24.02.2014

Neue Bücher

Heinz Helle: "Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin".
Suhrkamp; 164 Seiten; 18,95 Euro.
Ein Roman? Auch das. In jedem Fall ein Sprachfluss, parataktisch, klinisch, naturwissenschaftlich, heruntergekühlt bis weit unter den Nullpunkt. Ein Ich, studierter Philosoph, das nach New York geht und seine Freundin zurücklässt. Eine Erinnerung an die Anfänge der Beziehung, an deren zunehmende Routiniertheit. Das Ich beobachtet sich und beobachtet andere. Saugt sich an Details fest, bis sie riesig werden. Kleine Begebenheiten des Alltags, die Symbolkraft erhalten werden und zum Gelingen oder Scheitern beitragen. Die Fragen, die das Buch stellt: Was ist Bewusstsein, und wie entsteht es? Welche Bedeutung haben Erinnerungen und welchen Einfluss auf das Jetzt? In welchem Verhältnis stehen biochemische und emotionale Prozesse? Die Frage, die der Leser sich stellt: Ist das Literatur oder eine eiskalte Literatursimulation?
Mukoma Wa Ngugi: "Nairobi Heat". Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Nitsche. Transit; 176 Seiten; 19,80 Euro.
Der amerikanische Polizist Ishmael hat in seinen Dienstjahren eine Sache gelernt: "Wenn ich schwarzen Kriminellen einen Rat geben sollte, dann den: Begeht niemals ein Verbrechen gegen Weiße, denn der Staat wird keine Ruhe geben, bis er euch geschnappt hat." So kommt es auch, als die Leiche eines blonden Mädchens vor der Haustür eines tatverdächtigen Professors aus Afrika gefunden wird. Das vordergründig einfache Krimi-Setting entpuppt sich als Stolperfalle, die den schwarzen Cop Ishmael nach Nairobi führt, wo er wegen seines amerikanischen Gebarens von den Taxifahrern und Barmännern plötzlich mzunga - weißer Mann - gerufen wird. Den Leser führt es in einen hochkomplexen Roman über den Völkermord in Ruanda, das schlechte Gewissen der Welt, Spelunken und Spoken-Word-Poesie.
Anne Landsman: "Wellenschläge".
Schöffling; 272 Seiten; 19,95 Euro.
Harold ist Arzt geworden, damit sich niemand solche Sorgen um die Gesundheit seines Kindes machen muss wie seine eigene Mutter um ihn. Und er hat sich sein Ende immer so gewünscht: einfach während einer Behandlung ein für alle Mal umkippen. Stattdessen liegt er nach einer komplizierten OP in einem Krankenhausbett, an Schläuche und Maschinen angeschlossen. Auf der Bettkante sitzt seine Tochter, eine Malerin aus New York, und erzählt seine Lebensgeschichte in der zweiten Person Singular. Eigentlich richtet sie sich aber nicht an ihren Vater, sondern an alle, die Leser, das Universum. Denn diese literarisch verspielt erzählte Geschichte eines sehr eigenen Mannes ist in ihrem Kern die universelle Geschichte von jenem Moment des Rollentausches, in dem sich Kinder um die Gesundheit ihrer Eltern sorgen.
Stefan Bachmann: "Die Seltsamen".
Diogenes; 368 Seiten; 16,90 Euro.
Es war einmal ein Wunderkind, das von der höchst schröcklichen Jagd auf ein "Kind Nummer zehn" und der schauerlichen Okkupation eines 19.-Jahrhundert-England durch dämonische Feenwesen erzählt. Der Bub heißt Stefan Bachmann, ist 1993 in den USA geboren und hat bereits als 16-Jähriger den clever mit dem Hänsel-und-Gretel-Motiv spielenden Roman "The Peculiar" veröffentlicht, zu Deutsch nun "Die Seltsamen". In den USA war das Werk ein Fantasy-Buchhit, der den Fans von "Harry Potter" und der "Chroniken von Narnia" die Augen rötete vor lauter Lesebegeisterung. Bachmann, in Colorado geboren und als Elfjähriger in die Schweiz umgezogen, wo er Musik studiert (echt Wunderknabe halt), schreibt klare, schlichte Spannungsprosa in der Manier des "Steampunk"-Genres, das lustig Technikvisionen und Gothic-Grusel kreuzt.
Von Christoph Schröder Maren Keller Maren Keller Wolfgang Höbel

KulturSPIEGEL 3/2014
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