30.09.2013

Die können einpacken!

Uwe Timm: "Vogelweide". Das Werk des Schriftstellers Uwe Timm gehört zu den bedeutendsten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Umso irritierender, dass ihm "Vogelweide", ein moderner "Wahlverwandten"-Aufguss, derart aus dem Ruder gelaufen ist. Timm zeigt zwei Ehepaare, deren Leben von einer verbotenen Liaison erschüttert wird. Nur ist die bürgerliche Welt, die Timm zum Explodieren bringt, erstens voller Stereotype; zweitens ist die satte Selbstzufriedenheit tief in die Sprache eingedrungen. Und auch die eingestreuten philosophischen Exkurse über das Wesen des Begehrens sind eher läppisch.CHRISTOPH SCHRÖDER
Martin Walser: "Die Inszenierung". Was soll man von einem Buch halten, in dem der alternde Held mit Nachnamen Baum heißt und die blühende Schönheit, die er begehrt, Wiese? Aber sei's drum, Namen sind Schall und Rauch, wie schon Goethe sagte, und der muss in Martin Walsers neuem Erguss "Die Inszenierung" als Kronzeuge für alles Mögliche herhalten. Vor allem für das Recht des Künstlers, seiner Frau untreu zu sein. Der Theaterregisseur Augustus Baum liegt nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus, wo er sich sofort in die halb so alte Nachtschwester verliebt, die seine Liebe prompt erwidert. Der Patient neigt leider zum Jammern und zum Dozieren, und dass er am Ende als von allen guten Frauen verlassener Trottel dasteht, mag man Walser als (Selbst-)Ironie auslegen, aber es entschädigt nur unzureichend für die eitle Potenzprotzerei seines Protagonisten.ANKE DÜRR
Stephen Emmott: "Zehn Milliarden". In England war "Ten Billions" ein Bestseller, beruhend auf einem Sensationserfolg am Londoner Royal Court Theatre. Nun erscheint die Öko-Alarm-Schrift auf Deutsch. Es ist ein Buch, das man gern empfehlen würde. Aber leider nicht kann. Weil es gut gemeint ist, aber schlecht gemacht. Stephen Emmott, Chef eines Microsoft-Forschungslabors und Dozent in Oxford, warnt vor Wassernot und Klimakollaps, sollte die Weltbevölkerung weiter so schnell wachsen und so viel konsumieren wie bislang. Leider hat er sein Buch nicht mit der Feder geschrieben, sondern mit dem Holzhammer. Es liest sich wie ein Impuls-Vortrag, der auf Buchlänge breitgeklopft wurde: von 20 auf mehr als 200 Seiten, die meisten von ihnen halb leer. Allzu ernst kann Emmott es mit dem Sparen nicht meinen.TOBIAS BECKER
Sasha Grey: "Die Juliette Society". Seit ihrem Ausstieg aus der Pornofilmerei hat es Sasha Grey zu zwei nennenswerten Auftritten als echte Schauspielerin gebracht: als Edelnutte in einem Steven-Soderbergh-Film und als sie selbst in der TV-Serie "Entourage". Das kann man tragisch oder meta finden, aber eigentlich wollte Grey ja sowieso immer viel lieber Autorin sein, deswegen hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Darin soll es um eine Geheimgesellschaft von Mächtigen gehen, die sich regelmäßig zum Sado-Maso-Sex trifft. Eigentlich handelt es aber von einer verklemmten Filmstudentin, die sich ständig in außergewöhnlich phantasielose Sexphantasien hineinträumt und dabei immer wieder betont, wie viele Filme sie gesehen (wenn auch nicht ganz verstanden) hat. Wie diese Leute, die beim Sex nie die Klappe halten. Nur noch tragisch.DANIEL SANDER
Jo Lendle: "Was wir Liebe nennen". Lambert ist ein trauriger Bühnenmagier ohne Zauberkraft. Für einen Auftritt reist er aus dem noch viel traurigeren Osnabrück nach Montreal. Dort lernt er eine Frau kennen und stellt seine Beziehung zu Hause in Frage. Das ist im Grunde der Plot von "Was wir Liebe nennen", geschrieben von Jo Lendle, dem designierten Chef des Carl Hanser Verlags. Und als Rahmenhandlung für ein gutes Buch reicht das eigentlich auch völlig aus. Leider versprüht die Liaison so wenig Funken wie damals die Romanze von David Copperfield mit Claudia Schiffer. Man weiß einfach nicht, was Lambert an der Neuen findet, versteht aber auch nicht, was er an seiner Freundin hat. Dafür wird die Liebe auseinandergenommen wie ein Baukasten von Lego-Technik. Wir haken ab: biochemische Prozesse, Frosch und Prinz, Adam und Eva, Apfel, Sex, Midlife-Crisis. Am Ende bemüht Lendle noch einen literarischen Taschenspielertrick, den wir aus Respekt vor dem Beruf des Zauberers nicht verraten. Nur so viel: Bei der Auflösung klatschen höchstens die Deutschlehrer.JONAS LEPPIN
