28.10.2013

Neue Filme im November

AB 31.10.
Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt. Regie: Bill Condon. Mit Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl.
Um Ausgewogenheit bemühte Verfilmung der WikiLeaks-Saga aus der Perspektive des ehemaligen Sprechers Daniel Domscheit-Berg. Gleichzeitig Abrechnung mit und Würdigung von Julian Assange, nicht unbedingt langweilig, aber mit vielen schockierend tumben Dialogen gestraft.
Die Nonne. Regie: Guillaume Nicloux. Mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck.
Die junge Suzanne wird im 18. Jahrhundert von ihren von Verarmungsängsten geplagten Eltern ins Kloster gesteckt, wo ihr Freiheitsdrang gar nicht gut ankommt und sie bald das Lieblingsopfer der boshaften neuen Mutter Oberin wird. Unterhaltsame Verfilmung von Denis Diderots Klosterleben-Anklage aus dem Jahr 1796, die im letzten Drittel mit einem Außer-Kontrolle-Auftritt von Isabelle Huppert als verrückte lesbische Nonnen-Chefin unfreiwillig ins Parodistische kippt.
Out in Ost-Berlin. Regie: Jochen Hick, Andreas Strohfeldt.
Obwohl Homosexualität in der DDR deutlich früher als in der BRD entkriminalisiert wurde, wurden Schwule und Lesben dort vielleicht anders, aber auch nicht weniger schikaniert. Diese kurzweilige, immer wieder überraschende Dokumentation versammelt eine hervorragend ausgewählte Schar an Zeitzeugen, die mal melancholisch, mal wütend, mal nostalgisch in die Vergangenheit blicken.
AB 7.11.
Blue Jasmine. Regie: Woody Allen. Mit Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Andrew Dice Clay.
Nach dem Selbstmord ihres kriminellen Millionärsgatten muss die mittellos gewordene Society-Lady Jasmine bei ihrer Schwester aus der Unterschicht einziehen und balanciert unsicher auf der schmalen Grenze zwischen Zwangsoptimismus und Nervenzusammenbruch. Bitter-amüsantes Porträt einer Frau, der das Leben entgleitet. Pointiert und exzellent gespielt, für Woody-Allen-Verhältnisse außergewöhnlich einfühlsam.
Computer Chess. Regie: Andrew Bujalksi. Mit: Wiley Wiggins, Patrick Riester, James Curry.
Es ist eine bizarre Mitwelt, in die Regisseur Bujalski seine Zuschauer schubst, schwarz-weiß, männlich und ultimativ nerdig: Ein Haufen Computerfreaks trifft sich in den frühen achtziger Jahren zum mehrtägigen Schachturnier in einem Hotel und navigiert zwischen eigens programmierten Maschinen, benachbartem Selbstfindungskurs, künstlicher Intelligenz und der ersten Frau in den eigenen Reihen. Detailverliebte, sehr schrullige Fake-Doku.
Djeca - Kinder von Sarajevo. Regie: Aida Begic. Mit Marija Pikic, Ismir Gagula, Bojan Navojec.
Beeindruckendes, kompromisslos deprimierendes Porträt einer jungen Muslimin, die im heutigen Bosnien ihren Bruder vor einer von Korruption, Misstrauen und Fremdenhass zerfressenen Nachkriegsgesellschaft zu retten versucht.
Das große Heft. Regie: János Szász. Mit András Gyémánt, László Gyémánt.
Heute noch nicht den Glauben an die Menschheit verloren? Diese werktreue Verfilmung des berühmten Romans von Ágota Kristóf hilft nach: Ein ungarisches Zwillingspaar wird im Zweiten Weltkrieg bei der grausamen Großmutter versteckt und gibt dort nach und nach die eigene Menschlichkeit auf. Intensiv und sehr, sehr finster.
You're Next. Regie: Adam Wingard. Mit Sharni Vinson, Joe Swanberg.
Zum 35. Hochzeitstag der Eltern kommt die ganze Familie Davison samt Anhang in einem riesigen einsamen Landhaus zusammen, um erst etwas herumzustreiten und dann nach und nach von einem rätselhaften Killerkommando ins Jenseits befördert zu werden. Origineller und erstaunlich geistreicher Horrorfilm für Menschen mit stabilem Magen.
AB 14.11.
The Act of Killing. Regie: Joshua Oppenheimer.
Spektakulärer Dokumentarfilm über die Folterer und Mörder des indonesischen Militärregimes in den sechziger Jahren - hier zu sehen als gutgelaunte Rentner, die in ihrem Land immer noch als Helden gefeiert werden und mit viel Einsatz die brutalen Folterungen nachstellen, die sie einst selbst durchgeführt haben (s. Seite 24).
Captain Phillips. Regie: Paul Greengrass. Mit Tom Hanks, Barkhad Abdi.
