30.09.2013

Von Becker, Tobias

Röcke wie Romane lesen

Barbara Vinken: "Angezogen. Das Geheimnis der Mode". Sachbuch. Klett-Cotta; 250 Seiten; 19,95 Euro.

Sie sei "die glamouröseste Professorin Deutschlands", hat die Kunstzeitschrift "Monopol" einmal über sie geschrieben. Ein Ruf, den Barbara Vinken, 53, mit ihrem neuen Buch bestätigt: "Angezogen. Das Geheimnis der Mode" ist Pflichtlektüre für alle, die mehr wissen wollen über Mode als das, was in "Glamour" und "Joy" steht, in "Cosmopolitan" und "Vogue". Die Literaturwissenschaftlerin Vinken liest einen Rock wie einen Roman, rezensiert eine Modenschau wie eine Theaterinszenierung.

Die Mode der Moderne, schreibt Vinken, entstand um die Französische Revolution herum. Bis dahin waren Männer das schöne Geschlecht, zumindest wenn sie adelig waren. Sie schmückten und sie schminkten sich; sie trugen weißschimmernde Strümpfe, die eng anlagen und den Blick auf ihre Beine freigaben; sie kombinierten die Strümpfe mit einer Schamkapsel, die ihr Geschlecht verzierte und optisch vergrößerte. Kurz: Sie gockelten herum.

In einem System männlicher Erbfolgeherrschaft war es entscheidend für adelige Männer, Männlichkeit und vor allem Zeugungsfähigkeit zu betonen. Zudem verdeutlichte der Prunk auf den ersten Blick ihren Platz in der Ordnung der Welt. Seit der Französischen Revolution hingegen ist die Männermode antimodisch: Der Mann hat es nicht mehr nötig, optisch aufzufallen. Mehr noch: Er darf optisch nicht mehr auffallen. Kleidung ist dazu da, seinen Körper zu bedecken - und in den Kollektivkörper zu integrieren. Nichts ist dazu so geeignet wie der Anzug, der ihn uniformiert. In ihm tritt der Mann hinter die Institution zurück, für die er arbeitet, er bekleidet ein Amt korrekt. "Der männliche Anzug ist die Uniform der Demokratie", schreibt Vinken.

Die Frau hingegen hat die aristokratische Angeberei des Mannes geerbt: Die Kleider der Moderne betonen ihren Körper, vor allem ihre Geschlechtlichkeit. Sie inszenieren ihren Körper als einen, der zur Arbeit unfähig ist: Er soll nicht funktionieren, sondern repräsentieren.

Moment mal, werden nun einige sagen: Es gibt doch seit Jahren einen Trend zum Unisex! Gibt es nicht, sagt Vinken. Frauen ziehen sich Männerkleider an, Männer aber so gut wie nie Frauenkleider. Der sogenannte Boyfriend-Look, bei dem sie seine (zu weite und zu lange) Hose trägt, fasziniert zudem vor allem aus einem Grund: Er inszeniert ein Szenario des Danach, dient also wiederum der erotischen Reizerhöhung der Weiblichkeit. Hinzu kommt, dass junge Frauen sich heute viel entschiedener schminken als noch ihre Großmütter.

Grundsätzliche Überlegungen wie diese ergänzt Vinken um Analysen einzelner Modelabels: Comme des Garçons, Maison Martin Margiela, Alexander McQueen. Sie liefert die tiefsinnige Theorie eines Oberflächenphänomens - und steht damit in der Tradition großer Denker wie Georg Simmel, Walter Benjamin und Roland Barthes.


KulturSPIEGEL 10/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

KulturSPIEGEL 10/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen