Gegen das Verstehen
Janne Teller: "Alles - worum es geht". Jugendbuch. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler und Birgitt Kollmann. Carl Hanser; 144 Seiten; 12,90 Euro.
Niemand konnte der dänischen Schriftstellerin Janne Teller, 49, je vorwerfen, dass sie ihre jugendlichen Leser unterfordere. Ihr Roman "Nichts - Was im Leben wichtig ist", an den sich 2010 erst zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung ein deutscher Verlag heranwagte, gilt als eines der besten, aber auch als eines der umstrittensten Jugendbücher seiner Zeit. Zu nihilistisch, zu gewalttätig fanden viele die Geschichte eines 14-Jährigen, der seinen Mitschülern die Sinnlosigkeit des Lebens verkündete und damit eine Lawine der Grausamkeiten in Gang setzte. Noch mehr Menschen aber hielten "Nichts" für eine brillante Parabel über Ursache und Wirkung von scheinbar blindem Fanatismus - und vor allem für ein Buch, das sowohl seine jungen Helden als auch seine Leser ernst nimmt.
"Tellers neues Werk "Alles - worum es geht" ist eine Kurzgeschichtensammlung, aber der Grundsatz ist der gleiche: Die acht Erzählungen handeln fast immer von jungen Menschen, die Gewalt erleben - als Täter, als Opfer, als Zeuge oder alles zusammen. Der jugendliche Mörder, der in "Warum?" an den zwanghaften Verstehversuchen eines Erwachsenen verzweifelt; der Junge, der in "Gelbes Licht" so gern die Nachbarsmädchen retten möchte, dafür aber die eigene Familie zerstören muss; das Mädchen, das sich in "Der türkische Teppich" aus Liebe zum Vater selbst verletzt. Es gibt keine verordnete Moral und keine Belehrung bei Janne Teller, kein einfaches Gut und kein Böse. Teller versucht ihren Helden einfach in die Seele zu schauen, auch dann noch, wenn es weh tut. Und genau das macht diese Helden, dieses Buch so menschlich.
KulturSPIEGEL 10/2013
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