28.04.2014

Randnotizen Sein Lieblingscafé im Internet loben

DARF MAN DAS?
Wenn ich ein gutes Buch entdeckt habe, empfehle ich es weiter. In privaten Gesprächen, aber meist auch in einem Text. Das ist mein Job. Ich freue mich, wenn viele Menschen das Buch lesen, das ich mit Freude gelesen habe. Ja, meine Lesefreude wächst sogar nachträglich, je mehr Menschen es gibt, mit denen ich über mein neues Lieblingsbuch sprechen kann.
Reisejournalisten haben es da schwerer. Ich kenne Kollegen, die die wirklich guten Reisetipps nie in die Zeitung schreiben würden. Aus Angst, einen Lieblingsplatz an die werte Leserschaft zu verlieren. Oder wie sie sagen: an marodierende Urlaubermassen.
Nun ist es so, dass in Zeiten von Yelp und Tripadvisor, Foursquare und Golocal jeder ein Reisejournalist sein kann. Selbst dann, wenn er nur in der eigenen Stadt verreist: in das Café oder die Kneipe um die Ecke. Das birgt Chancen. Aber auch Risiken. Denn die Bewertungsportale verändern nicht nur den touristischen Blick, sie verändern die Städte. Yelp und Co. sind Gentrifizierungs-Treiber.
In Städten gilt eine paradoxe Regel: Einen Ort zu entdecken ist eine feine Sache - an einem Ort entdeckt zu werden ist der Horror. Wer klug ist, versucht, es zu verhindern. Aber wie? Die Hamburger Künstler Christoph Schäfer und Margit Czenki haben vor Jahren einmal den sogenannten Abwertungskit entwickelt: einen Leitfaden, der auf Strategien der Kommunikationsguerilla beruht. Die Tipps: Schrauben Sie Satellitenantennen an Ihre Fassade, kleben Sie einen fremdländischen Namen auf Ihr Klingelschild, nehmen Sie Lidl-Tüten statt Jutebeuteln mit zum Einkaufen.
Vielleicht ist es an der Zeit, das zu ergänzen: Behaupten Sie auf Yelp, im Café um die Ecke gebe es Kakerlaken.
Von Becker, Tobias

KulturSPIEGEL 5/2014
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