Tobias Rüther: "Männerfreundschaft. Ein Abenteuer". Der Feuilletonist Tobias Rüther ist ein Stilist, ein kluger Kopf, einer der besten Autoren der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und so gelingen ihm in seinem Text "Männerfreundschaft" Sätze und Pointen, die jede Feuilletonseite schmücken würden. Allein: Der Text füllt nicht eine Seite in einem Feuilleton, sondern 240 in einem Buch. Rüthers persönlicher Plauderton ist zunächst noch amüsant, bald aber ärgerlich; seine antiwissenschaftliche Pose strengt an. Wie besessen betont Rüther wieder und wieder, sich nicht für Theorien zu interessieren, sondern für das Leben. Homophobie hindere heterosexuelle Männer daran, gute Freundschaften mit anderen Männern zu haben, heißt es an einer Stelle des Buches. Wissenschaftphobie hindert Rüther daran, ein gutes Buch zu schreiben. Das sollte ihm ein Freund mal sagen.TOBIAS BECKER
Peter Stamm: "Nacht ist der Tag". Peter Stamm muss man für den schönen, schwebenden, schlichten Erzählton in Büchern wie "Blitzeis" und "An einem Tag wie diesem" lieben. In seinem neuen Roman "Nacht ist der Tag" mutet er seiner Heldin leider eine Überdosis an Schicksal zu: Die anmutige, leicht verstrahlte Fernsehmoderatorin Gillian steht dem Maler Hubert nackt Modell. Die beiden bezaubern einander, können aber vorerst nicht zueinanderkommen. Dann wird gestorben: Gillian verliert bei einem Unfall ihren Ehemann und ihr Gesicht. Nach glücklicher Antlitzreparatur beginnt sie ein neues Leben in einem Berghotel, wo sie jahrelang Volkstheater spielt, bevor sie mit dem nun arg zerzausten Hubert eine Liebesgeschichte beginnt. Das Leben ist ein Schundroman in diesem Buch, das in matten Kolportagesätzen, schlimmen Sex-Nacherzählungen und halbironischem Esoterikgeschwurbel versinkt. "Sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte", heißt es am Ende. Hoffentlich gilt das auch für den Autor. Dann wäre es am besten, Peter Stamm ginge flugs wieder auf Los.WOLFGANG HÖBEL
Sven Regener: "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt". Sven Regener beherrscht nur eine Form. Wie schon "Herr Lehmann" und "Neue Vahr Süd" ist auch "Magical Mystery" ein Heimat- und Milieuroman. Das muss nicht schlimm sein, das geht auch anderen Autoren so. Anders als Regeners vorherige Veröffentlichungen lässt sich das 500-seitige Buch über Veteranen der Techno-Szene aber auf einen einzigen Begriff kürzen: Schrankenhusen-Borstel. Eigentlich nur ein lausiger Nebenschauplatz - und doch Inbegriff der Geschichte: Sie ist so bemüht komödiantisch, so verzwungen skurril wie der erfundene Ortsname.SEBASTIAN HAMMELEHLE
Harro Honolka: "Jetzt reicht's! 50 Anleitungen zum Bürgerprotest". Wenn der Onkel von Attac den lieben Kindern mal erklärt, wie Bürgerprotest funktioniert, dann klingt das so: "Eine grundlegende Wirkungsweise ist Information und Aufklärung von Mitbürgern." Ach was. "Vor allem Politiker und Parteien können damit unter Druck gesetzt werden, weil sie auch zwischen den Wahlen um ihre Popularität besorgt sind." Ach was. "Wenn aufklärende Aktionen mediengerecht inszeniert werden, verstärkt sich ihre Wirkung auf Entscheidungsträger." Ach was. Der Sozialwissenschaftler und Attac-Aktivist Harro Honolka, 70, hat ein altbackenes Buch geschrieben, dominiert von diesem Ach-was-Effekt. Statt es zu kaufen, sollte man das Geld an Attac spenden: Vielleicht finanzieren die damit ja ein internes Schreibseminar. Denn fest steht: Es ist konterrevolutionär, Menschen ihre Zeit zu stehlen.TOBIAS BECKER

KulturSPIEGEL 10/2013
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