Nach einer wahren Geschichte und nun auf Oscar-Kurs: Ein US-Containerschiff wird 2009 von somalischen Piraten gekapert, der Kapitän und der Piratenanführer kämpfen zunehmend verzweifelt für ihre jeweilige Sache. Komplexe, sehr spannend inszenierte Heldengeschichte ohne typische Hollywood-Schurken.
Don Jon. Regie: Joseph Gordon-Levitt. Mit Joseph Gordon-Levitt, Scarlett Johansson, Julianne Moore.
Jon ist süchtig nach Pornos, obwohl die Frauen bei ihm Schlange stehen. Doch dann lernt er die romantikbesessene Barbara alias Scarlett Johansson kennen, und die hat für das Hobby ihres neuen Freundes überhaupt kein Verständnis. Treffsichere Satire über Liebe und Sex, Erotik und Spießigkeit.
Eltern. Regie: Robert Thalheim. Mit Charly Hübner, Christiane Paul, Clara Lago.
Krass realistischer Katastrophenfilm über eine ganz normale deutsche Musterfamilie im hippen Berlin. Hübner als sanfter Papa, der Elternzeit hatte und jetzt wieder im Theater kreativ sein will, fightet mit Paul in der Rolle der obertoughen Working Mom - eine Wucht (s. Seite 10).
Escape Plan. Regie: Mikael Hafström. Mit Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger.
Ins Kittchen kommt man schnell, aber wieder raus? Sylvester Stallone als ehemaliger Knast-Tester, der jede Lücke im Sicherheitssystem aufspürt, hat einen Plan. Und in Arnold Schwarzenegger als deutschem Häftling einen tatkräftigen Helfer. Cleverer Actionthriller mit zwei alten Haudegen, die selbstironisch mit den Muskeln zucken.
Jackpot. Regie: Magnus Martens. Mit Kyrre Hellum, Mads Qusdal, Arthur Berning.
Schön blöde und gemein sind die Gangster in dieser blutig-grotesken Weihnachtskomödie nach einer Vorlage des Bestsellerschreibers Jo Nesbø, der hier gemeinsam mit Regisseur Martens "Pulp Fiction"-Festspiele in der öden schwedischen Provinz ausrichtet.
Jung & schön. Regie: François Ozon. Mit Marine Vacth, Charlotte Rampling.
17-Jährige aus gutem Hause verdient sich als Call-Girl etwas dazu. Einer der kontroverseren Cannes-Beiträge in diesem Jahr: von den einen als elegant und vielschichtig gefeiert, von den anderen als sexistisch beschimpft. Kann man beides so sehen.
AB 21.11.
Houston. Regie: Bastian Günther. Mit: Ulrich Tukur, Garret Dillahunt.
Verstörendes Porträt eines deutschen Headhunters, der in Houston, Texas, dem phantomgleichen Geschäftsführer eines Energiekonzerns nachjagt. Im Spiegelkabinett von Wolkenkratzern und Hotellobbys wird die Suche nach dem schnellen Geld zur Sucht eines Mannes ohne Eigenschaften. Kafkaeskes Zerrbild des amerikanischen Traums zwischen Arthouse-Thriller und globalem Wirtschaftswestern.
Malavita - The Family. Regie: Luc Besson. Mit Robert De Niro, Michelle Pfeiffer, Dianna Agron.
Nicht sehr komische, dafür aber seltsam gewalttätige Action-Komödie über eine vierköpfige amerikanische Mafia-Familie im Zeugenschutzprogramm, die in der französischen Provinz erfolglos versucht, ein bürgerliches Leben vorzutäuschen.
Scherbenpark. Regie: Bettina Blümner. Mit Jasna Fritzi Bauer, Ulrich Noethen.
Die 17-jährige Sascha träumt davon, ihren im Knast sitzenden Stiefvater (und Mörder ihrer Mutter) umzubringen, wird aber bei einem zufälligen Ausflug von ihrem Problemviertel in die bürgerliche Noblesse vorübergehend davon abgelenkt. Nach ihrem Doku-Hit "Prinzessinnenbad" beweist die Regisseurin Bettina Blümner mit der preisgekrönten Verfilmung des Romans von Alina Bronsky ein Händchen für Spielfilme.
Venus im Pelz. Regie: Roman Polanski. Mit Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric.
Frustrierter Theaterregisseur verzweifelt am Casting der Hauptdarstellerin seines neuen Stücks, bis die vulgäre und ungebildete Vanda auftaucht - als sein wahr gewordener schlimmster Alptraum und vielleicht als letzte Rettung. Erotische Komödie im mittlerweile typischen Spät-Polanski-Stil.
FESTIVAL
LÜBECK
55. Nordische Filmtage. 30.10.-3.11.; www.luebeck.de/filmtage
Für Fans des skandinavischen (aber auch norddeutschen und nordbaltischen Kinos) ist dieses verlässlich exzellent programmierte Festival seit vielen Jahren ein Muss. Bei insgesamt 160 Filmen sollte für Abwechslung gesorgt sein.

KulturSPIEGEL 11/2013
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