30.09.2013

Von Schröder, Christoph

Von Huren und Hooligans

Clemens Meyer. "Im Stein". Roman. S. Fischer; 560 Seiten; 22,99 Euro.

"Gebumst wird immer" - das ist einer der Leitsprüche, die sich durch Clemens Meyers neuen Roman ziehen. Derjenige, der das sagt, ist ein Geschäftsmann. Er macht in Immobilien. Er stellt Frauen den Raum zur Verfügung, in dem sie ihrem Beruf nachgehen können. Ihr Beruf ist die Prostitution. Aber ein Zuhälter ist der Geschäftsmann nicht, keinesfalls. "Im Stein" ist ein dunkler, vibrierender, minutiös komponierter Chor aus Stimmen. Permanent wechseln die Perspektiven, Erzählhaltungen, Sprecher. Es ist kein Roman aus dem Rotlichtmilieu, denn das gibt es so nicht; es sind viele Milieus, aufgesplittert in Interessen, Blickwinkel, soziale Schichten. Die Stadt, in der "Im Stein" angesiedelt ist, ähnelt Leipzig und ist es doch nicht, denn die Stadt ist größer, gieriger, wächst in alle Richtungen. Und um Expansion geht es. Nüchtern betrachtet könnte man sagen, all diese Stimmen von Zuhältern, pardon: Geschäftsleuten, Huren, Freiern, Luden und Bullen beleuchten die Entwicklung des Prostitutionsgewerbes in besagter Stadt von der Wendezeit bis in die Gegenwart. Und wenn es überhaupt zwei Hauptfiguren gibt, dann sind es die beiden ehemaligen Ost-Fußball-Hooligans und heutigen Immobilienfachleute Arnold und Hans. Sie kämpfen um ihr Revier, um das, was sie sich aufgebaut haben. Gegen die Billig-Laufhäuser und den Billig-Straßenstrich, der aus Osteuropa herüberschwappt. Gegen die neuen Ansprüche der Jugos und Russen. Gegen die, die aus dem Westen herüberkommen und Territorialansprüche stellen.

Man schließt Bündnisse, entwirft Strategien, verletzt und wird verletzt. Ganz durchsichtig ist das nicht immer, muss es auch nicht sein. Wenn von Sex die Rede ist, dann in kühlem Tonfall, als einer Ware wie jede andere auch. Meyer raubt dem Rotlicht sein mythisches Schimmern und deklariert es zum gängigen Geschäftsmodell. Und gleichzeitig sind all seine Figuren angetrieben von Sehnsüchten, Wünschen, Gier, Trauer, Entgrenzungsphantasien. Da irrt ein ehemaliger Jockey seit Jahren traurig über die Bumsmeilen des Ostens, auf der Suche nach seiner Tochter, die er an den Drogenstrich verloren hat, als sie 14 Jahre alt war. Da träumt eine junge Hure vom gutbürgerlichen Eigenheim im Grünen. Da hat Arnold den Blick gen Himmel gerichtet und sehnt sich nach den Sternen.

Clemens Meyer, 36, hat eine Vielzahl literarischer Referenzgrößen: Hubert Fichte und Jörg Fauser, das ist offensichtlich, aber auch die Sprachwucht eines Wolfgang Hilbig und dessen permanentes Schwanken zwischen realen und surrealen Ebenen sind ihm nahe. "Im Stein" ist ein packendes modernes Märchen im dünnen Gewand des Dokumentarischen. Lange hat jemand nicht mehr so viel gewagt.


KulturSPIEGEL 10/2013
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