Neue Filme im Oktober
AB 3.10.
Die andere Heimat.Regie: Edgar Reitz. Mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Werner Herzog.
Im neuen, knapp vierstündigen Epos seiner "Heimat"-Saga erzählt der mittlerweile 81-jährige Regisseur Reitz in monumentalen Schwarzweißbildern von einem Burschen, den es aus dem Hunsrück nach Brasilien zieht, was durch eine unglückliche Liebesgeschichte und politische Verwicklungen erst mal verhindert wird. Überraschend schönes Geschichtskino voll archaischer Wucht, in dem selbst der gruselige Dialekt der Einwohner des Dorfes Schabbach nach einer Weile nicht mehr nervt.
Gravity.Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney.
Sandra Bullock und George Clooney als gestrandete Astronauten, verloren im Weltraum, ohne Hilfe von Mutter Erde - das ist eine verdammt packende, aufregende und beklemmende Kinoerfahrung. Und dann auch noch in überzeugendem 3-D.
Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll.Regie: Steven Soderbergh. Mit Michael Douglas, Matt Damon.
Knalliges, sehr unterhaltsames Porträt des legendären Pianisten und Entertainers Liberace, der bis in die achtziger Jahre in seinen wahnwitzigen Glitzeranzügen amerikanische Hausfrauen um den Verstand brachte. Nebenbei versuchte er, seine Homosexualität geheim zu halten und gleichzeitig in vollen Zügen zu genießen.
Rush - Alles für den Sieg.Regie: Ron Howard. Mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl.
Es war das Formel-1-Duell der siebziger Jahre: James Hunt gegen Niki Lauda. Charmanter Lebemann gegen verklemmten Einzelgänger. Keine Frage, wem die Sympathie des Regisseurs gehört. Packende Rennszenen gibt's auch, vor allem natürlich die von Laudas Horror-Unfall 1976 auf dem Nürburgring.
Der Schaum der Tage.Regie: Michel Gondry. Mit Romain Duris, Audrey Tautou, Gad Elmaleh.
Das Piano vermengt bunte Alkoholika, alle tanzen zu Duke Ellington - Colins Leben hüpft befreit von Sorgen auf den hohen Tönen der Surrealismus-Klaviatur. Fast zu schön. Doch wie schon im Roman von Boris Vian werden auch in der Verfilmung die Protagonisten sukzessive gen Realität sausen. Und dank Michel Gondry sieht das alles schrecklich hübsch und einfallsreich aus.
Silvi.Regie: Nico Sommer. Mit Lina Wendel, Thorsten Merten.
Silvi, 47, wird vom Göttergatten verlassen und sucht einen neuen Kerl, aber was im Angebot ist, sucht nichts Verbindliches oder hat eine Peitsche im Schrank. Die Männer alle Nullnummern? Das möchte man Regiedebütant Nico Sommer nicht ganz abnehmen. Obwohl sein Film auf einer wahren Begebenheit beruht. Immerhin: Titeldarstellerin Lina Wendel ist eine Wucht.
AB 10.10.
Aus dem Leben eines Schrottsammlers.Regie: Danis Tanović. Mit Senada Alimanović, Nazif Mujić.
Mit dem Einsammeln und Verkaufen von Metallmüll bringt der bosnische Roma Nazif seine kleine Familie gerade so über die Runden. Bis seine Frau nach einer Fehlgeburt langsam innerlich zu verbluten beginnt und sie trotzdem kein einziges Krankenhaus behandeln will, weil sie nicht versichert ist. Nüchtern erzählter Sozialhorror frei von jeder Sentimentalität - nach einer Geschichte, die den Laien-Hauptdarstellern tatsächlich passiert ist.
Der Butler.Regie: Lee Daniels. Mit Forest Whitaker, Oprah Winfrey, Jane Fonda.
Eugene Allen ist von 1957 bis 1986 schwarzer Butler im Oval Office. Ob Eisenhower, Kennedy, Nixon oder Reagan - er sieht sie alle kommen und gehen. Und erlebt, wie die Afroamerikaner in den sechziger Jahren um ihre Rechte kämpfen. Bewegendes Ausstattungskino mit einem tollen Forest Whitaker. Und Jane Fonda als Nancy Reagan.
Naked Opera.Regie: Angela Christlieb.
Er liebt Sex mit schönen, jungen Männern und die Opern dieser Welt. Der sehr reiche, bereits seit seinen Zwanzigern an einer unheilbaren Autoimmunkrankheit leidende Luxemburger Marc Rollinger, den dieser Dokumentarfilm begleitet, reist in viele Länder, um sich mit seinen meist bezahlten Escort-Jungs in den besten Opernhäusern immer wieder "Don Giovanni" anzusehen. Melancholisches, cleveres Porträt eines Dandys.
Sein letztes Rennen.Regie: Kilian Riedhof. Mit Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch.
