28.04.2014

Eine bessere Stadt ist möglich

Wer soll bestimmen, ob Flächen brachliegen oder wo welche Bänke stehen? Behörden? Politiker? Lieber die Bürger selbst - sie wissen, wie sie leben wollen. Ein Designheft über die Gestaltung der Stadt.
Es ist mit Ideen nicht anders als mit Tomaten. Lange bevor die Früchte geerntet werden können, braucht es jemanden, der sie hegt und pflegt. Es braucht ein Klima, in dem sie gedeihen können. Es braucht jemanden, der daran glaubt, dass da, wo nichts war, etwas wachsen könnte.
Es braucht einen wie Lutz Kosack.
Kosack, 50, ist ein blasser Mann mit unauffälliger Brille, heller Jeans und grauem Knittersakko, im linken Ohr trägt er einen kleinen silbernen Ring. Er spricht leise, aber schnell und eindringlich. Und oft spricht er über Pflanzen.
Kosack ist studierter Botaniker. 30 Stunden die Woche arbeitet er im Stadtplanungsamt in Andernach, einer kleinen Stadt am Rhein mit einer Kathedrale wie ein Kartenhaus und einem Wehrturm, den sich kein Fantasy-Autor hätte prachtvoller ausdenken können. Kosack ist zuständig für Landschaftsplanung und Naturschutz. Seine Kollegen im ganzen Land lassen Bodendecker pflanzen und Liguster. Doch Kosack hatte eine andere Idee von dem, was in Andernach wachsen sollte. 2010 ging es los mit 101 Tomatensorten, die er entlang der Stadtmauer pflanzen ließ.
150 Euro aus der Stadtkasse investierte Kosack damals, und weil er das einfach so gemacht hatte ohne Abstimmung und Andernach einer Haushaltssperre unterliegt, musste er sich zuallererst einmal wegen der Verschwendung von Steuergeldern rechtfertigen. Aber Kosack ließ sich nicht beirren. Er wies nach, dass sein Projekt kostenneutral ist - denn auch langweilige Blumenrabatten kosten Geld -, und pflanzte weiter: Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Kartoffeln, Mangold, Kürbis. Die Andernacher Stadtmauer ist lang.
So kamen diese Bilder in die Welt: Kohlfelder im Stadtgraben, Weinstöcke um die Ecke vom Rathaus, Stadtkinder bei der Kartoffelernte. So kam der Slogan in die Welt von der "Essbaren Stadt Andernach". Aber vor allem: So kamen Schaulustige aus aller Welt in die kleine Stadt Andernach. Scharen von Touristen, Journalisten und Experten, die das Konzept kopieren wollen.
Kosacks Idee von der Essbaren Stadt fällt auf fruchtbaren Boden. Sie wächst mitten hinein in eine Zeit, in der Menschen nicht in einer Stadt leben wollen, sondern in ihrer. Sie wollen ihren Lebensraum mitgestalten. Und mit dieser neuen Idee von Stadt hat sich ein ganzes Lexikon neuer Begriffe entwickelt: Es gibt Nachbarschaftsgärten und → Guerilla Gardening, was die Gestaltung von → Brachen meint, Urban Farming an der Stadtmauer oder auf Dachterrassen. Sitzbänke auf Plätzen aufzustellen, wo die Stadt nur Stehen vorgesehen hat, fällt unter → Bench Bombing. Und natürlich wurde für all dieses auch ein Oberbegriff erfunden: → Social Design.
Die Vorstellung von dem, was Stadtgestaltung ist, hat sich geändert, und auch die dafür Zuständigen sind nicht mehr dieselben: nicht nur Behörden oder Investoren, sondern die Bürger selbst. Von New York bis Norderstedt werden → Baumscheiben mit Narzissen bepflanzt und → Bücherschränke in Fußgängerzonen befüllt. Nie wurde so viel darüber geredet, wie die Stadt gestaltet sein sollte, für wen und von wem. Studiengänge werden ins Leben gerufen, die sich mit dieser Frage befassen, es gibt Kunstfestivals wie "This is not Detroit!" in der Bald-Ex-Opel-Stadt Bochum, neue Zeitschriften wie die "sub/urban", Bücher wie "Stadt selber machen" von Laura Bruns und Bündnisse und Initiativen wie Platz da! oder die Recht-auf-Stadt-Bewegung.
Social Design ist das Schlagwort der Stunde, das wie alle Modewörter alles und nichts bedeuten kann. Wenn man so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Definitionen sucht, dann kann man es übersetzen als Design zum Wohl einer Gemeinschaft. Und nicht im Interesse des Kapitals. So wie Hamburgs Park Fiction, der nach den Wünschen der Bewohner entstand und nicht nach denen der Investoren, die auf das letzte freie Grundstück mit Blick auf den Hafen lieber Luxuswohnungen gebaut hätten. Seitdem schmeckt Freiraum nach Dosenbier in Sommernächten. In Berlin sind die → Prinzessinnengärten berühmt geworden, die Nachbarschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld. In Bamberg hängt an Mülleimern der → Pfandring, so dass kein Pfandsammler mehr im Müll wühlen muss. In New York stehen an Bushaltestellen selbstgebaute Bänke. In Detroit werden Brachen zu Abenteuerspielplätzen umgebaut. Überall auf der Welt gibt es Initiativen für das Teilen und Tauschen von Tagestickets, Schlagbohrern und Rasenmähern (→ Shareconomy). Die Projekte sind oft temporär, meist von den Anwohnern angestoßen, und viele haben eine ganz eigene Ästhetik, die nach Improvisation und Recycling, nach Paletten und Do-it-yourself-Kultur aussieht.
