31.03.2014

Schwarz auf Weiß

Warum gehen mehr Migranten zu „DSDS“ als auf deutsche Schauspielschulen? Wenn Deutschland ein Einwanderungsland ist, warum sieht man das dann auf deutschen Bühnen nicht? Ist es rassistisch, wenn sich weiße Schauspieler schwarz schminken? Wer soll dann all die Othellos spielen? Muss das Gretchen immer blond sein? Wieso protestiert niemand, wenn ein weißer Schauspieler einen Klischee-Asiaten spielt? Oder sind die Asiaten nur zu höflich, um sich zu beschweren? Und sind sie wirklich fleißiger? Gibt es deshalb so viele asiatische Musiker in Klassikorchestern? Kann ein Weißer überhaupt beurteilen, was rassistisch ist und was nicht? Wann gibt es endlich einen schwarzen Doktor Brinkmann? Haben die Sender Angst, dass das Publikum dann abschaltet? Warum werden in Deutschland die TV-Quoten nur bei Zuschauern mit deutschem oder EU-Pass gemessen? Was ist noch mal der korrekte Begriff für Menschen mit nichtweißer Hautfarbe? Warum ist das alles so kompliziert? Sind wir zu verklemmt? Zu humorlos? Gibt es deshalb mehr Comedians mit Migrationshintergrund als ohne? Dürfen nur Türken Türkenwitze erzählen? Ist man engstirnig, wenn man sich nicht für türkische Literatur interessiert? Warum schreiben die nicht die ganze Zeit über unterdrückte Frauen? Sollten migrantische Schriftsteller nur Migrationsromane schreiben? Und woher können die überhaupt so gut Deutsch? Sind Migrationsromane von migrantischen Schriftstellern anders als von urdeutschen? Sind sie authentischer? Ist urdeutsch nicht ein furchtbares Wort? Können Schwarze besser tanzen? Und haben Weiße weniger Rhythmusgefühl? Warum gibt es so wenige Singer-Songwriter mit Migrationshintergrund? Mögen die eh nur R'n'B? Ist der deutsche Kulturbetrieb rassistisch?
"Die Stimme zählt, nicht die Hautfarbe"
Pumeza Matshikiza, Opernsängerin
Wenn ich eine Rolle nicht bekomme, käme ich niemals auf die Idee, dass die Absage etwas mit meiner Hautfarbe zu tun haben könnte. Ich will mich nicht andauernd mit dem Thema Rassismus aufhalten. Es würde mein Leben unendlich kompliziert machen, wenn ich die ganze Zeit darüber nachdenken müsste, wer schwarz und wer weiß ist und wer deshalb welche Vor- oder Nachteile hat. Das ist das Schöne an der Oper - ich arbeite mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Deshalb ist es nichts Besonderes, dass ich als schwarze Frau die Mimì in "La Bohème" singe. Ich habe auch schon eine Sklavin in Richard Strauss' "Salome" gesungen, aber nicht, weil ich schwarz bin, sondern weil die Sklavin immer von Anfängern gesungen wird. Die singen auch Weiße. Auf der Bühne geht es um die Stimme, nicht um die Hautfarbe. Für alles andere gibt es Kostüme und Make-up. Auf der Opernbühne gelten andere Regeln. Ein weißer Mann könnte im Film niemals Nelson Mandela spielen, aber ein weißer Mann könnte auf der Opernbühne Nelson Mandela singen.
Ich glaube fest daran: Wenn du gut singst, kannst du überall singen. Egal, welche Hautfarbe du hast und woher du kommst. Ich bin in einem Township von Kapstadt zu Zeiten der Apartheid aufgewachsen, heute singe ich Hauptpartien in Stuttgart. Andere Sänger haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht, und es stimmt, dass man auf den Opernbühnen nicht viele Schwarze sieht. Aber hat das nicht eher damit zu tun, dass die Oper aus der europäischen Kultur kommt und wir Afrikaner nicht damit aufwachsen? Überhaupt denke ich, dass das andauernde Reden über Schwarz und Weiß es nicht besser macht. Mir ist es egal, ob mich jemand als schwarz, afrikanisch, farbig oder negro bezeichnet. Es kommt doch nicht auf die Begriffe an, sondern auf die Botschaft, die dahinter steht. Auf Wärme und Respekt.
Pumeza Matshikiza, 35, ist Sopranistin an der Oper Stuttgart. Sie kommt aus Kapstadt, Südafrika, und lebt seit 2010 in Deutschland.
"Weißer Rocker, schwarzer Rapper"
Matthias Arfmann, Pop-Produzent
Zu Beginn der deutschen HipHop-Bewegung spielten die amerikanischen Vorbilder eine zentrale Rolle. Ende der Neunziger kam der deutsche HipHop im Mainstream an. Er war nicht mehr peinlich, und es war gut und wichtig, dass stilprägende Gruppen wie Advanced Chemistry aus Afrodeutschen und einem Italiener bestanden und auch auf Deutsch rappten. Aber leider und erfahrungsgemäß sind die Verantwortlichen der Plattenfirmen trotzdem immer noch ganz schön darauf festgelegt, welche Hautfarbe und welches Herkunftsland zu welchem Genre passen. Ein Manager einer deutschen Plattenfirma, insbesondere einer massenkompatiblen Firma, sucht stereotypisch DEN weißen Rocker und DEN schwarzen Rapper. Im Umkehrschluss wird sich eine junge schwarze Sängerin oder ein junger schwarzer Sänger wahrscheinlich in seiner künstlerischen Findungsphase eher an Jay-Z und Beyoncé als an Kurt Cobain und Courtney Love orientieren. Vermutlich gibt es in Deutschland schwarze potentielle Rockstars. Ich frage mich aber, wo die Begegnungsstätte der Musikvermarkter und dieser potentiellen Rockstars sein könnte.
Matthias Arfmann, 49, wurde als Musiker mit den Kastrierten Philosophen bekannt. Heute arbeitet er als Manager und Produzent, u.a. von Jan Delay.
