30.09.2013

Von Dürr, Anke

Das Leben halt

Alina Bronsky: "Nenn mich einfach Superheld".

Roman. Kiepenheuer & Witsch; 240 Seiten; 16,99 Euro.

Sie wird sich den Vergleich mit John Green gefallen lassen müssen, dem Autor des grandios unkitschigen Heul-Bestsellers "Das Schicksal ist ein mieser Verräter". Denn auch bei Alina Bronsky, 35, geht es um Jugendliche, denen das Schicksal einige Extra-Hürden in den Weg gestellt hat bei ihrem Versuch, den Alltag und die Liebe (also das Leben halt) in den Griff zu kriegen. Das Tolle, Überraschende an Bronskys neuem Roman "Nenn mich einfach Superheld" ist: Die Autorin braucht den Vergleich mit Green nicht zu scheuen.

Der Ich-Erzähler Marek, 16 Jahre alt, wird von seiner Mutter in eine Selbsthilfegruppe geschickt, nachdem er mehr als ein Jahr lang nicht in die Schule gegangen ist. Dort trifft er auf andere Jugendliche und ihre Probleme: Einer ist blind, einer hat eine Beinprothese, der Dritte hat eine tödliche Autoimmunkrankheit, dazu kommt Kevin, der ist schwul und trägt gern High Heels. Janne, das einzige Mädchen, sitzt im Rollstuhl. Marek selbst wurde vor einem Jahr von einem Rottweiler attackiert, seitdem ist sein Gesicht so entstellt, dass er nur noch mit Sonnenbrille rumläuft und möglichst nur bei Dunkelheit vor die Tür geht. Kein Wunder, dass der Leiter dieser Versehrtengruppe, den alle ironisch "Guru" nennen, heillos überfordert ist.

Auch als Leser müsste man sich vor diesem Buch und seiner Problemüberfrachtung fürchten, hätte die Autorin ihre Monster nicht so verdammt gut im Griff. Das liegt an dem wunderbar sarkastischen Ton, mit dem sie ihren Ich-Erzähler ausstattet. (Die Vignetten am Anfang jedes Erzählabschnitts passen perfekt dazu: Sie zeigen einen brav dasitzenden Rottweiler, der aussieht, als könne er niemandem etwas anhaben.) Bronsky erspart uns die große Innenschau. "Ich spürte, wie mein Mundwinkel zuckte. Aber lachen tat immer noch ein bisschen weh, vor allem, wenn man sich dagegen sträubte." Solche Sätze reichen, um Marek zu verstehen, und der hat bald auch ganz normale Probleme: Die Gruppe macht eine gemeinsame Reise, und natürlich entbrennt ein Kampf um die Gunst von Janne, dem einzigen und auch noch märchenhaft schönen Mädchen, das geschickt mit den Jungs spielt. Schneewittchen und die fünf Krüppel.

Der Tod seines Vaters, dem Marek nicht sehr nahestand, zu dessen Beerdigung er aber in die Provinz muss, wird zu einer weiteren Coming-of-Age-Bewährungsprobe für ihn. Dass er sie, mit Hilfe seiner neuen Freunde, besteht, ist so wenig überraschend wie das traurige Ende bei John Green. Das macht aber nichts, im Gegenteil, man wünscht allen diesen verschrobenen Figuren ein Happy End. So sehr, dass man der Autorin sogar die hanebüchene Auflösung des Rätsels verzeiht, wer der Guru in Wahrheit ist.


KulturSPIEGEL 10/2013
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