Sehr bunte Blumen
Ulrich Tukur: "Die Spieluhr." Novelle. Ullstein; 160 Seiten; 18 Euro. Ab 11.10.
Der Schauspieler und Musiker Ulrich Tukur, Jahrgang 1957, ist ein luftiger, aber nie windiger Geselle mit vielen Begabungen. Das Schreibhandwerk betreibt er ähnlich heiter-verschmitzt wie seine Bühnenauftritte. Vor ein paar Jahren hat er einen Erzählband mit venezianischen Schmunzelstorys veröffentlicht, nun tritt er uns in der in Frankreich spielenden Novelle "Die Spieluhr" als Verschachtelungskünstler und Illusionist entgegen, der eine Schaudergeschichte nach Art alter romantischer Meister erzählt. Der Ich-Erzähler ist ein deutscher Schauspieler und dreht im Frankreich der Gegenwart, in der Picardie, einen Film über einen einst bekannten deutschen Kunstkritiker, die Jahre der Nazi-Besatzung und die heute berühmte naive Malerin Séraphine Louis, die von 1864 bis 1942 lebte, sehr bunte Blumen malte und in den letzten Jahren ihres Lebens bekanntermaßen wahnsinnig war. Der Held stolpert im Schlepptau eines jungen Regieassistenten namens Jean-Luc in eine phantastische Handlung und durch diverse Jahrhunderte. Dabei spielen ein nur manchen Menschen sichtbares Schloss, plötzlich zum Leben erwachende Gemälde und ein kindlich-verrücktes Musikgenie von mozartscher Gestalt tragende Rollen. "Die Welt stand Kopf, Tatsachen hatten sich als Trugbilder erwiesen, physikalische Gesetze waren ausgehebelt", heißt es einmal in dieser vergnüglich verzopften, hochgebildeten Spiegelfechterei, an deren Ende sich alle Realitäten naturgemäß als Täuschung erweisen. Sehr melancholisch tritt der Held die Rückreise in die Welt von heute an, in eine "Wirklichkeit, von der ich nun allerdings wußte, daß es sie gar nicht gab".
KulturSPIEGEL 10/2013
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