Freischwimmerin
Sarah Crossan: "Die Sprache des Wassers". Jugendbuch. Aus dem Englischen von Cordula Setsman. Mixtvision; 232 Seiten; 13,90 Euro.
Wer "Die Sprache des Wassers" zur Seite legt, weil er es für einen Gedichtband hält, macht einen großen Fehler. Denn das neue Buch der irischen Autorin Sarah Crossan ist, auch wenn es beim Durchblättern so daherkommt, keine Gedichtsammlung über die Befindlichkeit eines kleinen Mädchens. Es ist die Geschichte der zwölfjährigen Kasienka, die sich mit ihrer traurigen Mutter, einem großen Koffer, einem peinlichen Wäschesack und ohne Geld auf den Weg von Danzig ins englische Coventry macht. Dort wollen sie den abtrünnigen Vater finden und zur Familie zurückholen.
Crossan lässt ihre junge Protagonistin erzählen von ihren ernüchternden Erfahrungen im Wohnheim, in der Schule, im fremden Land. Von der aufkeimenden Liebe zu dem nur wenig älteren William und vom sie rettenden Wasser im Schwimmbad, in dem sie so oft wie möglich abtaucht. Sie erzählt, wie sie ihren Vater und dessen neue kleine Familie findet und wie sie die Mutter dabei ein wenig verliert, wie sie William küsst, sich von der Schwere freischwimmt und schließlich in diesem neuen Leben ankommt.
Es ist ein feines Buch, nicht nur weil es in Stoff eingeschlagen, mit blutrotem Vorsatzpapier und einem wasserblauen Lesebändchen ausgestattet ist. Es ist so fein, weil seine Geschichte aus genau den wenigen und von Cordula Setsman einfühlsam ins Deutsche übertragenen Worten besteht, die es braucht, um sie zu erzählen. Kein Wort zu viel und keins zu wenig, sparsam verteilt auf 232 kleine Seiten. Genau mit diesen Worten und der Sprache, die Sarah Crossan daraus formt, eröffnet sich ein romanhafter Raum mit vielen Bildern, zart, poetisch, spannend und sehr dicht.
KulturSPIEGEL 10/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.
Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.
Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.