30.09.2013

Von Sander, Daniel

Batman der Bücher

Gillian Flynn: "Gone Girl". Roman. Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh. Fischer Scherz; 576 Seiten; 16,99 Euro.

Krimis sind die Superheldenfilme des Literaturbetriebs: Man kann damit viel Geld verdienen, aber wichtige Preise bekommt niemand dafür. Selbst wenn sich sogar mal das versammelte Feuilleton zu breiter Anerkennung herablässt. "Gone Girl", der dritte Roman der ehemaligen "Entertainment Weekly"-Redakteurin Gillian Flynn, 42, war damit in den USA im vergangenen Jahr so etwas wie der vorletzte "Batman"-Film in Buchform - von einem Millionenpublikum geliebt, von Kritikern gefeiert, von den meisten großen Jurys ignoriert. Denn die halten offenbar alles, was spannend ist, für trivial. Und "Gone Girl" ist spannend - so spannend, dass es einen beim Lesen fast zerreißt, weil man unbedingt zur Auflösung vorblättern möchte, was aber nicht geht, weil es dafür viel zu gut geschrieben ist. Je weniger Vorwissen, desto größer das Vergnügen, deswegen nur so viel: Nick und Amy sind eins dieser gutaussehenden, coolen New Yorker Power-Pärchen, bevor ihnen die Rezession erst ihre gut bezahlten Medienjobs nimmt (wie es auch Gillian Flynn selbst passiert ist) und dann Amys Treuhandfonds. Sie flüchten in Nicks kleinen Heimatort nach Missouri, wo er mit seiner Zwillingsschwester eine Bar eröffnet und sie sich mangels Alternativen als Hausfrau versucht. Nicht ideal, aber sie haben ja einander - und was brauchen sie mehr, wenn doch jeder weiß, dass die beiden das perfekte Paar sind. Bis Amy verschwindet, genau am fünften Hochzeitstag. Und Nick nicht ganz so entsetzt scheint, wie die Welt das von einem liebenden Ehemann in dieser Lage erwartet.

Vordergründig ist die zentrale Frage von "Gone Girl" die eines klassischen Mystery-Thrillers: Was ist mit Amy passiert, und was hatte Nick damit zu tun? Nick und Amy wechseln sich mit ihrer Version der gemeinsamen Geschichte ab - Amy in Tagebucheinträgen bis zu ihrem Verschwinden und Nick als Ich-Erzähler danach. Keiner von beiden nimmt es dabei mit der Wahrheit immer hundertprozentig genau, so dass sich erst ganz allmählich die alltäglichen, vielleicht sogar harmlosen Szenen einer Ehe zur großen Tragödie einer hochtoxischen Liebe zusammenfügen. Denn was Gillian Flynn eigentlich interessiert, ist die Frage, was Menschen einander anzutun bereit sind, um sich selbst und allen anderen ewiges gemeinsames Glück vorzutäuschen. Bis zum bitteren, spektakulär unvorhersehbaren Finale kratzt sich Flynn dabei Schicht um Schicht durch die glänzende Fassade zur finsteren Wahrheit vor. Ein komplexer, mitreißender, beißend ehrlicher Roman über die großen Lügen einer großen Liebe. Und nebenbei eben auch ein luftabschnürend spannender Thriller. Ist denn das so schlimm?


KulturSPIEGEL 10/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

KulturSPIEGEL 10/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen