30.09.2013

Von Schröder, Christoph

Asche einer Unbekannten

Terézia Mora: "Das Ungeheuer". Roman. Luchterhand Literaturverlag; 684 Seiten; 22,99 Euro.

Man schlägt Terézia Moras neuen Roman auf und wundert sich zunächst einmal: Jede Seite ist durch eine feine schwarze Horizontallinie in der Mitte geteilt. Doch das ist keine bloße Spielerei: Die Linie markiert die Grenze zwischen den Lebenden und einer Toten, zwischen Gewissheit und Ungewissheit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Die Protagonisten, den IT-Techniker Darius Kopp und seine nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland gekommene Frau Flora, kennen wir bereits aus Moras vorangegangenem Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent". Der war grandios. "Das Ungeheuer" ist keinen Deut schlechter. Als das Buch einsetzt, ist Flora seit knapp einem Jahr tot. Kurz vor ihrem 38. Geburtstag hat sie sich im Wald erhängt. Der obere Teil von "Das Ungeheuer" ist ein rasantes Roadmovie. Denn nachdem Darius Kopp, dieser gut 1,70 Meter große, mehr als hundert Kilogramm schwere, scheinbar ein wenig simpel gestrickte Gegenwartsfanatiker, zehn Monate lang seine Wohnung nicht verlassen hat und vom Pizzaservice (immer demselben!) am Leben erhalten wurde, muss er nun seine Frau beerdigen.

Kopp bricht auf nach Osteuropa; Floras Asche gelangt nicht ganz legal nach Budapest. Von dort aus geht es weiter: Albanien, Georgien, Armenien, getrieben von Trauer, Verzweiflung, Einsamkeit. Das ist mitreißend, brillant und mitunter sogar sehr komisch erzählt, aus wechselnden Perspektiven, 1., 2., 3. Person. Das Ich, von dem Darius spricht, die offizielle Version seiner selbst, wird überlagert von unangenehmen Erkenntnissen. Zum Beispiel von der, dass er seine Frau nicht gekannt hat. Womit man unterhalb der schwarzen Linie angekommen ist.

Denn dort sind die Dateien abgedruckt, die Darius nach Floras Tod entdeckt hat - Tagebucheinträge, Kindheitserinnerungen, Krankheitsbeschreibungen, Berichte von Selbsthass und sexuellen Ausschweifungen. Insgesamt das Zeugnis einer schweren Depression, die Terézia Mora als gesellschaftliche Gesamtkrankheit spürbar werden lässt. Hier spricht ein Mensch, der an den Anforderungen des rasenden Kapitalismus, an Selbstausbeutung und Selbstüberforderung zugrunde geht. Und der keinen anderen Weg sieht als die Selbstauslöschung.

So gegenwärtig, so brutal und so konsequent wie Terézia Mora, 42, erzählt kaum ein anderer von unserer sich zunehmend verquickenden Lebens- und Arbeitswelt. Das Ende bleibt offen. Wir sind, und das ist eine Hoffnung, offenbar noch nicht fertig mit Darius Kopp.


KulturSPIEGEL 10/2013
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