Duschgel in Dutzenden Variationen - in Havanna sind Kosmetikartikel seit Monaten Mangelware.

Es ist schon 14 Jahre her, dass Díaz-Canel aus dem örtlichen Parteikomitee ins Politbüro wegbefördert wurde. Doch viele Bewohner Santa Claras loben seine Arbeit und erinnern sich, dass er immer auf dem Fahrrad durch die Stadt gefahren sei. Ramón Silverio, 69, der Leiter von El Mejunje, Kubas erstem Klub für Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle, sagt: "Ohne Díaz-Canel hätte ich nie diesen Klub eröffnen können." Silverio gründete das Veranstaltungszentrum vor 27 Jahren, als Homosexualität in Kuba noch verfemt war.

Díaz-Canel ist 57 Jahre alt, damit gehört er an der Staatsspitze zu den Jüngeren. Wofür steht er? In der Öffentlichkeit wirkt er konturlos. Er gilt als mitverantwortlich dafür, dass der Internetzugang in den vergangenen Jahren gelockert wurde. Doch jüngst veröffentlichte ein Dissident ein Video, in dem Díaz-Canel droht, "revolutionsfeindliche" Organisationen wegen "subversiver Aktivitäten" zu verbieten. Er nennt kubanisch-amerikanische Geschäftsleute, die sich für die Annäherung an die USA einsetzen. Wie ein Erneuerer klingt er darin nicht.

Präsident Castro (M.) mit seinem möglichen Nachfolger Miguel Díaz-Canel und Vizepräsident José Ramón Machado Ventura in Havanna 2016
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Präsident Castro (M.) mit seinem möglichen Nachfolger Miguel Díaz-Canel und Vizepräsident José Ramón Machado Ventura in Havanna 2016

Erneuerung braucht Kuba dringend. Präsident Raúl Castro fürchtet aber offenbar, dass ihm die Kontrolle über seine Wirtschaftsreformen entgleitet, die erstmals Kleinunternehmertum ermöglichten. Aus Regierungskreisen heißt es, Kuba werde sich nicht an China oder Vietnam orientieren, wo sich die sozialistischen Regime mit dem Kapitalismus ausgesöhnt haben. Kuba beharre auf einem eigenen Weg. Nur weiß keiner, wie der aussehen soll.

Längst dreht sich die gesamte Wirtschaft um den Dollar. Die meisten Kubaner rechnen in CUC, der konvertiblen Zweitwährung. Allerdings hat mit den marktwirtschaftlichen Experimenten auch die Ungleichheit zugenommen. Wer keine Devisen hat, dem droht die Verarmung.

Einige "Cuentapropistas", wie Kubas Kleinunternehmer genannt werden (etwa: "auf eigene Rechnung Arbeitende"), sind optimistisch, dass die Reformen nicht endgültig gestoppt sind. "Der Wandel muss schrittweise erfolgen, sonst mündet er im Chaos", sagt der Kunstmaler Alfredo Rosales, der in seinem Designstudio Habana Estampa zehn Leute beschäftigt. Rosales versichert: Die meisten Probleme bereite ihm das US-Wirtschaftsembargo. "Trump bremst uns", sagt er.

Trumps Anti-Kuba-Kurs hat das alte Feindbild wieder zurechtgerückt. Zwei Jahre nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen ist die Euphorie verflogen. "Raúl hat die historische Gelegenheit verstreichen lassen, die Obama eröffnet hatte", sagt ein Beobachter.

Die Reiseerleichterungen für Amerikaner hat Trump rückgängig gemacht. Eine mysteriöse Affäre um angebliche Schallattacken auf Mitarbeiter der amerikanischen und der kanadischen Botschaft liefert ihm einen Vorwand, die diplomatischen Beziehungen auf ein Minimum zu reduzieren. Der größte Teil des Botschaftspersonals wurde abgezogen, vergangenen Dienstag wies die US-Regierung 15 kubanische Diplomaten aus.

Auch in Südamerika ist das Umfeld für Kuba schwieriger geworden: Mit dem Siegeszug der Konservativen in Argentinien und Brasilien hat Havanna wichtige Verbündete verloren. Die Wirtschaftskrise in Venezuela führt dazu, dass Präsident Nicolás Maduro weniger billiges Öl nach Kuba schickt, auf der Insel wird das Benzin knapp.

Der Hurrikan "Irma" hat die angeschlagene Inselwirtschaft noch tiefer in die Krise getrieben. Schon geht die Furcht vor einer neuen "Sonderepoche" um, wie Fidel Castro die Mangeljahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der Neunzigerjahre nannte. "Irma" habe fast alle Bananenplantagen verwüstet, versichert Laura Melo, die Leiterin der Uno-Organisation World Food Program in Havanna. Viele Hühnerfarmen und Reisfelder seien zerstört worden, in 35 Gemeinden herrsche Notstand. "Die Katastrophe trifft vor allem Frauen und Kinder", sagt Melo.

Kuba importiert über 70 Prozent seiner Lebensmittel, jetzt muss die Regierung dies ausweiten. Zugleich schmelzen die Einnahmen aus dem Tourismus, einer der wichtigsten Devisenquellen Kubas. Ausländische Touristen haben wegen der Hurrikanschäden ihre Reisen storniert. In der Altstadt von Havanna, die sonst von Touristen überlaufen ist, spielen Salsabands in verwaisten Kneipen. Die Küstenpromenade ist für Autos und Passanten gesperrt, das Meer hat den Asphalt unterspült. In einem Stadtteil von Havanna kam es wegen der Stromausfälle sogar zu Protesten.

Fidel Castro hätte in solch einem Krisenmoment eine Schweiß-und-Tränen-Rede gehalten, er wäre hinaus ins Land gefahren. Sein Bruder dagegen lässt sich seit Wochen kaum blicken. Tagelang liefen Gerüchte um, dass der 86-Jährige erkrankt sei. Dann zeigte ihn das Staatsfernsehen bei einem Empfang für Venezuelas Präsident Maduro. Beobachter vermuten, dass der Präsident sich rarmacht, um seine Landsleute auf die neue Normalität vorzubereiten.

Die Helden von einst blicken kritisch auf das Kuba von heute. "Unserer Gesellschaft fehlt der moralische Kompass", sagt Leonardo Tamayo. Er hat mit Che Guevara gekämpft, heute ist er 76 Jahre alt, ein kräftiger Mann mit festem Händedruck.

Er sagt: "Während der Mangeljahre in den Neunzigern sind viele Werte verloren gegangen." Er zweifelt keinen Moment, wo die ethische Orientierung herkommen soll: "Che hat immer alles geteilt, egal ob Essen, Kleidung oder Medizin", erinnert er sich. "Alles, was er uns gelehrt hat, ist heute noch gültig." Das bezweifeln wohl viele der heutigen kubanischen Jugendlichen. Sie interessieren sich mehr für die Konsumgüter, die sie aus dem Internet kennen, als für alte Heldengeschichten. Deshalb hofft die Regierung, dass das Jubiläum dazu dient, Che der Jugend wieder näherzubringen.

Das Standbild des Helden in Santa Clara hat trotz der aufwendigen Restauration noch immer ein paar grüne Flecken. Das sei Absicht, sagt Michael Diegmann. Man habe ihn gebeten, nicht alle zu beseitigen.

"Sie wollen, dass die Statue Patina zeigt", sagt Diegmann. "Die grünen Flecken sollen symbolisieren, dass Che im Volk verwurzelt ist."

Sven Creutzmann / Der Spiegel


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