Man könnte die Geschichte, die Wirkung und die Erscheinungsformen des Social Design in der Stadt anhand berühmt gewordener Beispiele erzählen. Aber die interessantesten Gedankengebäude sind nicht immer die Leuchtturmprojekte. Es geht bei diesem Thema darum, wie kleine Eingriffe das große Gesamtgefüge Stadt verändern können. Diese Geschichte handelt von einem Dinosaurier in Hamburgs teuerstem Viertel, einer Rampe aus Legosteinen, von einem temporären Hotelzimmer, in dem man die Nacht mit Schiller verbringt. Es ist eine Geschichte über einen Briefkasten und über das Spalierobst, das am Ortseingang von Andernach wächst, gegenüber den Tulpen auf der Kreisverkehrsinsel, direkt an der Bahnunterführung.
Die Schilder, die an den Zweigen hängen, informieren darüber, dass hier Kiwis wachsen. Kiwis - mitten in einer Stadt am Rhein! Doch dass Nutzpflanzen wunderbar mitten in die Stadt Andernach passen, davon muss Lutz Kosack niemanden mehr überzeugen, seit die Essbare Stadt eine Auszeichnung nach der anderen bekommt, mal für Gartenbau, mal für Nachhaltigkeit.
Am größten ist die Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt zur Erntezeit, das gibt er unumwunden zu. "Wenn ich erwarten würde, dass 50 Bürger regelmäßig das ganze Jahr über mitmachen, würde ich frustriert werden", sagt er. Und der Andernacher Oberbürgermeister Achim Hütten wertet schon die Tatsache, dass niemand die Beete zerstört, als eine Art Bürgerbeteiligung.
Immerhin hat eine Initiative verhindert, dass die Hühner, die vergangenes Jahr hinter der Stadtmauer angesiedelt wurden, im Herbst geschlachtet wurden: Essbare Stadt hin oder her, das ging zu weit. Die Hühner überwinterten im Tierheim, seit kurzem sind sie zurück. Und sie haben jetzt sogar einen Hahn, den jemand ihnen heimlich dazugesetzt hat. "Guerilla-Huhning", sagt Kosack anerkennend.
Das Spalierobst und die Beete werden von sechs ehemaligen Langzeitarbeitslosen gepflegt, unter Anleitung eines Gärtners. Die Akkuratesse der Anlagen ist bemerkenswert, kein welkes Blatt hängt da, kein Strauch tanzt aus der Reihe, alles ist frisch geharkt. Kann sein, dass Kosack recht hat, wenn er sagt, das sei der beste Schutz vor Vandalismus.
Und natürlich ist es ein Glück, dass Andernach einen Stadtplaner hat, der ein fanatischer Botaniker ist, der in seiner Mittagspause zum nächsten Beet geht und dort das Unkraut rauszieht.
Im Café der örtlichen Arbeitsloseninitiative, mit Blick auf einen trostlosen graugrünen Dachgarten, für den man Kosack sofort seine Unterstützung bei der Umgestaltung anbieten würde, wenn er sie denn nötig hätte, erzählt er von seinen Visionen. Von CO₂-Bilanzen und der Verantwortung für die nächste Generation. Von dem, was er auf Fachtagungen diskutiert, womit er die Bürger und den Bürgermeister aber lieber nicht so oft belästigt. Ein gefeierter Querdenker kann auch schnell als größenwahnsinniger Spinner gelten.
30000 Euro - 1 Euro pro Einwohner - koste das Projekt momentan im Jahr, alles inklusive, sagt Kosack. Auf 0,2 Hektar würden heute in Andernach Nutzpflanzen angebaut, das reiche - er hat das ausgerechnet -, um 30 Bürger ein Jahr lang zu versorgen, ein Promille der Bevölkerung. Alle Grünflächen in der Stadt zusammen, inklusive der privaten Gärten, machen aber 33 Hektar aus, und man könnte auch viel effizientere Pflanzen anbauen. "Und wenn sich eine kleine Stadt zu 25 Prozent selbst ernähren kann und zu 75 aus dem Umland, hab ich hier plötzlich eine Subsistenz, und die Laster aus Holland und Polen können umdrehen."
Ein "ökopädagogisches Projekt" nennt Kosack die Essbare Stadt. Er will den Bürgern Wissen vermitteln über Lebensmittelproduktion, Biodiversität, ökologische und soziologische Zusammenhänge, über die "Beziehung zwischen Mensch und Pflanze" - in der Praxis, nicht in der Theorie.
Und er will ihnen noch etwas anderes vermitteln: "Wir geben die öffentlichen Grünflächen den Bürgern zurück", sagt er. Mit der Einladung, im Vorbeigehen zu pflücken, was reif ist, will er den Andernachern auch vermitteln, dass städtische Flächen allen gehören, weil alle die Stadt sind.
So selbstverständlich diese Auffassung heute klingt, so neu ist sie doch eigentlich. Der → öffentliche Raum als Raum für alle - wie wir ihn heute kennen - ist eine bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts. Erst mit der Industrialisierung wurden Parks und Plätze für alle gebaut. Und heute? Heute ist oft von einer Krise des öffentlichen Raums die Rede, für deren Erscheinungsformen es viele Substantivierungen gibt. Privatisierung. Festivalisierung. Filialisierung. Musealisierung. Virtualisierung. → Disneyfizierung.
Das sind die Wortungetüme, mit denen im wissenschaftlichen Diskurs kritisiert wird, was im und mit dem öffentlichen Raum zu passieren droht.
