Zu den Sternen, zur Unendlichkeit
Marion Poschmann: "Die Sonnenposition". Roman. Suhrkamp; 336 Seiten; 19,95 Euro.
Gleich im ersten Satz beginnt die Sonne zu bröckeln. Zugegeben, es ist nur eine Sonne aus Stuck, die sich an der Decke des Speisesaals befindet. Aber es ist ein Bild, das vorgibt, in welche Richtung es in Marion Poschmanns drittem Roman geht: nach oben, gen Himmelsgewölbe, zu den Sternen, zur Unendlichkeit. Die bröckelnde Sonne befindet sich in einem langsam verfallenden Barockschloss in der Mark Brandenburg. Hier hat man eine psychiatrische Klinik eingerichtet; hierhin hat es den Psychiater Altfried Janich verschlagen, einen rundlichen Melancholiker, der ursprünglich aus dem Rheinland stammt und der nun, sehr zu seinem Unwillen, auf engem Raum mit seinen Patienten zusammenleben muss.
Marion Poschmann, 43, ist eine Ausnahme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Man merkt es ihrem Roman nicht nur an, dass sie Lyrikerin ist, es ist in diesem Fall sogar von großem Vorteil. Denn das Wunderbare an "Die Sonnenposition" ist die nuancenreiche, luzide Sprache; ein Vokabular, das sich mit der gleichen Geschmeidigkeit durch die Sphären von Literatur und Naturwissenschaft bewegt.
An den Tagen die Klinik und das Schloss, die Patienten und deren Fallgeschichten; in den schlaflosen Nächten Altfrieds Erinnerungen an seinen besten Freund Odilo, der kürzlich unter recht mysteriösen Umständen tödlich verunglückt ist. Der Biologe Odilo untersuchte die Lumineszenz von Tieren; die Universalpoetin Poschmann bringt ihre Figuren zum inneren Leuchten und spielt auf elegante Weise die Motivkomplexe von Licht und Schatten durch.
KulturSPIEGEL 10/2013
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