"Ihr wollt die Kanakin. Hier habt ihr sie"
Idil Baydar, Comedian
Der 11. September hat mich aus meinem Nest geschmissen. Ich bin in Niedersachsen aufgewachsen, behütet, war auf einem Waldorf-Internat. Da haben die Kinder sich manchmal über meinen Namen gewundert: "Idil? Das ist ja 'n komischer Name" - "Meine Eltern sind Türken." - "Ach so, aber du bist ja nicht so." Das war nicht böse gemeint. Meine Herkunft hat in diesem Umfeld kaum eine Rolle gespielt.
Nach dem Anschlag auf das World Trade Center hat sich die Stimmung gedreht, in der Politik, in den Medien. Mittlerweile wohnte ich in Berlin, und auf einmal habe ich mich fremd gefühlt. Da fielen Sätze wie: "Sie sprechen aber gut Deutsch" - man, ich bin hier geboren. Mir wurde klar, egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich werde immer "der kleine Ali" bleiben. Sarrazin hat das mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" noch mal ganz deutlich gemacht. In dem Moment hab ich mir gesagt, ihr nehmt mich eh nicht als intelligente Türkin wahr, ihr verbindet mich mit Döner und Hartz IV. Ihr wollt die Kanakin. Hier habt ihr sie. So ist vor zwei Jahren meine Figur Jilet Ayse entstanden. Sie vereint alle Klischees einer Prolltürkin. Sie ist laut, trägt gefälschte Adidas-Trainingsanzüge, hat fünf Handys und eine Schwester, die von ihr als Integrationsnutte bezeichnet wird, weil die aufs Gymnasium geht.
Über Jilet lacht man oben und unten: Die Elite versteht sie auf einem sehr hohen Ironie-Level, die sogenannte Unterschicht auf einer emotionalen Ebene. Jilet darf man liebhaben. Das musste ich auch selber erst mal lernen. Am Anfang wollte ich an ihr zeigen: Wenn ihr weiter so sprecht, werdet ihr im Alltag Probleme mit der Mehrheitsgesellschaft bekommen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass wir diese Jilets erst mal so lieben müssen, wie sie sind, wenn wir eine Veränderung für sie wollen. Weil wir, und damit meine ich die deutsche Gesellschaft, die produziert haben. Und dieses Verhalten, dieses Wörterverdrehen wie "Geisterkranker" ist ja mittlerweile kulturübergreifend. So sprechen auch die deutschen Kinder. Spätestens seit "Fack Ju Göhte" ist das Zeitgeist.
Wer mit Jilet gar nichts anfangen kann, ist nach meinem Empfinden die Mitte der Gesellschaft. Da liegt was im Argen, das sind auch die Leute, die Sarrazin kaufen. Die greife ich in meiner zweiten Figur auf, Gerda Grischke, einer verbitterten grauhaarigen Frau aus Berlin-Neukölln. Da kriegen die Deutschen vorgespielt, was wir Ausländer für Vorurteile gegenüber Deutschen haben. Wenn die Grischke sagt: "Ja, dit mein ich jarnich böse mit dem Ali, aber die kommen hierher mit ihren fettigen Fingern und wollen unsere janze Kohle." Das ist für die Deutschen nicht leicht zu verdauen. Es tut weh, beim Thema Integration immer der Täter zu sein. Deshalb lachen die Deutschen lieber über Jilet, vor allem, wenn sie sagt: "Ich schwör's. Es ist so schwer, Kanake zu sein." Das entspannt, weil sie ja selber nicht "Kanake" sagen dürfen.
Beide Figuren leben natürlich von Stereotypen. Dass die sich durch meine Auftritte verfestigen, glaube ich nicht. Ich hab schon Mails von Türken bekommen, die schrieben: "Du machst uns als Türken lächerlich." Da kann ich nur sagen, wenn du denkst, dass Jilet Ayse für Türken in Deutschland repräsentativ ist, dann ist das an sich schon die Blamage. Weil, ich denke das nicht. Aus dem Grund gehe ich auch nicht als Jilet Ayse auf Veranstaltungen, so wie Cindy aus Marzahn das macht. Ich bin auf der Bühne Jilet und auf Veranstaltungen Idil, um die Differenz deutlich zu machen.
Wo ich mich in meinen Shows nicht rantraue, ist der NSU. Am liebsten würde ich mich gar nicht damit auseinandersetzen, weil ich mir sonst eingestehen müsste, dass ich in Deutschland Angst um mein Leben haben muss. Das würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich weiß eh nicht, wer ich bin: Deutsche, Türkin, Migrantin, Ausländerin? Ich meine, ich bin hier geboren und sage "wir Ausländer", das ist doch zum Verzweifeln. Wann ist Integration eigentlich beendet? Gerade deshalb ist diese Welle der Migranten-Comedy so wichtig. Damit wir im gemeinsamen Lachen erkennen, wie nah wir uns schon gekommen sind. Das heilt.
Idil Baydar, 39, wurde mit ihrer Figur der 18-jährigen Türkin Jilet Ayse ein YouTube-Star. Seit 2012 läuft auf Bild.de ihre Show "Isch schwöre ...". Geboren und aufgewachsen ist Baydar in Celle.
"Es geht um Freiheit"
Johan Simons, Regisseur, und Simon Njami, Kurator
Simons, 67, und Njami, 52, kannten sich vor diesem Gespräch nicht. Dennoch sagten beide spontan zu, als wir sie einluden, über die Rolle von Schwarzen in der Kunst zu diskutieren. Die beiden Vielbeschäftigten trafen sich in Frankfurt am Main, wenige Tage vor Eröffnung der von Njami kuratierten Ausstellung "Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler" im Museum für Moderne Kunst. Johan Simons machte einen Zwischenstopp auf dem Weg von seinem holländischen Heimatort nach München, wo er die Kammerspiele leitet. Am Nachmittag sollte dort eine Vorbesprechung zu seiner nächsten Inszenierung "Die Neger" stattfinden. Ein Foto zur Ankündigung dieser Produktion hat bereits im Vorfeld für Proteste gesorgt, weil es schwarzgeschminkte Gesichter zeigt, also mit Blackfacing arbeitet. Diese Praxis, weiße Schauspieler als Schwarze zu schminken, ist umstritten, weil sie im 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in den USA und Großbritannien verwendet wurde, um sich in "Minstrel Shows" - rassistischen Revuen - über Schwarze lustig zu machen.