Zwei Hamburger haben zum gleichen Zweck eine andere Art von Ungetüm erschaffen. Seine Entstehung ist in einem Video festgehalten. Es zeigt die HafenCity, Hamburgs Hochglanzstadtteil, früh am Morgen, die Straßen sind noch fast leer. Ein Kombi fährt am sogenannten HafenCity View Point vor, einem Aussichtstürmchen für Touristen, das direkt zu Füßen des Marco-Polo-Towers liegt, der Luxuswohnadresse Hamburgs. Zwei Männer in weißem Overall steigen aus. Sie öffnen den Kofferraum des Kombis, schnappen sich weiße Pappen, roten Stoff, Werkzeug und stiefeln die Treppen des knallorangen Aussichtstürmchens hoch. Sie brauchen nur wenige Minuten, um ihn in einen Tyrannosaurus rex zu verwandeln. Zuletzt zünden die Männer Magnesiumstäbe an. Es sieht aus, als spuckte der Dinosaurier Rauch und Feuer auf den Marco-Polo-Tower: Weg mit dem Luxusturm für Megareiche! Das ist unsere Stadt, nicht eure!
"Touristosauros" heißt die Aktion. Ausgedacht haben sie sich zwei Künstler. Marc Einsiedel, 30, und Felix Jung, 28, sind zusammen We are visual. Ihre Werkstatt haben sie im Hamburger Gängeviertel, das sie gemeinsam mit Dutzenden anderen Künstlern besetzt haben.
So wie Kosack den öffentlichen Raum in Andernach in einen Lustgarten für alle Bewohner verwandelt hat, betrachten We are visual ihn als Spielplatz, der allen gehört und auf dem alle mit kindlicher Freude herumtollen dürfen. "Ich habe keine Lust, mich irgendwie einschränken zu lassen", sagt Jung, "ich will ein Kind bleiben." Ein Kind mit politischer Botschaft. Ihre Arbeiten sollen Stadtbewohner irritieren, aus ihrem Alltag aufwecken. Als ein riesiges Supermarkt-Areal auf St. Pauli lange ungenutzt blieb, montierten Einsiedel und Jung die Silbe sur vor den alten Firmenschriftzug Real: surREAL. Als auf dem Hamburger Jungfernstieg hinter schwarzverhangenen Schaufenstern an Deutschlands größtem Apple-Store gewerkelt wurde, legten sie in aller Seelenruhe und mitten im Passantengewusel eine Leiter an und klebten ein Windows-Logo auf (→ adbusting).
We are visual, darauf spielt der Name an, agieren so sichtbar, dass sie unsichtbar bleiben. Sie arbeiten nie nachts, so wie die meisten Graffiti-Künstler und sonstigen Aktivisten ihrer Subkultur, sondern tagsüber. Sie tarnen sich nicht, etwa mit schwarzen Kapuzenpullis, sie täuschen: mit orangefarbenen Warnwesten, fachgerechten Absperrungen. "Wir sind Schauspieler", sagt Einsiedel, "wir fügen uns in Rollen ein." Dabei profitieren sie von Erfahrungen aus ihren Brotjobs im Messe- und Landschaftsbau. "Man braucht die richtige Attitude. Wenn man an einem Einsatzort ankommt: erst mal hinsetzen, Kippe rauchen, Kaffee trinken." Sie profitieren ebenso von der falschen Einstellung ihrer Mitmenschen: "Viele Menschen fügen sich schnell. Veränderungen im öffentlichen Raum sind für sie höhere Gewalt", sagt Einsiedel. Gut möglich auch, dass viele Passanten durch das Servicepersonal des öffentlichen Raums hindurchschauen, wie feine Herrschaften durch ihr Hauspersonal. "Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie viele Servicekräfte sie auf dem Weg durch die Stadt gesehen haben", sagt Einsiedel.
Die meisten Menschen, sagt Jung, sähen generell nicht viel in der Stadt. We are visual will ihnen die Augen öffnen. "Zwei Betten" ist so eine Arbeit, die das schafft. Auch sie ist in Form eines Videos dokumentiert: Zu sehen ist darauf eine Straße unweit der Reeperbahn. Dann rücken Einsiedel und Jung mit Bauarbeiterwesten und Akkuschrauber an, montieren die Vorderwand eines Metallkastens ab, bauen zwei Bretterkonstruktionen und zwei Matratzen rein - und fertig ist ein Doppelstockbett. Dort, wo nun das Bett steht, schliefen früher im Winter Obdachlose, um sich über einem Entlüftungsgitter zu wärmen. Dann jedoch setzte jemand einen Metallkasten über das Gitter. Soziale Kälte statt Abluftwärme. Der Clip von We are visual ist ein smarter Kommentar zu dieser Herzlosigkeit.
"Zaun" heißt die Ausstellung, die 2012 in einer Hamburger Galerie lief: eine vordergründig nur dekorative, grafisch reduzierte Schau verschiedener Zäune. Die ausgestellten Zäune hatten die Künstler jedoch nicht in irgendeinem Baumarkt erworben, sondern aus Zäunen herausgeschnitten, die Brachen in Hamburg absperren und dadurch eine temporäre Nutzung verhindern. "Wir haben die Zäune aus dem öffentlichen Raum adoptiert", sagt Einsiedel, "mit ihnen haben wir indirekt über 600000 Quadratmeter ungenutzter Fläche ausgestellt."
