Die hohe Baumschule
Stefan Schweizer: "André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst". Sachbuch. Verlag Klaus Wagenbach; 144 Seiten; 15,90 Euro.
Wenn ein Gärtner vom Papst in Privataudienz empfangen wird, muss ihm mehr gelungen sein als ein paar Primelrabatten. Tatsächlich war der damals 65-jährige André le Nôtre Europas führender Parkgestalter, der erste seiner Zunft, der mit Größen aus Malerei, Bildhauerei und Architektur auf Augenhöhe verkehrte. Elegant und souverän beschreibt der Gartenexperte Stefan Schweizer, 45, Le Nôtres Finessen: Seine perspektivischen Tricks und Spiegelungen machten das Schloss Vaux-le-Vicomte zum Gesamtkunstwerk - während der Auftraggeber, der Finanzminister Fouquet, drei Wochen nach dem Eröffnungsfeuerwerk 1661 wegen Veruntreuung für den Rest seines Lebens in den Kerker geworfen wurde. Sonnenkönig Ludwig XIV. wollte den höchsten Glanz für sich allein. Jahrzehntelang war Le Nôtre seither mit Versailles beschäftigt, einem Projekt von der Komplexität und dem Ausmaß eines heutigen Großflughafens. Zeitweise bis zu 36000 Arbeiter pflanzten Millionen von Bäumen, schichteten riesige Areale um und schufen zum Teil kilometerlange künstliche Gewässer. Es sollte sich lohnen: Das enorme Wege- und Blickachsensystem mit Seen, Grotten, Bosketten und Wasserspielen galt und gilt als Inbegriff hochbarocker Landschaftsinszenierung. Natürlich regte sich bald Kritik an all dem Pomp, und im englischen Garten entstand sogar ein Gegenmodell. Aber noch der Grundriss der US-Hauptstadt Washington, ja auch neuere Metropolen und Regierungszentren machen augenfällig, welch unverwelkliches Ideal Le Nôtre, dieser virtuose Direktor der Natur, in die Köpfe gepflanzt hat.
KulturSPIEGEL 10/2013
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