AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Kulturgeschichte Wie aus den Deutschen ein Volk von Sparern wurde

Wir  lieben unsere Sparbücher, ehren den Cent und predigen anderen Nationen die schwarze Null. So waren wir immer - oder?

Sparbüchse um 1960: Ewige Illusion der Sicherheit
Deutsches Historisches Museum

Sparbüchse um 1960: Ewige Illusion der Sicherheit


Hätte die Sparsamkeit in Deutschland in der Vergangenheit einen schlechteren Ruf gehabt und die Verschwendung einen besseren - wäre die Weltgeschichte dann vielleicht ganz anders, weniger katastrophal verlaufen?

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin beginnt in der kommenden Woche eine große Ausstellung, sie erzählt die Entwicklung des Sparens als "Geschichte einer deutschen Tugend".

Das mit der Tugend ist allerdings sarkastisch gemeint.

In der Schau, bei der Lektüre des Kataloges lernen die Besucher viel über dieses Land, vielleicht erfahren sie sogar einiges über sich selbst. Denn wer hier aufwächst, wer hier lebt, den prägt das Thema Sparsamkeit, ob er will oder nicht, es hat sich vor langer Zeit ins kollektive Unterbewusstsein geschlichen und dieses nie wieder verlassen. Das Sparen habe sich, so heißt es im Museumsjargon, habitualisiert, sei zur allgemeinen Gewohnheit geworden.

Wie aber zeigt man das, und wie zeigt man auch das Abgründige daran? Man sieht in der Schau Sparbüchsen aus den Jahren des Ersten Weltkriegs und gestaltet in der Form von Artilleriegeschossen. Außerdem ein Sparbuch aus Theresienstadt, mit dem die Nazis einst für Abgesandte des Internationalen Roten Kreuzes den Anschein erwecken wollten, dieses Konzentrationslager sei eine durchschnittliche Siedlung - die wie jede normale Stadt eine Sparkasse besitzt. Eine Sparkasse! Wer wird da noch argwöhnisch?

Auch ein Sparbuch mit dem Produktnamen "Gold" kommt vor. Aufgelegt wurde es 2009, bald nach dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise. Diese Anlage, das sollte suggeriert werden, sei so krisenfest wie Gold. Ein TV-Mitschnitt erinnert an das damalige Versprechen von Angela Merkel: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind."

Diese Garantie beruhigte, sedierte die Zuschauer beinahe, obwohl sie im Zweifelsfalle uneinlösbar gewesen wäre. Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen ihren Glauben an die Rücklage auch gar nicht verlieren wollten.

Es gibt Länder, in denen die Sparquote der Bevölkerung höher ist, China vor allem, aber keiner anderen Nation gilt das Sparen als derart identitätsstiftend. Anders gesagt: Ob die Deutschen die Weltmeister im Sparen sind, ist eben nicht von Belang, sie sind es mit einer Sparquote von fast zehn Prozent des verfügbaren Einkommens auch nicht, aber sie halten sich dafür, das ist entscheidend. Die Deutschen glauben, die Sparsamkeit sei ihr Distinktionsmerkmal, sie dürften sich als die besseren Europäer, die besseren Menschen fühlen. Die ganze Welt teilt sich - aus ihrer Sicht - in Sparer und Nichtsparer. Diese Arroganz haben die Griechen in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen.

Die Schau schließt eine Forschungslücke, obwohl der Katalog manchen Aspekt nur anreißt. Der zuständige Kurator Robert Muschalla, ein Wirtschaftshistoriker, versteht die Ausstellung durchaus als Anstoß, das bisher unbearbeitete Feld weiter zu ergründen. Und womöglich müssten sich dann auch Soziologen und Psychologen mit der Angelegenheit befassen, denn für die Deutschen ist das Sparbuch eben nicht nur eine Frage des Finanziellen.

Zu Beginn reagierte das Zeitalter der Aufklärung auf das Zeitalter der Massenarmut. Die erste Sparkasse weltweit, eine "Ersparungs-Classe" für "fleissige Personen beyderley Geschlechts", wurde 1778 in Hamburg gegründet, in einem sehr protestantischen Umfeld also. Ein paar Philanthropen hatten das veranlasst, sie wollten die Armenfürsorge modernisieren. Sie ersetzten das Prinzip der Almosen durch das Prinzip der Eigenverantwortung.