Viele der Arbeiten von We are visual sind sehr flüchtig: Einsiedel und Jung bereiten sie tagelang vor - und dann räumen Polizei, Sicherheitsdienste oder städtische Ämter sie innerhalb weniger Stunden ab. Umso wichtiger ist es den beiden Künstlern, sie professionell per Foto und Film zu dokumentieren. Live vor Ort nehmen meist nur wenige Menschen ihre Arbeiten wahr, aber über soziale Netzwerke sind es schnell mal Tausende. Der Film-Clip über den Touristosaurus ist bis heute ein Internethit in Hamburgs linker Szene. Wer den Clip kennt, sieht das Aussichtstürmchen mit anderen Augen, auch wenn es längst an eine andere Stelle versetzt worden ist.
Umdeutung heißt das, was We are visual mit dem Aussichtsturm gemacht haben im Handbuch der → Kommunikationsguerilla, einem Standardwerk linker Protesttheorie. Mit dem Touristosauros überschreiben sie die Investoren-Erzählung von der HafenCity als Erfolgsviertel mit einer eigenen Erzählung über einen sympathischen, drolligen Drachen, der viel größeren, übermächtigen Drachen gegenübersteht - all den Angeberarchitekturen in der HafenCity.
Das gebaute Gegenteil dieser Groß-Architektur - ein Gebäude, das den Touristosaurus statt zum Schnauben zum glücklichen Schnurren brächte - steht am Landwehrkanal, mitten in Berlin. Ein zwei mal zwei Meter kleines Haus aus Holzplatten, montiert auf ein Anhängergestell. Das "Unreal Estate House". Bescheidenheitsarchitektur in Bestform.
Gebaut hat es Van Bo Le-Mentzel, 37, der bei einem Treffen schon von Ungerechtigkeit redet, noch bevor er seinen olivgrünen Parka ausgezogen hat. 30 Stunden die Woche arbeitet Le-Mentzel als Architekt, der Pläne entwirft und verkauft, um seine Familie zu ernähren, aber das sind ihm eigentlich 30 Stunden zu viel. Bekannt wurde er vor ein paar Jahren mit Hartz-IV-Möbeln - dem Bauhaus nachempfundenen Designermöbeln, deren Baupläne er verschenkt. Le-Mentzel ist ein Utopist, der in großen Zusammenhängen denkt. Die Häuser, die Le-Mentzel entwirft, sind dagegen so klein und prunklos wie möglich. "Je größer meine Wohnung ist, desto mehr nehme ich jemand anderem weg", sagt er. Das Unreal Estate House nimmt niemandem mehr Platz weg als der daneben parkende VW Polo.
Eine Küchenzeile, eine Duschwanne, eine Chemietoilette, im Erdgeschoss des Minihauses ist alles vorhanden, was man zum Wohnen braucht. Nur zum Schlafen muss man den Raum verlassen: Über eine Leiter an der Außenwand gelangt man zur zwei Quadratmeter großen, halbkuppelförmigen Koje auf dem Dach.
Das eigentlich Besondere am Unreal Estate House ist aber nicht die Einrichtung, sondern die Lage: Durch die Glasfassade sieht man hinter grünendem Geäst den Landwehrkanal. Ein Blick, für den die Bewohner der cremefarbenen Häuser rundherum viel Geld bezahlen. Schräg hinter dem mobilen Holzhaus wird gerade eine 90-Quadratmeter-Wohnung für rund 400000 Euro zum Kauf angeboten.
Mit seinem Mini-Haus stellt der Architekt die luxuriöse und teure Großstadt in Frage, in der die Kaufpreise und die Mieten immer weiter steigen, vor allem in den Innenstädten. Die → Gentrifizierung zeigt, dass die Stadt doch nur einigen gehört - jenen mit viel Geld eben. Sie sichern sich die frisch renovierten Altbauwohnungen in den bunten Vierteln, weil sie sich unter genau das Volk mischen wollen, das sie vertreiben. "Ich halte es für falsch, dass wir die Stadt nur nach dem Kriterium Geld aufteilen", sagt Le-Mentzel. Für ihn ist freies Wohnen ein Menschenrecht, Miete und Besitz ein Unrecht.
Le-Mentzels Anhänger könnte man überall aufstellen, wo es eine Parklücke gibt, in Berlin-Mitte oder in -Zehlendorf, im Hamburger Schanzenviertel oder in Blankenese, im Münchner Glockenbachviertel oder in Bogenhausen. Die Bewohner bezahlen keine Miete. Jeder, der möchte, kann darin übernachten. Obdachlose, Touristen, Berliner, egal. Im Moment hängt der Schlüssel hinterm Tresen eines Cafés am Landwehrkanal, gegenüber vom mobilen Haus.
Jeder sollte die Möglichkeit haben, an einem so schönen Platz wie dem am Landwehrkanal zu wohnen, findet Le-Mentzel. Würden mehr Menschen sich mit einer Sechs-Quadratmeter-Box zufriedengeben, statt in frisch sanierten, weitläufigen Altbauten zu leben, wäre das einfacher, so seine Botschaft.
Finanziert hat Le-Mentzel das Unreal Estate House durch Crowdfunding. Knapp 5000 Euro hat er über eine Website gesammelt. Und er hat Menschen gefunden, die sich an seinem Bauprojekt beteiligt haben. Etwa 20 freiwillige Konstrukteure haben seine Pläne gemeinsam mit ihm umgesetzt. Le-Mentzel hat mit seinen Unterstützern, der "Crowd", während des Bauprozesses ständig kommuniziert, auf Facebook und vor Ort. Elektro- oder Spiritusheizung? Eignet sich Hanf zur Wärmedämmung? Hat jemand eine Parmesanreibe übrig? "Crowdfunding", sagt Le-Mentzel, "verändert die Sozialregeln. Ich glaube, dass die Welt besser wird, wenn man das Wissen nicht bei wenigen parkt."
