30.12.2013

Neue Bücher

Peter Mattei:
"Der große Blowjob".
Rowohlt Polaris;
260 Seiten;
14,99 Euro.
Charmant und dreist werden hier die Mistkerl-Romane von Bret Easton Ellis und Tom Wolfe aufpoliert, mit allem heißen Drogen-, Kommunikations- und Mode-Label-Scheiß, der unsere Gegenwart prägt. Der Held des Buchs ist ein Werbeagenturdirektor, der mit einer bedenklichen Dauergeilheit gestraft ist. Ihm läuft ein 24-jähriges Mädchen über den Weg, das noch abgekochter ist als er - und so beginnt eine Höllenfahrt, die zugleich eine Läuterung ist. Peter Mattei ist zu Hause in Brooklyn, hat offenbar einige Niederlagen hinter sich gebracht und ist in diesem No-Bullshit-Großstadtroman am besten, wenn er, statt über Oralsex zu dozieren, aus der Sicht des Szeneveteranen auf die jungen Hipster New Yorks schimpft. Hat man alles schon ähnlich gehört, wird trotzdem nett gesagt - das ist das Grundprinzip des ganzen Buchs.
Patrick Flanery: "Absolution".
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. DVA; 496 Seiten; 22,99 Euro.
Der junge Literaturwissenschaftler Sam kehrt in sein Heimatland Südafrika zurück, um die Biografie der berühmten Clare Wald zu schreiben. Bald ist klar: Ihre gemeinsame Geschichte ist im Kleinen so kompliziert und so ambivalent wie die Geschichte Südafrikas im Großen. Dass man lange nicht weiß, welche Rolle Clares radikale Tochter dabei genau spielt, macht dieses Debüt so spannend. Was es darüber hinaus so bemerkenswert macht, ist Flanerys Talent dafür, im Kleinen vom Großen zu erzählen. Da ist der Bettler, dem man immer nur zu viel oder zu wenig geben kann. Da sind die Townships entlang der N2 und die weißgestrichenen Reetdachhäuser. Da ist - in beiläufigen Szenen - das ganze wunderschöne, komplizierte Südafrika, das jenes Gefühl auslöst, das Sam und Clare letztlich am tiefsten verbindet: die Sehnsucht nach Absolution.
Martin Simons: "Die Freiheit am Morgen".
Hoffmann & Campe; 352 Seiten; 19,99 Euro.
Paul Stern führt das, was man ein erfolgreiches Leben nennt. Mit Mitte dreißig arbeitet der Anwalt in einer angesehenen Berliner Großkanzlei, steht vor dem Aufstieg zum Gesellschafter und Einkommensmillionär. Doch dann, kurz vor Ablauf einer wichtigen Deadline, gehen bei Stern die Lichter aus. Danach steht für ihn fest: Dieses Leben ist nicht das richtige. Er kündigt seinen Job, lebt vom Ersparten in den Tag hinein und lässt sich mit einer Frau ein, deren nebulöse Vergangenheit ihn fasziniert. Der ehemalige Journalist Martin Simons, 40, hat für seinen Debütroman eine nüchtern beschreibende Sprache gewählt und zeichnet mit ihr eine Figurenwelt voller Alphatiere. Sein Protagonist heißt durchgängig nur "er" und bleibt so auf Distanz: ein selbstgefälliger Ehrgeizling, dessen Durst nach Anerkennung noch stärker ist als sein Freiheitsdrang.
Sam Lipsyte: "Der Spender".
Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Lux. Luxbooks; 384 Seiten; 22,80 Euro.
Eigentlich ist Milo Burke ein nicht komplett unbegabter Künstler, andererseits auch nicht gut genug, um den Durchbruch zu schaffen. Also arbeitet er an der mittelmäßigen Hochschule, an der er studiert hat, in der Abteilung Finanzentwicklung und versucht, Spendengelder zu akquirieren. Als Milo seinen Job verliert, sorgt Purdy, ein so reicher wie durchgeknallter Kumpel aus alten Zeiten, dafür, dass er ihn wiederbekommt. Doch bald stellt sich heraus, dass es Purdy um mehr geht als um Kulturförderung, und Milos Leben gerät endgültig aus den Fugen. Das New York, durch das Lipsyte seinen vulgär fluchenden Antihelden jagt, ist ein zynischer und von der Finanzkrise gebeutelter Dreckstall. Das ist rasant und satirisch scharf zugespitzt, auch wenn Lipsyte sich ab und an allzu kokett in der Rotzigkeit seines Prekariats-Slang suhlt.
Von Wolfgang Höbel Maren Keller Kaspar Heinrich Christoph Schröder

KulturSPIEGEL 1/2014
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