Mit einem Bein im Bett
Max Scharnigg: "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau". Roman. Hoffmann & Campe; 304 Seiten; 19,99 Euro.
Jasper Honigbrod trägt schulterlanges Haar, das er mit einem violetten Samtreif zurückhält, und einen Pullover, der sich Reihe für Reihe aufribbelt, schneller, als er wächst. Er ist sechs Jahre alt, ein kauziges Kerlchen, ähnlich kauzig wie sein Vater Max, der nichts anderes trägt als eine gelbe Cordhose und einen weinroten Pullover, seit er in Cambridge studiert hat, und wie sein Großvater Ludwig, der im Blaumann tagein, tagaus Gartenbeete anlegt, mit der Sorgfalt eines Ingenieurs.
Die drei Honigbrods leben auf einem Einsiedlerhof in Bayern, nahe der tschechischen Grenze. Jeden Tag erzählt Max seinem Sohn Jasper eine Gutenmorgengeschichte, und ähnlich wie der Ton einer solchen Gutenmorgengeschichte ist auch der Ton dieses Romans: als sei er für ein Kind erfunden worden, das erst mit einem Bein aufgestanden ist und mit dem anderen noch im Bett, halb wach und halb im Traum. Max Scharnigg, 33, schreibt in einem magischen Realismus, der den Zauber der Kindheit heraufbeschwört - und gleichzeitig die ganz reale Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts einfängt. Ein hinreißender Heimatroman, getragen von phantastischen Formulierungen.
Jasper weiß zunächst nichts "vom ganzen Rest jenseits des Wiesenschaumkrauts", wie auch, weiter als bis zum Aussichtspunkt darf er nicht gehen. Dort sitzt er mit seinem Großvater und beäugt die Autos, die unten im Tal vorbeirasen, weit weg, aber doch nah genug, um sie mit ihrer Geschwindigkeit zu kitzeln. Wer nur lange genug an diesem Aussichtspunkt sitzt, erfährt Jasper, der lernt alle Automarken kennen. Wer nur lange genug Geduld hat, zu dem kommt die Welt, auch wenn er in der Einöde lebt. Was für eine lebenskluge Botschaft.
KulturSPIEGEL 10/2013
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