Um eine Inspiration dafür zu liefern, stellt er seine Konstruktionspläne ins Internet. Sein Ein-Quadratmeter-Haus, der rudimentäre Vorgänger des Unreal Estate House, hat schon auf der ganzen Welt Nachahmer gefunden: In Chicago etwa diente es als Infostand einer Obdachlosen-Organisation, und in Dublin wurde es als Beichtstuhl genutzt.
Le-Mentzel hat ein Motto geprägt: konstruieren statt konsumieren. Christoph Schäfer, der Initiator des Hamburger Park Fiction, hat den gleichen Gedanken in einem Interview mal so ausgedrückt: Er wünsche sich, dass StadtkonsumentInnen zu StadtproduzentInnen werden. "Stadt selber machen" lautet der populäre Slogan, dessen Idee sich schon in → Henri Lefebvres Klassiker "Le droit à la ville" findet, der Ende der Sechziger erschien - zu einer Zeit, als mit den Bürgerbewegungen gegen Flächensanierungen und Stadtautobahnen der Anspruch aufkam, die vorgegebene Stadtplanung nicht einfach so hinzunehmen. Mitzureden und mitzuentscheiden, wenn es um das eigene Lebensumfeld geht. In Lefebvres Werk ist auch zum ersten Mal der berühmte Satz zu finden, der heute zum Kampfspruch und Slogan geworden ist: der Satz vom "Recht auf Stadt". Lefebvre fordert die (Wieder-)Aneignung des öffentlichen Raums durch seine Bewohner. Er setzt sich dafür ein, dass die Bewohner selbstbestimmt ihr Lebensumfeld gestalten. Als eine Stadt für alle.
Mehr als 45 Jahre sind vergangen, seit das Buch erschienen ist. Aber wie viel noch zu tun ist, bevor das Wunschbild von der Stadt für alle wahr wird, merkt man am schnellsten, wenn jemand erzählt, dass er nicht mal eben ein Kaugummipapier in einen öffentlichen Mülleimer schmeißen kann. Raúl Krauthausen erfährt jeden Tag aufs Neue, dass die Stadt nicht für Menschen wie ihn gebaut ist. Krauthausen kam mit sogenannten Glasknochen auf die Welt, hatte bei seiner Geburt 19 gebrochene Knochen und in den Jahren danach noch so viele mehr, dass er sie längst nicht mehr zählt. Krauthausen hat Osteogenesis imperfecta, wie es medizinisch korrekt heißt. Weil Osteogenesis imperfecta oft mit Kleinwüchsigkeit einhergeht, ist Krauthausen nur etwa einen Meter groß. Laufen hat er nie gelernt. Mit 14 bekam er seinen ersten elektrischen Rollstuhl. Jetzt ist er 33 und fährt das Modell Skwirrel, ein Kindermodell eigentlich, das er auf zehn Stundenkilometer hat hochtunen lassen, vier Stundenkilometer schneller als erlaubt.
Als er den Skwirrel kaufte, fragte er, ob sie ihm einen USB-Anschluss einbauen könnten. Großes Bedauern. Aber man könne ihm einen Zigarettenanzünder anbieten, hieß es. Krauthausen ließ sich den Zigarettenanzünder einbauen. Dann fuhr er zum nächsten Baumarkt und kaufte einen USB-Adapter. Seither kann er sein iPhone an seinem Rollstuhl aufladen. Bis hin zur Hornbrille und Schiebermütze ist Krauthausen das, was man einen Nerd nennt. Er selbst sagt, er sei gern vorn mit dabei. Und vorn mit dabei ist gerade, wer sich für 3-D-Drucker interessiert.
Krauthausen bestellte sich deshalb vor einigen Monaten den Makerbot Replicator 2. Über das Internet aus den USA. Nur knapp 2000 Euro kostet der Makerbot. Ein Schnäppchen für einen 3-D-Drucker. Nach acht Wochen Lieferzeit war er da. Bierkastengroß steht er seither auf der Holzkommode im WG-Wohnzimmer.
Das Erste, was Krauthausen druckt, ist eine Handy-Hülle. Obwohl er eigentlich keine Handy-Hülle braucht. "Eigentlich produziert man viel Müll", sagt Krauthausen. Irgendwann fragt er sich, warum mit so einem sinnvollen Gerät wie dem 3-D-Drucker so wenig Dinge gedruckt werden, die das Leben verbessern. Und ihm kommt die Idee, eine mobile Rollstuhlrampe zu entwerfen. Ähnlich den Keilen, die auf Flughäfen Flugzeuge am Wegrollen hindern sollen. Sie soll so klein, so leicht, so stabil, so billig wie möglich sein.
Gemeinsam mit seinen Mitbewohnern, unter denen Architekten sind, tüftelt Krauthausen an dem Modell. Er sei kein Bastler, sagt er von sich selbst. Aber er sieht, wenn Dinge nicht funktionieren. Und er hat Ideen, wie sie besser funktionieren. 23 Stunden braucht der Makerbot, um eine Rampe zu drucken.
Bei Modell eins drehten die Räder seines Rollstuhls durch, weswegen Modell zwei ein Profil hat. Modell zwei brach zusammen, weswegen Modell drei mehr Füllung hat. Modell vier hat außerdem ein Logo an der Seite. Krauthausen lädt das Modell bei Thingiverse hoch, einer Art Tauschbörse für druckbare 3-D-Objekte. Jeder kann die Anleitung dort kostenlos herunterladen und eigene Rampen ausdrucken.
