Er träumt nicht, das glaubt er zumindest. Falls ihm im Schlaf trotzdem abenteuerliche Dinge widerfahren, kann Haruki Murakami sich morgens nicht mehr daran erinnern. So mag es manchen ergehen, und trotzdem werden sie nicht gleich Schriftsteller. Murakami aber beschloß eines Tages, nur noch im Wachen zu träumen und die schönsten Träume aufzuschreiben, damit er sie nicht gleich wieder vergißt. "Alles ist vorstellbar, wenn man es nur zuläßt", sagt Murakami, in dessen Büchern man sich wie in wundersamen Träumen verlieren kann.
In seinem jetzt auf deutsch erschienen Roman "Mister Aufziehvogel" erzählt er die Geschichte von Toru Okada: Der ist 30, arbeitslos und gerade beim Spaghetti kochen, als das Telefon klingelt und ihn eine unbekannte Frau zum Telefonsex überreden will. Wenig später verschwindet erst seine Katze und dann seine Frau. Okadas Leben löst sich auf: Er trifft rätselhafte Frauen, die Malta und Kreta heißen, einen todessüchtigen Teenager und japanische Weltkriegsoffiziere. Und dann gibt es da noch ein Van-Halen-T-Shirt. Murakami erzählt ein Märchen voller Absonderlichkeiten, in dessen Labyrinth sich der Leser zwar verlaufen mag, langweilen aber wird er sich nie.
Der 1949 geborene Sohn eines Dozentenpaars für japanische Literatur hat sich sein Leben lang immer nur für amerikanische Kultur begeistert: für Raymond Chandler und Steven Spielberg, Bob Dylan und McDonald's. Er gehört zur ersten Nachkriegsgeneration Japans, die mit Fleiß, Ehrgeiz und Karriere nichts anzufangen weiß. "Ich verstehe nicht, warum die Menschen so hart arbeiten", sagt er. "Sie stehen mitten in der Nacht auf, um in der vollen Bahn stundenlang zur Arbeit und am Abend wieder zurückzufahren. Wie kann man das nur 40 Jahre lang ertragen?" Statt dessen arbeitete er nach seinem Studium sieben Jahre lang als Geschäftsführer eines Jazzclubs in Tokio. Nach einer langen Nacht, das Bierglas noch in der Hand, begann er, sein erstes Buch zu schreiben. Einfach so. Seitdem hat er sechs Romane und Erzählbände veröffentlicht, die ihn nicht nur in Japan reich und berühmt gemacht haben. Die "New York Times" ernannte ihn zum "kühnsten und bedeutendsten Erzähler Japans".
Doch die Kritiker in der Heimat lehnen Murakami ab: zu westlich. Und man nimmt ihm übel, daß er sich überwiegend in Europa und Amerika aufhält. Dabei fürchtet er nur die Langeweile. Dagegen hilft nur reisen, schreiben - oder träumen.
Christoph Dallach
Haruki Murakami: „Mister Aufziehvogel". Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. DuMont Verlag, Köln; 684 Seiten; 49,90 Mark.
KulturSPIEGEL 4/1999
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