Nachdem der ehemalige Olympia-Gold-Gewinner Paul Averhoff samt Ehefrau ins Altersheim abgeschoben wird, plant er sehr zum Missfallen der Heimleitung sein Marathon-Comeback und reißt nebenbei seine neuen Mitbewohner aus der Apathie. Auf rührend gebürstete Klischeeparade mit einem sehr engagierten Hallervorden in der Hauptrolle.
Spieltrieb.Regie: Gregor Schnitzler. Mit Michelle Barthel, Jannik Schümann.
Verfilmung des Romans von Juli Zeh über die fatale Dreiecksbeziehung zwischen einer hochbegabten Schülerin, ihrem gefrusteten Lieblingslehrer und einem dämonischen Neuankömmling, der das ganze Leben als böses Spiel begreift, das er unbedingt gewinnen will. Von der phantasievollen Sprache der Vorlage ist hier nicht mehr viel übrig, viel dagegen von der banalen Herumphilosophiererei von sich selbst zu wichtig nehmenden Teenagern.
AB 17.10.
Alles eine Frage der Zeit.Regie: Richard Curtis. Mit Domhnall Gleeson, Rachel McAdams, Bill Nighy.
Wie alle Männer in seiner Familie erfährt Professorsöhnchen Tim an seinem 21. Geburtstag, dass er durch die Zeit reisen kann, allerdings nur in die eigene Vergangenheit und zurück. Was er nicht etwa nutzt, um der Menschheit Gutes zu tun, sondern um die richtige Frau zu finden und sich den Weg ins bürgerliche Familienglück zu ebnen. Die extrem charmanten Hauptdarsteller machen dabei manchmal vergessen, was für einen hanebüchenen, verlogenen und manipulativen Quatsch man sich da gerade ansieht.
Drecksau.Regie: Jon S. Baird. Mit James McAvoy, Jamie Bell, Jim Broadbent.
Ein korrupter, koksender und generell ziemlich psychopathischer Polizist setzt sich in Edingburgh mit allen Mitteln für die eigene Beförderung ein, in Wirklichkeit sehnt er sich aber nach Liebe. Der amüsanteste Aspekt der Buchvorlage von "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh wird im Film leider weggelassen: der Bandwurm, der manchmal die Erzählerrolle übernimmt. Geblieben sind das angestrengte Boah-wie-krass-Gehabe und ein Zeitgeistporträt, das schon Ende der neunziger Jahre nicht mehr aktuell war.
Insidious 2.Regie: James Wan. Mit Patrick Wilson, Rose Byrne, Lin Shaye.
Vor etwas über zwei Jahren bewies sich der kleine, auf altmodische Weise surreale Kinogrusel "Insidious" über eine von Dämonen geplagte Familie als einer der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre. Nur um mit dieser albernen und weitgehend einfallslosen Fortsetzung fast alles wieder kaputtzumachen. Immerhin gibt es ein Wiedersehen mit allen Lieblingscharakteren. Selbst wenn sie den ersten Teil nicht überlebt haben.
Interior. Leather Bar.Regie: Travis Mathews, James Franco. Mit Val Lauren, Christian Patrick.
Dies sollte der ehrgeizige Versuch sein, die 40 verschollenen Minuten aus William Friedkins Lederschwulen-Skandalfilm "Cruising" mit Al Pacino zu rekonstruieren. Hat nicht geklappt, weswegen nur ein atemberaubend gehaltloser Quasi-Dokumentarfilm übriggeblieben ist, in dem die beteiligten Schauspieler berichten, wie irre aufregend es ist, mit James Franco zu arbeiten. Ein paar leidlich explizite Sex-Szenen helfen da auch nicht mehr viel.
Mein Weg nach Olympia.Regie: Niko von Glasow.
Eigentlich hasst der Contergan-geschädigte Dokumentarfilmer Niko von Glasow die Paralympics mit ihrem Anliegen, Behinderte in der Öffentlichkeit möglichst normal rüberkommen zu lassen. Trotzdem oder deshalb gelingen ihm fünf entwaffnend direkte und humorvolle Porträts von Athleten, die beim Stirn-Boccia, Sitz-Volleyball oder beim Bogenschießen mit dem großen Zeh über ihre Begrenzungen hinauswachsen. Ein Motivationstraining für alle.
AB 24.10.
Exit Marrakech.Regie: Caroline Link. Mit Ulrich Tukur, Samuel Schneider, Hafsia Herzi.
Elegisches Scheidungssohn-Vater-Drama unter Wüstenhimmel, in dem Ulrich Tukur einen egomanischen Theaterregisseur gibt. Wunderschöne Kamerafahrten durch Nordafrika, lebensnahe Dialoge, warum soll man da jammern, dass die Story im Lauf der Reise durch Staub und Gebirg ein bisschen verlorengeht?
KulturSPIEGEL 10/2013
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