Aber ganz zufrieden war er nicht. Der ganze Abfall! Und die lange Druckzeit! Vielleicht, bemerkte Krauthausen, war die Technik des 3-D-Druckens doch noch nicht so weit. Er als Nerd sagt das so: "Eher CB-Funk als iPhone."
Krauthausen hat deshalb noch ein zweites Rampenmodell entwickelt. Gebaut aus Legosteinen - 58 Dachziegeln, 214 Achter-Steinen, 5 Zweier-Steinen.
Die Rampen sind gerade hoch genug, um Stufen zu überwinden. Denn ob Krauthausen in einem Restaurant essen kann, in einem Laden einkaufen kann oder sich in einem Café treffen kann, hängt davon ab, ob vor dessen Tür Stufen sind. Krauthausen sagt: "Das Problem ist nicht: Komme ich von A nach B? Sondern: Lohnt sich der Weg? Komme ich in B überhaupt rein?"
Mit seinem Cousin hat Krauthausen eine Art Thinktank gegründet, den sie wegen ihrer Liebe zu Comic-Superhelden leicht ironisch die Sozialhelden nennen und für deren Arbeit er das Bundesverdienstkreuz bekommen hat. Für ihr Projekt "Pfandtastisch helfen" kamen sie auf die Idee, Sammelboxen für Leergut in Supermärkten aufzustellen, deren Erlös direkt an Hilfsorganisationen ging. Ihr wichtigstes Projekt ist aber bislang die Wheelmap - eine Open-Source-Karte, auf der jeder eintragen kann, ob ein Ort barrierefrei ist.
Die Idee der barrierefreien Stadt ist die Idee von einer Stadt, die so gestaltet ist, dass sie allen zugänglich ist. Das ist ja nicht nur für Menschen im Rollstuhl wichtig. Sobald irgendwo eine Rampe liegt, beobachtet Krauthausen immer das gleiche Phänomen: Sie wird von verschiedensten Personengruppen genutzt, und jede von ihnen hat das Gefühl, sie sei für sie gebaut worden. Eltern mit Kinderwagen. Ältere Menschen mit Rollator. Das ist es, wovon Krauthausen redet, wenn er von Inklusion redet.
Barrierefreiheit wird in der Zukunft immer wichtiger werden. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass sich bis zum Jahr 2050 die Anzahl der Alten verdreifacht haben wird. Heute sind vier Millionen Menschen 80 Jahre oder älter. 2050 werden es zehn Millionen sein; zehn Millionen, die Ämter besuchen, Restaurants frequentieren.
Aber müsste es nicht eigentlich Aufgabe des Staates sein, dafür zu sorgen, dass die Stadt barrierefrei ist? Und nicht Krauthausens?
In Deutschland gibt es Gesetze zur Barrierefreiheit. Aber immer wenn Krauthausen einen Politiker den oft gesagten Satz sagen hört, man bewege sich im Rahmen des Möglichen, fragt er sich, ob vielleicht etwas mit dem Rahmen nicht stimmt. Die Rampe aus dem 3-D-Drucker ist auch ein Symbol für die Art und Weise, wie Krauthausen Probleme löst. Pragmatisch. Unkonventionell. Und vor allem: selbst. "Wir müssen nicht immer warten, bis es die Mega-Überlösung gibt", sagt Krauthausen.
Sagen die Rampen aus Legosteinen nun mehr über Krauthausens Fähigkeiten aus? Oder über die Unfähigkeit des Staates? Keine deutsche Stadt ist Detroit, wo sich der Staat aus fast allen sozialen Pflichten zurückgezogen hat. Weil es in Toronto nicht genug Geld für Verkehrmaßnahmen gab, malte eine Guerillagruppe namens → Urban Repair Squad eigenhändig Fahrradwege auf die Straße. Ihr Motto spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes "broke" im Englischen, das sowohl "kaputt" als auch "pleite" heißen kann: "They say city is broke. We fix."
Es hat sich etwas verschoben in den Zuständigkeiten, das sieht man auch daran, dass man im Jahr 2014 eine Geschichte über Stadtgestaltung erzählen kann, in der mehr Bewohner als Bürgermeister auftauchen.
Lutz Kosack aus Andernach sagt, das, was er mache, geschehe → top-down. Also von oben nach unten. Die meisten Social-Design-Projekte entstehen jedoch umgekehrt - bottom-up.
"Stadt selber machen" ist deshalb alles - Forderung, Selbstermächtigung, Idealismus. Und manchmal auch die pure Notwendigkeit. Einer dieser Orte, um den sich niemand gekümmert hätte, wären die Bewohner nicht selbst aktiv geworden, ist die Berliner Fischerinsel. Wie Hochbunker ragen dort sechs Wohntürme mit ihren 21 Geschossen in Richtung Wolken. Um sie herum tobt die Zukunft, wie man sie sich in Berlin-Mitte vorstellt: Je nach Stockwerk und Himmelsrichtung blickt man auf direkte Nachbarn wie das Auswärtige Amt, die Stadtschlossbaustelle, den Alexanderplatz, das Nikolaiviertel und neue Ganz-Etagen-Lofts - eine wuselige Welt für Touristen, Hipster, Medienleute, Politiker und Internetunternehmer.
