Ein Freund auf dem Fahndungsfoto
Norbert Gstrein: "Eine Ahnung vom Anfang". Roman. Hanser; 352 Seiten; 21,90 Euro.
Man musste sich zuletzt ein wenig Sorgen machen um den Österreicher Norbert Gstrein, 52. Sein vorangegangener Roman "Die ganze Wahrheit", ein kaum chiffrierter Schlüsselroman, war nicht nur auf der persönlichen Ebene eine infame Abrechnung mit Gstreins ehemaliger Verlegerin, der Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz, sondern versandete dazu auch auf literarischer Ebene in der Banalität. Noch kürzlich bezeichnete Gstrein es als einen "moralischen Akt", diesen Roman geschrieben zu haben. Das ist eine durchaus eigenwillige Perspektive.
Umso erstaunlicher und erfreulicher ist es, dass Gstrein sich mit seinem neuen Buch zu Höchstform aufgeschwungen hat: "Eine Ahnung vom Anfang" ist möglicherweise das Beste, was Gstrein je geschrieben hat, und wenn man der Jury des Deutschen Buchpreises einen Vorwurf machen kann, dann den, dass Gstrein auf der Shortlist fehlt. "Eine Ahnung vom Anfang" setzt ein mit einem Bild der Harmonie, der Idylle: drei Menschen, die gemeinsam einen Sommer am Fluss verbringen, badend, angelnd, lesend. Doch es gehört zu den Kennzeichen von Gstreins Prosa, dass in ihr nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint und die sogenannte Realität immer auf ihre Konsistenz überprüft wird.
Die drei Menschen sind ein Lehrer und seine beiden Lieblingsschüler, und selbstverständlich geht das nicht ohne Gerede ab, schon gar nicht auf dem österreichischen Land. Nun, einige Jahre später, glaubt der Lehrer einen der beiden, Daniel, auf einem Fahndungsfoto in der Zeitung wiederzuerkennen. Der junge Mann wird verdächtigt, im Bahnhof der nächsten Stadt einen Zündsatz deponiert zu haben. Das ist Anlass zu Erinnerung und Selbstüberprüfung: Wie gut, so fragt der Lehrer und Ich-Erzähler sich, hat er diesen Daniel gekannt? Inwieweit ist er mitschuldig an einer möglichen religiösen Fanatisierung seines ehemaligen Zöglings? Inwieweit haben Bücher, Gedanken, Theorien Einfluss auf die Prägung eines Heranwachsenden?
Eingebettet sind Fragen wie diese in die tiefdunkle Familiengeschichte des Lehrers: Sein Bruder hat vor Jahren Selbstmord begangen. So wird "Eine Ahnung vom Anfang" auch zu einem hoch reflektierten Heimatroman, allerdings nicht im Sinne einer bernhardschen Beschimpfungslust, sondern in der genauen Beobachtung von Veränderungen und Erschütterungen. Auch Norbert Gstreins Sprache, die in früheren Romanen ab und an einen leicht aufdringlichen Hang zur Kraftmeierei hatte, schwingt sich hier in langen Satzbögen voran, melodisch, rhythmisiert, elegant. Ein Buch im Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Gegenwart.
KulturSPIEGEL 10/2013
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