Noch bevor das Interview beginnt, diskutieren die beiden spontan über Dante und die Frage, ob Gott, "dieser listige Kerl", tot ist (Njami) oder ob es ihn schlicht nicht gibt - was seine "schlimmste Strafe" für uns bedeute (Simons).
KulturSPIEGEL: Herr Njami, bei den Wiener Festwochen will Johan Simons das Theaterstück "Die Neger" von Jean Genet herausbringen. Dass jemand dieses 1959 entstandene Drama aufführt, erstaunt viele. Es ist eine verwirrende und provokante Groteske, in der mit Klischees über Schwarze gespielt wird. Proteste bei der Premiere sind absehbar. Was meinen Sie dazu?
Njami: Ich bin mir ziemlich sicher, dass Leute, die womöglich gegen die Inszenierung des Stückes aufbegehren, es im Zweifel nicht gelesen haben und gar nicht wissen, wer Genet war. Genet war schwul, er war ein Aktivist, ein Freiheitskämpfer, ein Rebell und ein Provokateur. Er hat über Außenseiter geschrieben, weil er selber einer war.
Simons: Es ist ein sehr komplexes Stück mit vielen Ebenen, das den Rassismus der Weißen anprangert und die Klischees ausstellt, mit denen sie Schwarze unterdrückt und denunziert haben - deshalb heißt es auch "Die Neger". Ich inszeniere es, weil ich eine Diskussion über diesen Rassismus entfachen will. Aber erst nach der Premiere, nicht vorher.
KulturSPIEGEL: Sie haben allerdings jetzt schon viele Menschen gegen sich aufgebracht. Denn auf dem Ankündigungsfoto für die Wiener Premiere blicken uns vier Frauen aus schwarzbemalten Gesichtern an, außerdem sind ihre Mund- und Augenpartien mit bunten Farben hervorgehoben. Das ist besonders irritierend, auch entstellend. Verstehen Sie nicht, dass sich Leute von diesem "Blackfacing" verletzt fühlen?
Simons: Jeder hat das Recht zu sagen: "Davon fühle ich mich verletzt." Aber Kunst heißt nicht, dass man die ganze Zeit alle Menschen streichelt. Das Foto steht neben einem Zitat von Genet, wo er fragt: "Was ist denn eigentlich ein Schwarzer? Und vor allem: Was für eine Farbe hat er?" Die Vielfarbigkeit des Fotos ist im Zusammenhang mit diesem Zitat zu verstehen.
KulturSPIEGEL: War es vielleicht sogar Ihre Absicht, einen Aufruhr auszulösen?
Simons: Ich finde, es ist einfach ein passendes Bild, eine extrem künstliche Inszenierung des Fotografen, die durch Langhaarperücken und Vielfarbigkeit Klischees so verfremdet, dass sie in Frage gestellt und ironisiert werden. Ich weiß natürlich, dass das heikel ist und provoziert. Aber ich gehe an jede Geschichte offen heran. Auch an Genets "Die Neger".
KulturSPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Simons: Ich war in einer sehr christlichen Schule, da gab es so eine Figur, einen schwarzen Mann. Wenn man eine Münze in einen Schlitz warf, nickte er zum Dank mit dem Kopf. Natürlich ist das unerträglich, aber als Kind habe ich es nicht so empfunden, und ich kann mich deswegen heute nicht schuldig fühlen. Die Holländer haben als Kolonialmacht viel Schuld auf sich geladen. Aber diese historische Schuld schreibe ich mir nicht persönlich zu, auch wenn ich mich mit ihr auseinandersetzen will.
Njami: Political Correctness bringt uns nicht weiter. Es ist eine alberne Haltung. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Protest gegen das Foto wirklich einen Inhalt hat. Natürlich gibt es Grenzen, aber mir gefällt es, wenn ein Künstler die Gesellschaft herausfordert.
KulturSPIEGEL: Blackfacing ist für Sie also kein Thema?
Njami: Warum sollte es? Ich finde auch die englische Übersetzung des Stücktitels falsch. Es heißt im Original "Les Nègres", also sollte es "The Niggers" heißen, nicht "The Blacks". Eine der stärksten intellektuellen Strömungen Afrikas und der Karibik nannte sich Négritude. Diese Intellektuellen haben den Begriff zurückerobert und ihm eine neue Perspektive gegeben. Und schwarze Menschen, das ist offensichtlich, sind ohnehin nicht wirklich schwarz.
KulturSPIEGEL: Aber ist es nicht ein Unterschied, ob wir als Weiße jemanden "Neger" nennen oder ob er sich selbst so nennt?
Njami: Die Leute in Amerika, die früher "I'm black, I'm proud, I'm a nigger" gerufen haben, nennen sich jetzt Afroamerikaner. Das ist lächerlich. Und in Frankreich, wo ich lebe, sagen sie jetzt "black" statt "noir". Da frage ich mich wirklich, was das soll.
Simons: Es ist interessant, was Sie über den Stücktitel sagen. Tatsächlich haben wir mit den Nachlassverwaltern von Jean Genet über die Empörung, die der Titel bei Anti-Rassismus-Aktivisten ausgelöst hat, gesprochen. Sie überlegen, den Titel zu ändern. Wir haben ihnen vorgeschlagen, es in "Die Weißen" umzubenennen.
KulturSPIEGEL: Warum das denn?
Simons: Weil es von einem weißen Autor für ein weißes Publikum geschrieben wurde, weil es um die rassistischen Klischees geht, die Weiße entwickelt haben, und weil ich das Stück bis zum Ende zeigen will. Ich habe schon zu den Schauspielern gesagt: Ich brauche sowieso nur fünf Minuten zu inszenieren, dann werden die Aktivisten die Bühne stürmen. Aber in diesen fünf Minuten müsst ihr euer Bestes geben.
KulturSPIEGEL: Die Aktivisten, die seit einiger Zeit in deutschen Theatern Proteste organisieren, argumentieren, Blackfacing sei immer diskriminierend, unabhängig vom Kontext und vom Inhalt des jeweiligen Stückes.
Simons: Ach, hören Sie auf. Mit solchen Protestaktionen macht man Schwarze doch erst zu Schwarzen und Weiße zu Weißen. Diese Fürsorge ist herablassend gegenüber den Schwarzen.
