Pulp Fiction
Jarvis Cocker: "Mother, Brother, Lover". Songtexte. Aus dem Englischen von Michael Kerkmann. Berlin Verlag; 352 Seiten; 19,99 Euro.
Songtexten wird selten die Ehre zuteil, als Buch verewigt zu werden. Wenn es sich nicht gerade um Bob Dylan oder Leonard Cohen handelt, billigt ihnen kaum jemand eine literarische Qualität zu, also nicht die Substanz, die sie jenseits der Musik interessant machen könnte. "Ein gedruckter Songtext ist aber immer wie Fernsehen ohne Ton: Man kriegt nur die Hälfte der Geschichte mit. Von einem Musikstück hört sich auch niemand nur die von den anderen Instrumenten isolierten Drums an", schreibt Jarvis Cocker im Vorwort zu der in Buchform gedruckten Sammlung seiner Songtexte. Jarvis Cocker?
Der 1963 in Sheffield geborene Brite wurde in den neunziger Jahren mit seiner Band Pulp in Großbritannien berühmt und ist dieser Tage als BBC-Moderator erfolgreich. In der großen Medien-Inszenierung namens Brit-Pop, die auch Oasis und Blur ins Rampenlicht brachte, war Jarvis Cocker eine faszinierende Ausnahmeerscheinung: ein schlaksiger Dandy mit großer Nerd-Brille und Flohmarktanzügen; ein Anti-Pop-Held wie aus dem Bilderbuch. Aber vielleicht wurde er gerade deshalb von den Briten umso mehr geliebt. Das bizarre Treiben im britischen Pop-Zirkus schien Jarvis Cocker stets aus halbwegs sicherer Distanz hinter seinen Brillengläsern zu sezieren. Er blieb ein Skeptiker mit Hang zur selbstironischen Exzentrik. So kommen auch seine Texte daher. Etwas kokett verkündet Jarvis Cocker im Vorwort "Lyrics sind keine Poesie". Aber er sagt auch: "Und wenn man einmal verstanden hat, dass der Text eines Songs nicht so wichtig ist, beginnt der eigentliche Spaß beim Schreiben."
Cocker, ein Kind der britischen Working Class, hält in seinen Texten gern fest, was er erlebt. In einer Tradition, die auf Ray Davies von den Kinks zurückgeht, ist Cocker auch ein Chronist des britischen Working-Class-Alltags mit Sinn für Details, mit politischem Bewusstsein und trockenem Humor: "Ich bin nicht Jesus, obwohl ich die gleichen Initialen habe. Bin bloß der Typ, der zu Hause den Abwasch macht" ("Dishes"). Oder: "Catcliffe, du kriegst mich nicht klein, weder deine Parkplätze und Einkaufszentren, noch deine Panda-Pops und Keramiken, deine Autobahnkreuze und dieser erdrückende Geruch des Scheiterns" ("Catcliffe Shakedown").
Natürlich macht es mehr Freude, in diesem Buch zu lesen, wenn man die Musik dazu im Kopf hat. Aber auch ohne begleitende Melodie sind Cockers Texte ein Vergnügen der besonderen Art, und sie haben tatsächlich immer wieder eine poetische Kraft.
KulturSPIEGEL 10/2013
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