Philip Pullman: "Grimms Märchen". Kinderbuch. Aus dem Englischen von Martina Tichy. Aladin; 512 Seiten; 29,90 Euro. Ab 2.10.
Warum muss man Klassiker überarbeiten? Welchen Grund gibt es, "Grimms Kinder- und Hausmärchen" zu lektorieren, die doch seit 200 Jahren faszinieren? Weil man sie schöner erzählen kann. "Ich wollte sie nicht an moderne Schauplätze verpflanzen, ihnen keine persönlichen Interpretationen überstülpen", sagt der britische Schriftsteller Philip Pullman, 67, im Vorwort zu seiner Neufassung von "Grimms Märchen", "mir ging es schlicht und einfach um eine Version, die klar wie ein Quell daherkommt."
50 der rund 80 Märchen hat der Bestseller-Autor Pullman ("Der goldene Kompass") überarbeitet, darunter die Stars unter den Klassikern wie "Aschenputtel", "Rotkäppchen", "Der Froschkönig", aber auch nicht so bekannte wie "Das Bäuerlein" oder "Simeliberg". An praktisch jedem Satz hat er gefeilt. Er hat kleine Szenen eingefügt, wo die Handlung sprunghaft wirkte, er hat Dialoge ergänzt, wo sie ihm zu knapp erschienen.
Als die sieben Zwerge das schlafende Schneewittchen finden, rufen im Original die Zwerge: "Ei, du mein Gott" und ",Was ist das Kind so schön!' Und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum." Wieso rätseln die Zwerge nicht, wo Schneewittchen herkommt? Wieso überzeugt allein seine Schönheit die Zwerge, es nicht zu stören? Pullman füllt diese Leerstellen mit einem Minidialog: ",Was für ein liebliches Gesicht!' ,Wo sie wohl herkommt?' ,Es ist ein Rätsel, Brüder! Ein großes Rätsel!'" Und der siebte Zwerg beschwert sich, dass er kein Bett mehr hat: "Wo soll ich nun schlafen?"
Leichtgängig und sprachlich näher am heute ist Pullmans Version der Grimmschen Märchen. Die Geschichten wirken erstaunlicherweise, mehr als das Original, so, als würden sie erzählt und nicht vorgelesen. Leider fehlt der gelegentlich etwas biederen deutschen Übersetzung von Martina Tichy der trockene britische Humor von Philip Pullman. Wie das Buch bebildert ist, das ist eine doppelte Sensation: erstens mit Skulpturen und zweitens von Shaun Tan, dem faszinierendsten Kinderbuchillustratoren unserer Zeit.
Wo soll ich nun schlafen?
KulturSPIEGEL 10/2013
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