Njami: Eigentlich müssten die Aktivisten auch gegen das Poster für meine Ausstellung protestieren.
KulturSPIEGEL: Auf Ihrem Plakat ist eine dunkelhäutige Frau zu sehen, deren Gesicht weiß angemalt ist. Das ist etwas anderes.
Simons: Was ist Ihr Eindruck, wird unsere Gesellschaft freier oder engstirniger?
Njami: Je weniger die Menschen lesen, je weniger sie über Geschichte und über sich selbst wissen, umso mehr fürchten sie. Und je mehr sie fürchten, umso mehr Regeln und Grenzen schaffen sie. In meiner Ausstellung über Dantes "Göttliche Komödie" ist das Paradies im Erdgeschoss und die Hölle ganz oben.
Simons: Das Paradies auf Erden. Das ist doch etwas sehr Positives.
Njami: Ja, da gehört es für mich hin. Ein Ultrakatholik könnte sich darüber natürlich aufregen. Aber ich mache das nicht, um zu provozieren. Ich will mit meiner Schau etwas sagen.
KulturSPIEGEL: Worum geht es Ihnen? Um Religion, um Dante, um Rassismus?
Njami: Es geht um Freiheit. Jeder soll selbst seinen Himmel und seine Hölle definieren. Für einen heterosexuellen Mann mag das Paradies voll mit schönen Frauen sein. Für einen Schwulen wäre es die Hölle. Ich werde oft gefragt, warum muss es ausgerechnet Dante sein, es gibt doch so viele schöne afrikanische Mythen. Wieder so eine Abgrenzung. Afrikaner sollten sich nicht mit Dante beschäftigen. Warum denn nicht? Ich habe zum ersten Mal Dante gelesen, als ich zehn war.
Simons: Genau darum geht es bei Genet, um die Freiheit. Und das ist die Botschaft, um die es auch mir geht: Weg mit den Grenzen. Aber das bedeutet nicht Gleichmacherei, im Gegenteil, sondern mehr Respekt vor der Vielfalt von Perspektiven. Diese Vielfalt auszuhalten ist manchmal anstrengend, aber es lohnt sich.
Njami: Die Aufgabe des Künstlers ist es, Türen zu öffnen, nicht zu schließen. Fragen zu stellen, die Leute zum Denken zu zwingen. Wir leben in sehr denkfaulen Zeiten, die Leute gucken lieber Fernsehen oder gehen angeln.
KulturSPIEGEL: Schaffen Sie nicht neue Grenzen, wenn Sie eine Ausstellung machen nur mit afrikanischen Künstlern? Ist das nicht wieder ein Ghetto?
Njami: "Afrikanisch" hat keine Bedeutung. Ich nenne mich selbst Afrikaner, aber ich bin keiner. Ich bin ein Bassa, die Bassa sind ein Volk in Kamerun. Aber ich wurde in der Schweiz geboren, habe an der Sorbonne studiert und lebe in Paris. Ich nutze Afrika als Metapher, als Konzept. Die Künstler haben alle eine Verbindung zu Afrika, aber wenn mich jemand fragt, was afrikanische Kunst ist - ich weiß es nicht.
KulturSPIEGEL: Sie sagen, Ihnen geht es in Ihrer Schau um Freiheit, nicht um Rassismus. Doch Aida Muluneh, die Künstlerin, von der das Foto auf Ihrem Plakat stammt, sagt, ihre Werke hätten auch zu tun mit ihrer nicht gerade leichten Kindheit als schwarzes Mädchen in einem weißen Kanada.
Njami: Jedes gute Werk hat etwas mit dem zu tun, der es schuf. Sie fühlte sich in Kanada als Fremde, aber sie fühlte sich später auch in dem Land als Fremde, das ihre Heimat war, Äthiopien. Doch von ihrer Gegenwart ausgehend, hat die Künstlerin eine Interpretation der Hölle geschaffen. Es ist für sie ein magischer und schmerzhafter Ort.
KulturSPIEGEL: Und halten Sie das Plakat mit einem von Mulunehs Fotos tatsächlich für ähnlich provokativ wie die Ankündigung zu den "Negern"?
Njami: Ich sehe einfach nicht ein, warum das eine Bild erlaubt sein soll und das andere nicht. Ich habe etwas gegen Zensur. Wenn ich etwas über die Nazi-Zeit mache, nutze ich mit großer Wahrscheinlichkeit auch Nazi-Symbole. Auch darüber kann man dann streiten. Ich mag Kontroversen, ich mag Kämpfe. Wenn jemand nicht mit dem einverstanden ist, was ich sage, dann sage ich: Lass uns reden. Aber muss man gleich losschreien? Ich persönlich würde das Foto mit den vier Frauen nicht verwenden, wenn ich "Die Neger" inszenieren würde. Aber es ist gut, dass es eine Diskussion in Gang setzt.
KulturSPIEGEL: Herr Simons, warum inszenieren Sie "Die Neger" mit weißen Schauspielern? Jean Genet hat in den Sechzigern darauf bestanden, dass sein Stück ausschließlich mit Schwarzen besetzt wird.
Simons: Und 1983 hat Genet Peter Stein erlaubt, sein Stück mit Weißen zu inszenieren. Bei mir ist auch ein schwarzer Schauspieler dabei, Felix Burleson.
KulturSPIEGEL: Einer?
Simons: Ja, aber er ist entscheidend. Er ist der Spielleiter, das Stück wird aus seiner Perspektive erzählt.
KulturSPIEGEL: Und werden die anderen Schauspieler, die Schwarze spielen, schwarz geschminkt, so wie die Frauen auf dem Ankündigungsfoto des Stücks?
Simons: Nein. Die Schauspieler tragen alle Masken. Weiße für die Rollen der Weißen und schwarze für die der Schwarzen. Natürlich dürfen wir nicht versuchen, Schwarze zu imitieren. Wenn ich zu den weißen Schauspielern sagen würde, also los, wir sind jetzt mal im Senegal, und einer ist der Trommler, ein anderer tanzt, so wie sie vielleicht im Senegal tanzen, dann wäre das einfach dumm.