Auf der Fischerinsel, diesem südlichen Zipfel der Spreeinsel in der Mitte von Berlins Mitte, scheint dagegen die Zeit Anfang der siebziger Jahre stehengeblieben zu sein: etwa zu dem Zeitpunkt, als der Fortschritt die Altbaureste von der Insel fegte und mit modernstem Plattenbau ersetzte, knapp 1500 Wohnungen für etwa 3500 Menschen. Sie verschanzen sich in ihren mehr als 60 Meter hohen Burgen, man sieht kaum jemanden auf der Straße. Die meisten Läden in den Erdgeschossen stehen leer, in der Einkaufspassage harren nur noch ein Supermarkt, ein indisches Restaurant, eine Apotheke, ein Friseursalon und ein kleines Café aus. Während der Rest von Mitte nach der Wende zu boomen begann und nicht wieder aufhörte, wandelte sich die Fischerinsel zu einer Art Niemandsland. Kein echtes Problemviertel, aber auch kein Ort, in den irgendjemand investieren würde.
"Das größte Problem ist, dass es unter den Nachbarn hier kaum ein Miteinander mehr gibt", sagt Günter Voß, der schon sein ganzes Leben lang in der Gegend lebt. Voß ist 65 Jahre alt und Projektkoordinator des ortsansässigen SeniorenComputerClubs. Er träumt davon, das Niemandsland wieder lebendig werden zu lassen. "Das geht aber nur, wenn die Leute sich darüber austauschen, was sie verändern wollen", sagt er. Viele der Einwohner leben seit Jahrzehnten dort, 35 Prozent von ihnen sind über 65 Jahre alt, aber an ihre Bedürfnisse wurde die Infrastruktur nie angepasst. Die Spielplätze verrotten, weil fast keine Kinder mehr da sind, für die vielen Senioren dagegen gibt es kaum irgendwo vernünftige Sitzgelegenheiten. "Die Menschen wollen sich ja engagieren", sagt Voß. "Aber als Einzelner tut es dann eben doch niemand."
Um aus den vielen Einzelnen eine Masse mit Stimme zu machen, haben sich Voß und einige Mitstreiter des Computer-Clubs vor ein paar Jahren mit drei jungen Doktoranden der Berliner Universität der Künste zusammengetan. Jennifer Schubert, Andreas Unteidig und Florian Sametinger gehören dort zum Lehrstuhl Designforschung und überlegen im "Design Research Lab", wie man technische Innovationen auf menschliche Bedürfnisse zuschneidet. Auf der Suche nach einem Forschungsprojekt für ihre Doktorarbeiten sind die drei auf die Fischerinsel gestoßen, weil sie das soziale Gefüge dort so interessant fanden. "Uns ging es am Anfang vor allem darum, Kommunikationstechnik vor Ort zu erforschen, und da war die Fischerinsel aus demografischer Sicht besonders interessant", sagt Schubert. "Alle Welt redet von digitaler Demokratisierung, aber wie lässt man auch ältere Menschen daran teilhaben, die mit der digitalen Welt nichts anfangen können?"
Denn Protest und ein gemeinsamer Wille zur Veränderung formieren sich heute wirkungsvoller via Facebook oder Twitter als über gelegentliche Sitzungen einer Bürgerinitiative. Daraus wuchs die Idee, den Fischerinsel-Bewohnern dabei zu helfen, sich untereinander zu vernetzen, um gemeinsame Ziele zu finden und für diese gemeinsam zu kämpfen. "Vernetzte Nachbarschaft" nannten sie das Projekt und stellten schnell fest, dass sich ur-analoge Gewohnheiten nicht so schnell brechen lassen. "Den Leuten einfach zu erklären, wie Facebook funktioniert, reicht nicht", sagt Schubert. "Wir mussten ihnen den Übergang in die digitale Welt mit ganz analogen Mitteln schmackhaft machen." Und so entwarfen sie etwas, das einerseits vertraut war - andererseits aber ganz neu. Einen guten alten Briefkasten - allerdings einen, der sowohl analog als auch digital funktioniert.
Man kann normale Zettelbotschaften in den Kasten einwerfen, die sofort eingescannt und auf eine digitale Plattform übertragen werden, einen Blog etwa. Gleichzeitig kann man sich auf dem Display des Kastens durch alle eingeworfenen Botschaften scrollen. Die Senioren vom Computer-Club trommelten die Nachbarn zusammen und erklärten die Idee: eine Mischung aus Schwarzem Brett und Internetforum. Das war anfangs eher als Spielerei gedacht, um die Leute auf die vernetzte Nachbarschaft aufmerksam zu machen, kam aber bei der ersten Aktion so gut an, dass nach dem ersten Prototypen derzeit ein Modell entwickelt wird, das dauerhaft aufgestellt werden kann.
Auf der Fischerinsel konnten sich die Bewohner mit Hilfe des Briefkastens derweil auf ihr erstes gemeinsames Ziel einigen und für dessen Umsetzung kämpfen. Mit Erfolg: Die vergammelten Bänke an der Uferpromenade sind nach jahrzehntelanger Untätigkeit der Stadt endlich von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte renoviert worden, ein paar neue Papierkörbe gab es dazu, und die Anwohner selbst haben gemeinsam eine kleine Grünfläche am Wasser neu bepflanzt. Im vergangenen Jahr gewann das Projekt "Vernetzte Nachbarschaft" den Lübecker Nachbarschaftspreis, mittlerweile haben Schubert, Unteidig und Sametinger die Idee auch in Jerusalem vorgestellt.
Auch die Architekten des Kollektivs raumlaborberlin sind gefragt in der Szene. Sie haben in den vergangenen Jahren einen neuen Begriff von Stadtplanung geprägt - und die Grenzen zwischen Architektur, Kunst und Aktionismus durchlöchert. Sie haben den Palast der Republik in Berlin geflutet, der damals schon zum Abriss zugunsten des Stadtschlosses freigegeben war, und haben Besucher mit Schlauchbooten durch einen Parcours aus Gipskarton-Fassaden paddeln lassen. Sie haben die Tristesse einer finster verschachtelten U-Bahn-Anlage zwischen Essen und Mülheim mit einer großen Vision gekontert: der Eichbaumoper, einem Projekt, das zunächst nicht die Station selbst aufhübschen sollte, sondern das Bild der Station im Kopf der Menschen. Und sie haben das Küchenmonument erfunden, eine transparente Raumhülle, die sich aus einer kompakten und daher gut transportierbaren Kiste entfaltet.
