30.09.2013

Der Fabelhafte

Der Fabelhafte
Joël Dicker: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert". Roman. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg. Piper; 736 Seiten; 22,99 Euro.
Natürlich muss es Kalkül gewesen sein, dass der Werbetext auf dem Rücken dieses Buches heißt: "Niemand kannte ihn, und dann schrieb er das erfolgreichste Buch des Jahres." Denn der Satz ist in diesem Fall auf drei Ebenen lesbar. Erstens trifft er auf den Ich-Erzähler dieses Buches zu, einen jungen, gutaussehenden Schriftsteller namens Marcus Goldman, genannt "der Fabelhafte", der mit seinem ersten Roman zum Wunderkind der amerikanischen Literaturszene geworden ist und seitdem mit einer Schreibblockade kämpft. Zweitens trifft er auf Goldmans Mentoren zu, den großen Harry Quebert, in dessen Vorgarten unter einem Rhododendronbusch die Leiche eines 15-jährigen Mädchens gefunden wird, zusammen mit dem Originalmanuskript des Liebesromans, der Quebert Ende der siebziger Jahre berühmt gemacht hat. Quebert steht fortan nicht nur unter strafrechtlichem Tatverdacht, sondern auch unter moralischem: Denn sein Erfolgsroman stellt sich als die Geschichte einer wahren Liebe zwischen ihm und dem minderjährigen Mädchen heraus. Und Aurora, diese scheinbar idyllische Kleinstadt in New Hampshire, in der Harry Quebert in einer Schriftsteller-Klischee-Villa am Meer lebt, steht seit dem Fund der Leiche im Fokus der amerikanischen Öffentlichkeit. Der gefallene Jungstar Goldman reist nach Aurora, um seinem Mentoren Quebert beizustehen, um die Wahrheit über diesen Fall herauszufinden - und auch, um ein Buch über diesen Fall zu schreiben, der seine eigene Karriere retten soll.
Damit ist dieses Buch vieles: ein Krimi, in dem am Ende nichts so ist, wie man noch zehn Seiten zuvor gedacht hätte, aber alles so, wie es sein muss. Eine Persiflage des Literaturbetriebs. Eine Hommage an die Literatur der großen amerikanischen Schriftsteller. Und der wahrscheinlich unterhaltsamste Titel dieses Literaturherbstes von einem der aufsehenerregendsten Schriftsteller. Denn drittens gilt der Satz auf dem Umschlagrücken eben auch für den Autoren dieses Buches. Joël Dicker ist kein Amerikaner. Er ist gerade einmal 28 Jahre alt und Schweizer. Sein Buch erschien ursprünglich in einem kleinen Schweizer Verlag. Es wurde überraschend für alle wichtigen französischen Literaturpreise nominiert und verdrängte "Shades of Grey" von der Spitze der Bestsellerliste. Sieben deutsche Verlage sollen sich um die Rechte überboten haben. Und der französische Literaturkritiker Bernard Pivot hat dieses Buch einen großen Roman genannt. Und das ist er. Dass dieses Buch dabei auch 50 oder gar 100 Seiten kürzer noch funktioniert hätte, dass einige der Figuren wie Goldmans sich um Enkelkinder sorgende Mutter so überzeichnet sind, dass sie fast zotig wirken, dass die Sprache nicht besonders originell ist - geschenkt. Wer so große Teile der Welt abbilden will, kann dafür keinen Haarpinsel nehmen.
Es muss ebenfalls Kalkül gewesen sein, dass Dicker in Rückblenden Quebert und Goldman über die Qualitäten guter Literatur reden lässt und darin genug Vorlagen für Lobeshymnen auf sein Buch anlegt, wie zum Beispiel diese: "Ein gutes Buch, Marcus, ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat." Das Kalkül ist aufgegangen.
Von Maren Keller

KulturSPIEGEL 10/2013
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