Njami: Das erinnert mich alles an Frantz Fanons "Schwarze Haut, Weiße Masken" aus dem Jahr 1952. Er beschreibt darin, wie die Schwarzen sich selbst entfremdet wurden, wie sie dazu gebracht wurden, ihre Identität zu wechseln und wie Weiße sein zu wollen.
KulturSPIEGEL: Yinka Shonibare, einer der Künstler, der an der Frankfurter Ausstellung teilnimmt und zu den Erfolgreichen in der Gegenwartskunst gehört, sagt, es sei wegen seiner Hautfarbe doppelt so schwer für ihn gewesen, sich durchzusetzen. Er sagte auch, er hätte gern als junger Mann ein schwarzes Vorbild gehabt.
Njami: Das ist auch wichtig. Aber es reicht nicht, einen Schwarzen oder Migranten ab und zu im Theater auftreten zu lassen. Abgesehen davon, dass man ohnehin mit dem Fernsehen anfangen müsste, weil das einfach in anderem Maße konsumiert wird. Wenn sie da einen türkischen Journalisten haben, der brillant ist und auch noch stolz auf seine Wurzeln ist, statt sie zu leugnen, dann hat das eine Wirkung. Dass 2005 die Vororte von Paris brannten, hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass diese Kids das Gefühl haben, nicht zu existieren. Sie kommen nicht vor, nicht, wenn sie den Fernseher anschalten, nicht, wenn sie die Zeitungen lesen. Nur, wenn sie Autos anzünden, wird endlich über sie geredet. Es geht also nicht um ein provokantes Plakat, sondern darum, wie wir Gesellschaft neu definieren und gestalten.
KulturSPIEGEL: Das heißt, es geht auch um Bildung.
Njami: Warum lernen Kinder so wenig über unterschiedliche Kulturen? Ich hatte das Glück, Eltern mit einer großen Bibliothek zu haben, andere haben das nicht. Wenn ich in Paris in die Oper gehe, achte ich manchmal darauf, wie viele andere Leute ebenfalls nichtfranzösisch aussehen. Es sind wenige. Aber warum sollte sich jemand aus der Banlieue für die Oper interessieren? Oder für Jean Genet? Die Menschen haben ganz andere Probleme. Diese Familien sind oft arm, sie können ihren Kindern eben kein Studium bezahlen. Wir sprechen hier von einem doppelten Problem, Armut und Rassismus, und wie sich das bedingt.
KulturSPIEGEL: Die meisten Bücher haben immer noch weiße Helden, die meisten Filme auch. Die Nichtweißen haben niemanden, mit dem sie sich identifizieren können.
Simons: Ach ja? Und welche Hautfarbe hat der Präsident der USA?
Njami: Welche der nächste Direktor der Biennale von Venedig? Wer hat gerade den Oscar für den besten Film gewonnen?
KulturSPIEGEL: Sie sprechen von Okwui Enwezor und Steve McQueen. Reicht das?
Simons: Es ist ein Prozess. Die Münchner Kammerspiele sind ein Beispiel dafür, wie sich alles langsam vermischt, wie Nationalitäten zusammenkommen. Wir haben Leute im Ensemble aus der Türkei, aus Estland, aber auch aus Belgien, einem Land mit kolonialer Vergangenheit. Wir arbeiten mit schwarzen Schauspielern, etwa in der Inszenierung von "Schande".
Njami: In Frankreich heißt es immer, es seien zu wenige Schwarze in den Kinofilmen zu sehen. Aber das liegt daran, dass in der realen Welt der Leute, die die Drehbücher verfassen, meistens keine Schwarzen vorkommen. Man braucht vielleicht mehr Leute wie die Regisseurin Claire Denis, die in Kamerun aufgewachsen ist. In ihren Filmen kommen Afrikaner vor. Nicht wegen irgendeiner Quote, sondern weil sie Teil ihrer Lebenswelt sind. Natürlich gibt es Rassismus, aber wir müssen ihm anders begegnen.
Simons: Wie?
Njami: Wenn Menschen andere Menschen ausschließen, dann meistens, weil sie einander nicht im Sinn haben. Wenn sie zusammenfinden, etwa, weil sie heutzutage dieselbe Schule besuchen, ist das ja bereits ein Schritt zur Integration.
KulturSPIEGEL: Ändert der Oscar für Steve McQueens Film "12 Years A Slave" etwas?
Simons: Ich habe den Film gesehen. Mir ist aufgefallen, wie gesund die Darsteller wirken, die doch Sklaven spielen. Aber dass mir das aufgefallen ist, sagt wahrscheinlich etwas über mich und die Klischees in meinem Kopf aus. Und schon weil mich der Film dazu bringt, mich mit mir selbst und meinen Vorstellungen zu konfrontieren, war es wichtig, ihn zu sehen. Als Niederländer glaubt man, viel über die Sklaverei zu wissen. Man lernt das schon in der Schule. Und es ist auch tatsächlich so, dass ich in einem Land lebe, in dem viele Schwarze leben, viele meiner Freunde sind farbig. 20 Prozent der niederländischen Politiker haben einen Migrationshintergrund, in Rotterdam sind es fast 60 Prozent der Bevölkerung. Und dann sehen Sie einen Film wie den von Steve McQueen und erkennen - und so geht es vielen im Kinosaal -, dass Sie vieles eben nicht wussten.
Njami: Ich kenne Steve McQueen, er hat ja als bildender Künstler begonnen. Ich habe mit meinem älteren Sohn gewettet: Steve wird den Oscar nicht gewinnen, er gehört nicht zu Hollywood, er ist in jeder Hinsicht ein Außenseiter. Ich habe verloren. Und ich bin sehr glücklich darüber.
"Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler". MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, bis 27.7., www.mmk-frankfurt.de
"Die Neger". Premiere am 3.6. bei den Wiener Festwochen, www. festwochen.at. Hamburger Premiere am 14.6. im Schauspielhaus, www.schauspielhaus.de; Münchner Premiere am 17.6. in den Kammerspielen, www.muenchner-kammerspiele.de
"Haben Sie nicht irgendwas vom Dorf?"
