Repariert, was euch kaputtgeht!
Wolfgang M. Heckl: "Die Kultur der Reparatur". Sachbuch. Hanser; 212 Seiten; 17,90 Euro.
Wer dem Kapitalismus etwas entgegensetzen will, kann Marx lesen, Farbbomben gegen Schaufensterscheiben werfen - oder lernen, einen Knopf anzunähen. Vom revolutionären Potential angenähter Knöpfe handelt Wolfgang Heckls Zeitgeistanalyse "Die Kultur der Reparatur". Und außerdem handelt sein Buch von verlorengegangenem Wissen, technischen Geräten, die kurz nach dem Ablauf der Garantie geplant kaputtgehen. Es handelt von Kursen, in denen Menschen ihre alte Kleidung upcyclen lernen, es handelt vom Flohmarkt, vom Wachstum der Bergkristalle und Heckls eigener Schwimmbadpumpe. Und all die Reportage-artigen Berichte, die wissenschaftlichen Exkurse, die analytischen Einordnungen, die historischen Herleitungen, die technischen Erklärungen und die privaten Anekdoten handeln zusammen von der Möglichkeit einer besseren Welt. Von einem Gegenentwurf unserer Kultur der Konsummaximierung, in der alles darauf ausgelegt ist, möglichst schnell möglichst viel neu zu kaufen. Sie handeln von der Alternative zur Wegwerfkultur: der Reparaturkultur.
Diese Kultur wird gerade immer mehr zur Wirklichkeit. In vielen Städten eröffnen Werkstatt-Cafés, in denen Wissen und Werkzeuge geteilt werden. Seit einigen Jahren gibt es den Begriff des "Makers" für den Bürger, der nicht nur die Rolle des Konsumenten einnehmen will. Wohin man blickt: Überall wird plötzlich wieder gestrickt, getischlert, getauscht und genäht. Es war höchste Zeit, dass dieser Zeitgeist sein eigenes Buch bekommt, seinen theoretischen Überbau, der sich stellenweise wie eine Liebeserklärung liest.
Heckl, 55, zeigt dabei, dass diese neue Bewegung vor allem ein Rückbesinnen auf die ältesten und natürlichsten Prinzipien des Lebens ist. "Um zu verstehen, dass die Reparatur einen natürlichen Ausweg aus der hochgetunten Wegwerfgesellschaft bedeutet, sollten wir uns vergewissern, dass ihr Prinzip keine menschliche Erfindung, sondern ein uraltes, der Natur seit Anbeginn der Zeit innewohnendes ist." Vielleicht könnte dieses Buch Anteil daran haben, dass unsere Kultur zurückfindet zu dieser alten Selbstverständlichkeit. Denn obwohl Heckl sich selbst stellenweise darum sorgt, zu kulturpessimistisch zu klingen, ist das Gegenteil der Fall. Dieses Buch ist eine wunderbar kulturoptimistische Liebeserklärung an die Fähigkeiten des Menschen. Eine Utopie, die (das ist das Schönste daran) gar nicht mal so utopisch ist. Wie diese konkret aussehen könnte, erzählt Heckl in seiner Schlussbemerkung: einer Vision, wie wir im Jahr 2040 leben könnten - und, wer weiß, vielleicht leben werden.
KulturSPIEGEL 10/2013
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