Zu den üblichen Banken, die es ja durchaus auch schon gab, hatten Kunden mit minimalen Einkünften keinen Zutritt, zumindest hätte dort niemand ihre paar Münzen verwaltet. Dagegen waren die Kassen gerade für die gedacht, die am wenigsten verdienten, für Knechte, Mägde, Tagelöhner, Seeleute. Und die sollten ihr Geld sicher und noch dazu verzinst wissen, kleinste Beträge wurden wertgeschätzt. Doch auch und vor allem der Mittelstand, etwa Handwerksmeister, erkannten schnell den Vorteil dieser Anlagen.

Werbeplakat von 1953: Religion der braven Bürger
Deutsches Historisches Museum

Werbeplakat von 1953: Religion der braven Bürger

Das wenige Geld, das übrig war, wurde angesammelt, um es vielleicht in eine Eheschließung oder ein Gewerbe zu investieren, auch ließen sich Notlagen abfedern. Im Zeitalter des Pauperismus, eben der weitverbreiteten Verelendung, war die Möglichkeit, einen Notgroschen zurückzulegen, allerdings selbst beinahe ein Luxus.

Und wer keine Aussicht auf Änderung seiner armseligen Lage habe, so wurde 1846 im Brockhaus behauptet, versinke in "Stumpfsinn und Rohheit", der liefere sich leicht "der Branntweinpest und viehischen Lastern aller Art" aus.

Die ersten, eben privaten Initiatoren des Sparens wollten ein Zeichen setzen, eine Haltung belohnen, sie wollten die Menschen in ihrem Sinne erziehen, so wie es typisch war für die resolute Elite der damaligen Zeit. Und auch wenn sich in anderen Ländern, seit 1810 etwa in Schottland, seit 1818 in Frankreich, ähnliche Kassen etablierten, so luden vor allem die Deutschen das Ganze mit Pathos auf.

Bald entdeckten in Deutschland auch die Städte und Kommunen das Sparbuch als gesellschaftspädagogisches Mittel. Ein Oberbürgermeister von Plauen nannte Sparkassen bedeutsam für "unsere ganze Kulturentwicklung", nur jenes Volk könne "den Sieg behalten", das die "Tugenden der Ordnung, Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Selbstbeherrschung, Wirthschaftlichkeit und Sparsamkeit pflegt und übt".

Andere fanden es einfach von Vorteil, dass der Arbeiter nicht revoltiere, weil er dann um seinen Besitz fürchten müsse.

Für Karl Marx waren die Sparkassen daher die "goldene Kette, woran die Regierung einen großen Anteil der Arbeiterklasse hält".

Einwände dieser Art nutzten wenig. Im Jahr 1905 verteilten sich mehr als 9000 Sparkassen und Filialen übers Kaiserreich. Dieses Netz war wie eine religiöse Infrastruktur, Sparkassen waren die neuen Kirchen, wer sparte, muss das Gefühl gehabt haben, einen Ablass geleistet zu haben, man setzte dem Schicksal etwas entgegen - und man ritualisierte das alles.

Sparbüchsen standen zu Hause und wirkten wie Mahnmale, sie waren Aufforderungen aus Blech, sich das Geld vom Munde abzusparen. Der Schlüssel zur Dose lag in der Sparkasse, damit die Versuchung nicht zu groß wurde. Eine Spar-Uhr wurde konstruiert, wer sie aufziehen wollte, musste ein Geldstück einwerfen.

Vor allem in Verbindung mit dem von Anfang an ähnlich weihevoll beschworenen Fleiß wurde Sparsamkeit zum Synonym für Charakterstärke. Die meisten Menschen besaßen nicht viel Geld, nicht mal, wenn sie ordentlich gespart hatten - denn ums Reichwerden ging es beim Sparen nie. Aber ihnen wurde vermittelt, dass sie auf das wenige, schwer Erarbeitete stolz sein dürfen. Und in diesem Stolz, in dieser Überhöhung, lag eine Gefahr.