Selma Wels, Verlegerin
Für mich fängt Rassismus in Deutschland schon außerhalb Deutschlands an: Mit unserem Verlag Binooki haben wir immer wieder das Problem, dass unsere türkischen Autoren nur nach endlosem Hin und Her ein Visum bekommen. Es heißt ständig, es sei wichtig, dass zwischen der Türkei und Deutschland kulturelle Brücken geschlagen würden. Ich verstehe nicht, warum man es dann Leuten, die nachweislich genau daran arbeiten, so schwermacht. Im vergangenen Jahr hat Alper Canıgüz, ein Autor von uns, erst einen Tag vor Abflug erfahren, dass es wirklich klappt. Wie soll man so als Verlegerin eine Lesereise planen?
In Gesprächen stoßen wir immer wieder auf ein hartnäckiges Vorurteil: dem, dass türkische Literatur minderwertig ist. Ich glaube, das hängt mit der jungen Migrationsgeschichte zusammen, sie hat die Türkei in vielen Köpfen als bildungsfernes Land verankert. Ich erinnere mich noch genau, wie 2012 auf der Leipziger Buchmesse eine Händlerin an unserem Stand den Erzählband "Warten auf die Angst" von Oguz Atay in die Hand nahm. "Ach, das ist aber ein schöner Name. Ist der französisch?" "Nee, der ist türkisch." Ein irritierter Blick, obwohl er sie gerade noch interessiert hatte, legte sie ihn zurück. Einen der wichtigsten türkischen Literaten!
Ich bin in Deutschland geboren, habe aber von klein auf das Gefühl, dass ich mich hier ständig erklären muss - das ist durch meine verlegerische Arbeit sogar noch stärker geworden. Unseren Verlag gibt es jetzt seit über zwei Jahren, aber in Interviews oder Berichten wird immer noch vor allem die Arbeit von meiner Schwester und mir thematisiert, unsere Bücher spielen nur selten eine Rolle. Wir müssen die Buchbranche erst bitten, sich mal auf einen türkischen Autor einzulassen. Das wäre ganz sicher nicht so, wenn wir spanische, italienische oder französische Literatur verkaufen würden. Das nervt mich. Ich würde gern mehr über die Inhalte sprechen - oder einfach nur sagen: Hier ist ein gutes Buch, lest es.
Leider erwarten deutsche Leser von türkischer Literatur häufig, dass sie ihre Vorurteile bestätigt. Auf der Frankfurter Buchmesse hat mich mal eine Frau gefragt, warum unsere Bücher fast nur in Städten wie Ankara und Istanbul spielten. "Haben Sie nicht irgendwas vom Dorf?" Ich erklärte ihr unseren Anspruch, junge, urbane Literatur zu verlegen, und fragte, was sie mit "irgendwas vom Dorf" meinte. Ihre Antwort, kurz zusammengefasst: unterdrückte Frauen. Einen Vorwurf, den ich auch immer wieder höre: Eure Bücher sehen gar nicht aus wie türkische Bücher. Ich habe mir fest vorgenommen, irgendwann bei den großen deutschsprachigen Verlagen anzurufen und zu fragen, ob sich ihre aus der Türkei stammenden Bücher besser verkaufen, wenn auf ihren Covern Moscheen oder Frauen mit Kopftüchern abgebildet sind.
Selma Wels, 34, hat 2011 gemeinsam mit Inci Bürhaniye den Binooki-Verlag in Berlin gegründet. Die Schwestern stammen aus Pforzheim und verlegen türkische Gegenwartsliteratur auf Deutsch.
"Wir suchen in Deutschland Besetzungen, die nicht weh tun"
Iris Baumüller, Casting-Direktorin
Es gibt in Deutschland eine große Vielfalt an Menschen unterschiedlicher Herkunft, die uns im Alltag begegnen. Die wird in Kino- und Fernsehproduktionen leider noch nicht angemessen repräsentiert. Als Casting-Direktorin möchte ich die Realität in meinen Besetzungen widerspiegeln. Es gibt unglaublich viele talentierte Schauspieler. Das Problem ist, dass in einem Teich gefischt wird, obwohl wir einen Ozean zur Verfügung haben. Die Sender und die Verleiher hoffen auf gute Quoten und Zuschauerzahlen, und sie wünschen sich Schauspieler, die nicht polarisieren. Also fällt die Entscheidung am Ende eines großangelegten Castings meist auf die gleichen bekannten Gesichter. Die Angst, jemanden zu besetzen, der nicht dem allgemeinen Geschmack des Publikums entsprechen könnte, sitzt tief. Eine Schauspielagentin und Kollegin von mir hat es mal so ausgedrückt: Wir suchen in Deutschland Besetzungen, die nicht weh tun. Das geht so weit, dass es schon für Rothaarige schwierig wird, eine Rolle zu finden.
Wir Caster versuchen immer wieder, außerhalb des Erwarteten zu besetzen. Warum soll den Rechtsanwalt nicht ein Türke spielen oder den Kinderarzt ein Rumäne? Das gibt es ja in der deutschen Wirklichkeit. Doch wenn das Drehbuch explizit nach nichtdeutschen Schauspielern verlangt, dann geht es meist um Abziehbilder: den schwarzen Liebhaber, die türkische Putzfrau, den polnischen Hilfsarbeiter. Kein schwarzer oder indischer Schauspieler will aber zum hundertsten Mal den Taxifahrer spielen. Bei Kinofilmen geht es freier zu als beim Fernsehen, aber bei den Hauptrollen gehen auch die Verleihe meist auf Nummer sicher. Ein schwarzer Schauspieler hätte eine Chance, wenn die Hauptrolle ein Koch wäre, aber kaum bei einem Arzt. Ich glaube trotzdem, dass die Sender und Verleihe langsam entdecken, wie viele hervorragende Schauspieler mit Migrationshintergrund es in Deutschland gibt. Gute Beispiele sind Sibel Kekilli und Elyas M'Barek, auch um Til Schweigers "Tatort"-Kollegen Fahri Yardim reißen sich gerade alle. Tedros Teclebrhan hat es mit seiner Teddy-Show aus dem Internet ins Fernsehen geschafft, jetzt spielt er seine erste Kino-Hauptrolle. Und dann gibt es auch die Filmemacher, die gezielt nach Vielfalt suchen, Dani Levy zum Beispiel. Für dessen neuen Film darf ich im ganzen Ozean tauchen. Das ist für einen Caster natürlich spannend.
