Schwippschwapp der Sprache
Melitta Breznik: "Der Sommer hat lange auf sich warten lassen". Roman. Luchterhand Literaturverlag; 256 Seiten; 19,99 Euro.
Dieses Buch ist eines, das man wegen seiner Sprache liest. Wegen der sanften, fließenden Sätze, deren Poesie manchmal nur ein geschickt gesetztes Komma ausmacht. Oder ein kurzer Nachsatz. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Sätze dieses Romans tragen eine Schönheit und Eigenheit in sich, die ganz in ihrem Rhythmus begründet liegen. "Seit einem Jahr wohne ich hier in dieser Altenklause, die so übel nicht ist, wie ich zunächst angenommen habe, es gibt Schlimmeres." Dieses Buch zu lesen, ist wie mit geschlossenen Augen in einem Tretboot auf einem ruhigen Sommersee zu liegen und sich vom Schwippschwapp der Sprache von Seite zu Seite treiben zu lassen.
Wer da so besonnen und genau spricht, ist Margarethe, die alt gewordene Ich-Erzählerin dieses Romans. Die mit Anfang neunzig noch einmal für eine letzte Reise das Altenheim verlässt, das die Bewohner wegen des Efeus an den Wänden das "Grüne Haus" nennen. Margarethe will noch einmal in ihren Heimatort reisen. Und dieser Roman begleitet sie auf ihrer Reise dorthin, auf der ICE-Fahrt von Basel nach Frankfurt, die beschwerlich ist, wenn man nicht allein aus dem Rollstuhl aufstehen kann. Vor allem aber will sie diesen Ort ihrer Tochter zeigen. Lena, die als Designerin in London arbeitet und nur wenig Kontakt zu Margarethe hat. Immer wieder gibt es lange Zeiten des Schweigens zwischen beiden. Und wenn sie reden, gibt es Streit, sobald die Sprache auf den Tod von Max kommt, Margarethes Mann und Lenas Vater. Hat Margarethe ihn im Stich gelassen, als sie aus der gemeinsamen Wohnung auszog? Oder seinen Wunsch respektiert?
Die Kapitel aus der Sicht Margarethes variiert die Autorin Melitta Breznik, 52, mit Kapiteln, in denen die Tochter zur Ich-Erzählerin wird. Und mit Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen und vom Leben und Sterben von Margarethes Mann Max erzählen, in dessen Leben die Kriegsgefangenschaft der Einschnitt war, der alles - und am meisten ihn selbst - verändert hat. Dabei lässt Breznik ihre drei Erzähler nicht nur von sich selbst sprechen, sondern immer auch über die anderen. So gelingt es ihr, die familiären Verflechtungen auch formal nachzuzeichnen. Auf diese Art und Weise entsteht ein komplexer Familienroman, der einen Großteil des 20. Jahrhunderts umgreift und von der Steiermark bis London reicht. Und in dem Erinnerungen an den ersten Weihnachtsbaum ebenso ihren Platz haben wie die an Kriegsgefangenenlager. Die größten vorstellbaren Schrecken und die größten Kinderwünsche werden mit derselben Sprache erzählt, die nichts aufbauscht und sich vor nichts drückt.
KulturSPIEGEL 10/2013
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