Wer in Deutschland sparte, verlor sein Geld und wurde nicht klüger, Sicherheit war früher schon eine Illusion, der Erste Weltkrieg zerstörte viele Anlagen, man hatte die Sparer (und da selbst die Kinder) aufgefordert, ihr Geld in Kriegsanleihen anzulegen. Dann folgte die Hyperinflation, auch die Weltwirtschaftskrise. Dass immer weiter gespart wurde, ließe sich als Spleen abtun, wäre nicht dieser Stolz gewesen, dieses unerschütterliche, übersteigerte Selbstbild der Nation.

Zum Selbstbild des fleißigen Sparers gehörte ein ebenso konstruiertes Gegenbild, ein Negativum, und das verknüpfte sich mit antisemitischen Klischees. Ausgerechnet die Nationalsozialisten, die getrieben waren von extremster Gier, vermarkteten die Sparsamkeit als Volkstugend.

Plakate verbreiteten Sprüche wie "Deutsche Art bewahrt, wer arbeitet und spart", das Schulsparen war populärer denn je ("Dein Sparen hilft dem Führer"), und Erwachsene konnten für fünf Reichsmark pro Woche ein Anrecht auf einen vergünstigten KdF-Wagen erwerben oder von 1941 an am "Eisernen Sparen" teilnehmen, die SS-Leibstandarte Adolf Hitler sparte gesondert - zur selben Zeit veranstaltete man "Judenauktionen", auf denen der sparsame, längst geizige Deutsche gern zugriff, man enteignete, mordete und raubte den Toten noch Zahngold und Haare.

Je habsüchtiger, mörderischer das Regime wurde, desto mehr sparten die Deutschen. Zwischen Kriegsanfang und September 1944 nahm das Sparvermögen der Deutschen von 29 Milliarden Reichsmark auf 97 Milliarden Reichsmark zu, die Reichsbank wertete den Anstieg als Beweis für den "unbeirrbaren Glauben" des Volkes an den Sieg.

1948 folgte die Währungsreform, die Guthaben verloren dramatisch an Wert. Und was geschah? Die braven Bürger fingen wieder an zu sparen. 1950 versprach ein Plakat auch Kindern: "Wünsche werden Wirklichkeit durch tapferes Sparen."

Der Ostdeutsche Sparkassenverband behauptete auf Plakaten in den Fünfzigerjahren noch, "Sparen lohnt sich". Im Jahr 1970 stellte er die Vermarktung ein, gespart wurde, ob es sich lohnte oder nicht, und viele Träume waren aus ganz anderen Gründen nicht zu erfüllen.

Im Westen waren Postsparbücher bei denen beliebt, die viel reisten, man konnte damit in vielen Ländern gebührenfrei Geld abheben; Landwirte besaßen in der Regel keine, sie verließen ihren Hof kaum. Die Finanzinstitute entdeckten neue Kundentypen, neben den Frauen die Gastarbeiter. Im Alltag wurden sie diskriminiert, als Sparer umschmeichelt.

Damit man das Geldausgeben nicht völlig vergaß, wurde das Konsumsparen mehr denn je gepriesen. Die Werbung zeigte Kleinfamilien in großem Komfort - Spielzeug, Auto, Waschmaschine. Wer diesem Idealbild des sparenden Konsumenten folgte, musste kein schlechtes Gewissen haben beim Einkauf.

Durch Enthaltsamkeit überlebt schließlich keine Volkswirtschaft - ohne das Gefühl, dem Ideal des arbeitsamen und genügsamen Pflichtmenschen zu entsprechen, können die Deutschen offenbar auch nicht gut leben. Sie wähnen sich auf der sicheren Seite, auch und vor allem in moralischer Hinsicht, nur machen sie sich etwas vor. Wie hätte sich dieses Land entwickelt, wenn andere Ziele und nationale Selbstbilder angestrebt worden wären, etwa Weltoffenheit und Lebensfreude?

Und heute? Wie klug ist es zu sparen im Zeitalter der Nullverzinsung?

Dennoch ist die Ausstellung kein Statement für das Spekulieren, für einen Turbokapitalismus und gegen das Sparen. Sie will nur veranschaulichen, dass die Menschen hier ein emotionales bis irrationales Verhältnis zu dieser Geldanlage haben.

Immanuel Kant befand, ein Verschwender mit Geschmack zu sein erfordere mehr Talent als das Sparen. "Denn Geld ablegen kann auch der Dümmste."



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