Es ist einfach mehr Mut gefragt. Da geht der erste Appell an die Sender. Und natürlich an die Autoren. Ich weiß, dass es auch für sie schwierig ist, aber wenn ihnen eine tolle Rolle mit Migrationshintergrund einfällt, dann können sie es ja erst mal versuchen und die ins Drehbuch schreiben. Und wenn es ein richtig gutes Buch ist, wird es hoffentlich genau so realisiert. Es gibt ja immer die große Sehnsucht, jemand Besonderen zu finden und zu besetzen. Man muss nur mutig genug sein, es auch zu tun.
"Wir müssen uns das Teutonische abgewöhnen"
Shermin Langhoff, Intendantin
Man könnte meinen, alles sei in bester Ordnung, wenn eine türkischstämmige Intendantin wie ich ein Theater in der Mitte Berlins übernimmt. Und da ist natürlich etwas dran, einerseits. Denn natürlich kommt die sogenannte Ethnokultur inzwischen gut an: Das Hybride, das Bunte, das Besondere wird geschätzt - und erhält als Besonderes auch immer häufiger ein Forum. So geht der neoliberale Multikulturalismus. Mit ihm schmückt sich die Berliner Republik genauso wie andere Länder. Die globalisierte Wirtschaft verträgt sich gut mit ihm.
Das täuscht jedoch über zwei Dinge hinweg. Erstens gibt es eine Dialektik kultureller Globalisierung, die lautet: Kultur ja, aber Rechte für Einwanderer nein. Es ist total wichtig, sich nicht korrumpieren zu lassen davon, dass ein Karneval der Identitätswechsel mittlerweile gern gesehen ist an manchen Theatern. Denn damit sind nicht unbedingt politische Perspektiven verbunden. Zweitens ist das Hybride zwar mittlerweile gern gesehen, aber doch meistens nur in den Wartezimmern der Hochkultur. Es bekommt nur selten Ressourcen und Räume, die über Community-Theater hinausgehen. Was bei uns am Maxim Gorki Theater passiert, ist schon eine Ausnahme.
In der jüngsten Gorki-Produktion "Common Ground" gibt es einen Eröffnungsmonolog, den eine israelische Schauspielerin auf Englisch hält, bis ein deutscher Schauspieler sie rüde unterbricht. Er meckert: "This is a postmigrant theatre ... post means after - 'nach' ... That means you start working here after you learn the language." Frei übersetzt: "Lern erst mal Deutsch, bevor du hier auf die Bühne steigst."
Die Szene ist die Parodie einer Haltung, die ja nicht jeglicher Wahrheit entbehrt. Wir müssen uns in Deutschland das Teutonische noch an einigen Stellen abgewöhnen, auch im Kulturbetrieb. In Deutschland glauben wir: Wenn jemand mit Akzent spricht, dann denkt er mit Akzent. Er gilt als unterkomplex. Überhaupt gilt das andere, das Hybride, das Fremde schnell als zweitklassig. Didi Hallervorden hat das Blackfacing an seinem Schlosspark Theater in Berlin mal damit verteidigt, es gebe nicht genügend spezielle Schwarzen-Rollen, die eine Festanstellung schwarzer Schauspieler rechtfertigen würden. Und Karin Beier hat beklagt, dass nicht genügend gute Schauspieler mit Migrationshintergrund zu finden seien, nachdem ihr interkulturelles Konzept am Schauspiel Köln gescheitert war. Nun gut, sie hat es immerhin versucht, aber das Scheitern allein an den angeblichen Qualitätsdefiziten postmigrantischer Schauspieler festzumachen, finde ich verantwortungslos.
Zum einen geht es mir komischerweise ganz anders: Ich könnte noch etliche weitere Kollegen mit diversen Herkünften anstellen, wenn ich noch mehr Ressourcen für feste Engagements hätte. Zum anderen gilt: Qualität kommt nicht von oben. Postmigrantische Schauspieler brauchen Räume, um sich auszuprobieren, um sich zu entwickeln. Man muss sie spielen lassen.
Das Ziel der Zukunft muss es daher sein, Kontrolle über kulturelle Produktionsmittel zu erlangen. Das klingt jetzt natürlich sehr revolutionär, aber darum geht es ja: um eine Revolution der Kulturpolitik. Es geht nicht um Alibi-Migranten, es geht darum, das Kunstdefinitionsmonopol der traditionellen deutschen Hochkultur zu durchbrechen. Zurzeit bekommt diese in Deutschland immer noch sehr viel mehr Geld ab als die neue, ganz gegenwärtige Kulturproduktion. Ich sehe das Gorki Theater nicht als Accessoire des nationalen Kulturbetriebs, sondern als einen Schritt auf dem Weg dahin, in Zukunft heterogen zu leben.
Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Diversität an Theatern zu erreichen, ohne die Kunstfreiheit zu beschränken. Eine Migranten-Quote für Ensembles kann ich mir nicht vorstellen. Aber sehr wohl eine Quote für Kulturpolitiker, Intendanten, Juroren, also für die Bereiche des Kulturbetriebs, in denen die Ressourcen verteilt werden. Gleiches gilt übrigens für all die Backstage-Bereiche: für die Tischlerei und die Maske, die Pressestelle und die kaufmännische Abteilung. Bevor ich das Gorki übernommen habe, gab es dort nur vereinzelte Postmigranten. Jetzt entspricht ihre Zahl der Berliner Realität.
"Meine Gegenwart findet hier statt"
Nino Haratischwili, Schriftstellerin
Es ist für mich normal, dass auf jeder Lesung etwas zu meinem akzentfreien Deutsch gesagt wird. Manchmal passieren aber auch heftigere Sachen. Mein Highlight war, dass ich auf einer Lesung von einem älteren Herrn zusammenhangslos gefragt wurde, wie ich mein Studium finanziert habe. Als ich ihm geantwortet habe, dass ich ganz normal Bafög bekommen und gejobbt habe, war er kurz still und meinte dann, er habe sich gefragt, ob es bei mir im Hintergrund - im Osten - einen reichen Mann gebe. Seine Phantasie ging wohl in Richtung Oligarch. Und als er verstanden hat, dass es so nicht ist, hat er mir dazu gratuliert, dass ich hier ganz angekommen sei. Ich war in dem Moment ziemlich perplex und leider nicht cool genug, um zu antworten, dass mein Zuhälter leider gerade verstorben sei.
