30.09.2013

Von Höbel, Wolfgang

Der normannische Patient

Mirko Bonné: "Nie mehr Nacht". Roman. Schöffling; 360 Seiten; 19,95 Euro.

Schlimm schwermütig und bedeutungsduselig fängt dieser Roman einer Frankreich-Expedition an. Der Ich-Erzähler Markus Lee berichtet vom Selbstmord seiner geliebten Schwester Ira, von üblen Selbstvorwürfen, die er sich deshalb "nicht aus dem Kopf schlagen" kann, und vom Start einer Autoreise von Hamburg in die Normandie, bei der ihm sofort Gottfried Kellers Roman "Der grüne Heinrich" (dessen Held gleichfalls Lee mit Nachnamen heißt) einfällt. Der deutsche Schriftsteller Mirko Bonné, 48, ist ein vielseitig beschlagener Mann, der das Hochtrabende nicht scheut.

In "Nie mehr Nacht" erzählt er die Geschichte des Künstlers Markus, der für ein deutsches Kunstmagazin die Brücken zeichnen soll, die 1944 bei der Landung der Alliierten in der Normandie besonders umkämpft waren. Mit auf die Reise nimmt der Ich-Erzähler den 15-jährigen Sohn seiner Schwester. "Wir waren einander nicht gerade von Herzen zugetan", berichtet der Onkel über seinen Reisegefährten, "doch weil meine tote Schwester in ihm fortlebte, liebte ich ihn." Klar geht es in diesem Roman um die Schuld eines einzelnen Mannes, um die Verbrechen einer ganzen Nation und um die Kluft zwischen den Generationen. Noch mehr aber geht es um die Sehnsucht nach Schwerelosigkeit, die Markus dazu anstiftet, sein Hab und Gut, sein Zelt, seine Bücher und sogar sein Auto nach und nach wegzuwerfen oder zu verschenken: "Ich mochte das Gefühl, immer leichter zu werden."

Die Überraschung dieses Buchs ist, dass auch der Ton des Ich-Erzählers im Verlauf dieser Reise an Leichtigkeit gewinnt. Unweit von Bayeux landet er in einem abgewrackten Strandhotel und trifft auf ziemlich merkwürdige Menschen. Es ist eine Endstation für Markus, ein magischer Ort, der von fern an die zerbombte toskanische Villa erinnert, in der Michael Ondaatjes sterbender Held in "Der englische Patient" gepflegt wird. Auch Markus muss von einem Leiden erlöst werden. Seine Krankheit zum Tode hat mit der Schwester Ira zu tun - in der Normandie hat er endlich den Mumm, sich dem Geheimnis zu stellen, das ihn mit ihr verband.

Natürlich kann man gegen Bonnés Roman einer Frankreich-Tour, die eigentlich eine Flucht aus der deutschen Finsternis ist, einiges einwenden: wie ausgeklügelt und geschmackvoll hier Weltgeschichte und Familienschrecken verwoben werden. Wie arg schicksalhaft alle möglichen Zufälle dem Helden und der Handlung auf die Sprünge helfen. Und doch entsteht aus der gemächlichen Landschafts- und Seelenerkundung ein Zauber, der Markus Lee am Ende dann auch noch ein unverhofftes Glück beschert. "Es nützt nichts, länger zu schwatzen! Du hast mich erlöst", jubelt Heinrich Lee im Finale des "Grünen Heinrich" seiner Gefährtin zu. Mirko Bonnés Helden ergeht es ganz ähnlich wie dem Schweizer Urahn.


KulturSPIEGEL 10/2013
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