Süßes Gift
Nicola Zepter: "Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe". Sachbuch. Tropen; 136 Seiten; 12 Euro.
Darf man das? Ein Kunstwerk bekritteln, bemäkeln, beanstanden? Es verteufeln, verunglimpfen, verschmähen? Ein Kunstwerk hassen? "Kunst hassen ist ein Tabu", schreibt Nicole Zepter, Chefredakteurin des Berliner Zeitgeistmagazins "The Germans". Und unter diesem Tabu leide niemand so sehr wie die Kunst-rezeption: "Liebe braucht Ehrlichkeit, sonst fehlt es ihr an Tiefe." In ihrer Streitschrift "Kunst hassen" schreit Zepter ihren Hass heraus. Es ist ein befreiend respektloses Buch, etwas konfus zwar und schludrig lektoriert, aber das passt zur Punk-Attitüde.
Zepter, 37, giftet gegen den Kunstbetrieb, der die Besucher mal einlullt und mal einschüchtert: Die PR-Texte seien aufgeblasen, aber auch "die Feuilletontexte lesen sich wie Ausstellungskataloge". Anders als zu Theater, Literatur und Film gebe es zur Kunst kaum Verrisse. Ein Grund: "Kritiker sind Künstler sind Galeristen sind Kuratoren." Kunstkritik ist Kunst-PR. Zum Qualitätsmaßstab werde der Preis, nach dem Motto: Das Kunstwerk war teuer? Dann muss es relevant sein. Ausgestellt werde es in austauschbaren Museen, gleichförmig gestaltet "nach dem Prinzip einer Laura-Ashley-Boutique". Zwischen Shops und Cafés irritiere die Kunst niemanden mehr, da sich der Blick nach der Kunst "in einem dänischen Zimtkringel" verliere. Die klassische Präsentation im White Cube sorge zudem für Langeweile: "Die Ausstellung ist ein immer wiederkehrendes Theater mit gleicher Bühnenausstattung." Und sie sorge für Respekt: Museen wirkten wie Kirchen, in denen Götzen angebetet werden; die Besucher sprächen gedämpft, kritisch beäugt von den Palastdienern, den Museumsaufsehern.
Ein bisschen Blasphemie kann da nicht schaden. Zepter liefert sie.
KulturSPIEGEL 10/2013
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