Ich musste sehr dafür kämpfen, nicht auf bestimmte Themen festgelegt zu werden. Vor meinen Romanen habe ich schon viele Theaterstücke geschrieben - darunter viele Auftragsarbeiten. Gerade da habe ich gemerkt, dass ich immer für ähnliche Themen angefragt wurde und es eine Sehnsucht gab, ich möge mich doch bitte mit meiner Heimat und dem Krieg beschäftigen. Für mich war es wichtig, dass das Thema Georgien in meinem ersten Roman "Juja" überhaupt nicht auftaucht, weil ich genau wusste, dass sonst die Erwartung da gewesen wäre, ich würde als nächstes "Georgien zwei", "Georgien drei" und so weiter schreiben. Ich empfinde die Schubladisierung als sehr extrem in Deutschland - in allen Bereichen. Natürlich sind Georgien und meine Vergangenheit ein Teil von mir. Aber meine Gegenwart findet hier statt, hier erlebe ich Dinge, über die ich genauso schreiben möchte. Wenn es nach dieser Erwartungshaltung ginge, dürften Autoren aus dem Osten nur über schlimme Themen schreiben, mindestens Krieg und Vergewaltigung, dazu dann noch Flucht und Migration. Während die Deutschen sich höchstens mit WG-Geschichten beschäftigen dürfen oder mit sich langweilenden Großstädtern mit wechselnden Sexualpartnern.
Gefühlt alle paar Monate melden sich in den Feuilletons frustrierte Herrschaften zu Wort und führen die immer gleiche Debatte über Migranten-Literatur, die die Unterscheidung zwischen Migranten-Autoren, Ostblock-Autoren, deutschen Autoren künstlich aufrechterhält. Schon das Wort "Migranten-Literatur" klingt so abwertend. Als Autor mit nichtdeutscher Herkunft wird man dadurch von vornherein auf eine andere Stufe gestellt. Nie ist man einfach nur "Autorin", sondern immer "die Autorin aus soundso".
Nino Haratischwili, 30, wurde in Tiflis, Georgien geboren. Seit zehn Jahren lebt sie in Hamburg. Zuletzt erschien ihr preisgekrönter Roman "Mein sanfter Zwilling" in der Frankfurter Verlagsanstalt. Derzeit inszeniert sie ihr Stück "Der Herbst der Untertanen" in Hamburg (Uraufführung am 11.4. im Lichthof Theater).
"Das N-Wort ist nicht cool"
Samy Deluxe, Rapper
Das erste Mal, dass ich einen emotionalen Bezug zu einer Kunstform fühlte, war bei den "Angry Black Men" im HipHop sowie bei der Band Public Enemy. Das waren Typen, die sagten, was ihnen auf den Sack geht in der Gesellschaft. Ich befand mich in Deutschland zwar in einer ganz anderen Situation, trotzdem waren die Emotionen sehr ähnlich, und deshalb habe ich mich mit dieser Kultur identifiziert und bin auch Rapper geworden. Ich glaube, deshalb fühlen sich in Deutschland viele Schwarze, aber auch Türken, Kurden oder Marokkaner zum Rap hingezogen. Minderheiten suchen nach Vorbildern, mit denen sie sich identifizieren können.
Es gibt auch farbige Rocker hierzulande, so wie Joachim Deutschland. Der war vor einigen Jahren meine Hoffnung auf einen coolen schwarzen Rocksänger. Aber leider wurde der von der Rockszene nicht richtig angenommen. Vielleicht gibt es irgendwo in Deutschland noch einen schwarzen Rocker, der auf seine Chance wartet, aber ich glaube nicht, dass es einen institutionellen Rassismus gibt, der vorschreibt, dass ein schwarzer Rocker in Deutschland nicht geht. Ich glaube auch nicht, dass Musik nur wegen der Hautfarbe verkauft wird. Ich bin nicht auf Rap festgelegt. Als "Herr Sorge" mache ich auch ganz normalen Rock und Pop.
Beim Einkaufen im Supermarkt habe ich mehr Rassismus erlebt als in der Musikindustrie. Trotzdem habe ich das N-Wort in der deutschen und englischen Sprache zu oft gehört. Sogar von Fans bei Konzerten; manchmal, wenn die besoffen sind, auf der After-Show-Party. Diese Typen sind keine Rassisten, aber sie finden es cool, zu mir zu kommen und zu sagen: "Hey, was geht ab, Nigger?" Und das ist nun mal gar nicht cool. Ich sag denen dann meine Meinung, und ein oder zwei Backpfeifen habe ich im Leben auch schon verteilt, an besoffene Spinner, die einen so vollquatschen. Der ebenfalls dunkelhäutige deutsche Rapper B-Tight nannte mal ein Album "Neger, Neger". Das fand ich unglücklich. Ich habe ihm dann aber anhand eines Beispiels meine Position dazu erklärt: Mein Sohn wusste lange, bis er sechs oder sieben war, überhaupt nicht, was ein Neger ist. Als ich in dem Alter war, hatte man mich bestimmt schon tausendmal "Neger" genannt. Ich fand es toll, dass mein Sohn zwei Jahre in der Schule war, ohne das Wort "Neger" auch nur einmal zu hören. Natürlich weiß ich, dass man solche Wörter nicht verdrängen kann, und in den USA hat das Wort wieder einen ganz anderen Stellenwert, weil viele Schwarze es benutzen, auch viele, die in der Öffentlichkeit stehen. Ich finde es nicht notwendig, das N-Wort hierzulande zu benutzen. Das sage ich nicht als Samy Deluxe, sondern als Vater.
Samy Deluxe, 36, bürgerlich Samy Sorge, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Sein Vater stammt aus dem Sudan. Deluxe macht Rap mit deutschen Texten. Sein neues Album "Männlich" ist gerade bei Vertigo Records erschienen.
INTERVIEW: ANKE DÜRR UND ULRIKE KNÖFEL
Von Nieberding, Mareike, Dallach, Christoph, Dürr, Anke, Knöfel, Ulrike, Keller, Maren, Becker, Tobias, Sander, Daniel, Dehoust,Johann

KulturSPIEGEL 4/2014
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