25.11.2013

RandnotizenAn Weihnachten verreisen

DARF MAN DAS?
Der heilige Abend ist ein eiliger Abend, das war schon vor 2013 Jahren so: Caspar, Melchior und Balthasar machten sich auf den Weg nach Betlehem, zum neugeborenen Jesus. An Weihnachten zu verreisen steht also in einer langen, einer guten Tradition. Wohlgemerkt: Sie reisten zur Krippe hin, nicht von ihr weg. Wer ihnen nachfolgen möchte, reist an Weihnachten zu seiner Familie: nicht zu den Palmen in der Dominikanischen Republik, sondern zum Tannenbaum in Rheda-Wiedenbrück.
Früher wäre das selbstverständlich gewesen. Früher hätten Mütter gepredigt: Wer vor Weihnachten flüchtet, kommt nicht in den Himmel. Und ihre Kinder hätten ihnen geglaubt. Heute lassen die Kinder den lieben Gott einen guten Mann sein - und ihre Mutter eine einsame Frau. Als wäre Gott 2013 Jahre nach Jesu Geburt altersmilde geworden. Aber lassen wir das: Mit moraltheologischen Argumenten braucht man modernen Menschen nicht zu kommen. Erst recht nicht denen, die vor Weihnachten flüchten, als sei Knecht Ruprecht mit der Rute hinter ihnen her.
Sie argumentieren, dass vier Urlaubstage genügen, um zwölf Tage zu verreisen. Ja, aber das gilt für alle Bundesländer. Es gibt keine gestaffelten Weihnachtsferien, die Hotels sind voll und teuer.
Sie argumentieren, dass Zimtsterne, Lebkuchen und Christstollen fett machen. Ja, aber Cocktails unter Palmen auch.
Sie argumentieren, dass zu Hause in Rheda-Wiedenbrück eine zänkische Schwester, eine schrullige Mutter und ein angeschickerter Vater sitzen. Ja, aber in der Dominikanischen Republik sitzen andere Festflüchtlinge, die aus dysfunktionalen Familien stammen. Zänkisch, schrullig, angeschickert.
Der Friede sei mit ihnen.
Von Becker, Tobias

KulturSPIEGEL 12/2013
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