Bis zu 80 Menschen können in dieser Raumhülle gemeinsam essen oder tanzen, einen Film sehen oder ein Dampfbad nehmen. Sie sind drinnen, geschützt vor Wind und Regen, und gleichzeitig draußen, sichtbar für alle. Sie sind an einem Ort, der halb privat ist und halb öffentlich. Das Küchenmonument ist eine Zwitter-Architektur, die aus gemiedenen Problemvierteln Orte der Begegnung macht, und es ist eine Kampfansage an die gentrifizierte, sozial segregierte Stadt, gegen die Van Bo Le-Mentzel am Berliner Landwehrkanal sein mobiles Haus gesetzt hat.
"Ich sehe eine Gefahr darin, dass sich die Anti-Gentrifizierungs-Diskussion so aufs Wohnen fokussiert", sagt der Raumlaborant Markus Bader und geht damit über Le-Mentzels Kritik an der Gentrifizierung hinaus. "Man ist dann schnell mit Lösungen zur Hand: mehr sozialer Wohnungsbau, mehr Baugenossenschaften. Aber das reduziert das Problem."
Ihr neuestes Projekt führt die Raumlaboranten im Mai nach Mannheim. Die Stadt ist quadratisch, praktisch, gut. Eine Planstadt, in der die Straßen im Schachbrettmuster verlaufen. Eine Arbeiterstadt, in der die Menschen ihr Geld noch mit den Händen verdienen. Ein Touristenmagnet ist Mannheim jedoch bislang nicht. Wer einen Kurzurlaub in der Rhein-Neckar-Region bucht, entscheidet sich eher für ein Hotel in Heidelberg. Für Puppenstube statt Planstadt.
Das könnte sich nun ändern. Vom 23. Mai bis 8. Juni gastiert das Festival Theater der Welt in Mannheim, und mit dem Festival kommt eine völlig neue Übernachtungsidee in die Stadt: das Hotel shabbyshabby, erdacht von raumlaborberlin. Die Idee dürfte die strenge Geometrie Mannheims ordentlich durcheinanderwirbeln.
Raumlaborberlin hat weltweit Studenten und Bastler-Genies dazu aufgerufen, aus gebrauchtem oder zumindest recycelbarem Material das Hotelzimmer ihrer Träume zu entwerfen, passgenau abgestimmt auf besondere Orte im öffentlichen Raum Mannheims. Grundlage des Entwurfs sollte die Frage sein, wie die Zimmer mit dem Außenraum kommunizieren: Liegt das Zimmer versteckt oder weithin sichtbar? Was sehen Gäste von innen? Wie sicher fühlen sie sich? Wer kann hineinsehen? Und was sieht er dort?
130 Entwürfe sind eingegangen, 20 ausgewählt worden, darunter Entwürfe von angehenden Architekten, aber auch von Designern, Szenografen, Bühnenbildnern, Künstlern. Vom 16. bis 23. Mai kommen sie in Mannheim zusammen und setzen ihre Entwürfe um. Das Baucamp ist öffentlich, so dass Mannheimer Bürger hautnah erleben können, wie städtischer Raum neu interpretiert wird. "Wir wollen sie animieren, über Stadtplanung und neue architektonische Formen nachzudenken", sagt der Raumlaborant Benjamin Foerster-Baldenius.
Eines der Gewinner-Teams wird eine Netzstruktur aus alten Fahrradschläuchen in einen Baumwipfel im Luisenpark hängen: das "Zimmer zum goldenen Flaschenzug". Ein anderes die Schillerstatue am Schillerplatz mit Gerüsten, Sperrholz und Folien umbauen: das "Monumotel". Das Team lässt das Denkmal für die Öffentlichkeit temporär verschwinden und privatisiert es im Gegenzug für den zahlenden Übernachtungsgast. Der Gast geht mit Schiller ins Bett. Auf dem Marktplatz wird der "Schlafdom" entstehen: ein Gehäuse aus sieben alten Altglas-Containern, das mit seinen Kuppeln an eine Moschee erinnert. An der Neckarpromenade das "Drei-Lichter-Hotel", das sich an eine Straßenlampe aus den Siebzigern schmiegt: ein Modell mit drei Lichtkugeln, die dem Gast als Nachttischlampe dienen. Wer schlafen will, stülpt drei Eimer drüber.
Die Beispiele verdeutlichen, worum es geht: nicht einfach darum, hübsche Hotelzimmer zu entwerfen, sondern darum, die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum auszuloten. "Öffentliche Orte sind wichtig, denn das sind die Orte, an denen eine Gesellschaft den Umgang mit Differenz üben kann", sagt Bader. Es sind die Orte, an denen sich der Kampf um das Recht auf Stadt entscheidet.
Anders als in normalen Hotels formieren sich die Zimmer des Hotels shabbyshabby nicht zu einem hohen Hotelklotz. Sie sind nicht übereinandergestapelt, sondern über die ganze Stadt verstreut; nur Rezeption und Frühstücksraum liegen zentral am Nationaltheater Mannheim. Das wird dazu führen, dass die Rezeptionisten ankommenden Gästen nicht sagen können: "Dort vorn sind die Aufzüge, fahren Sie in den dritten Stock und nehmen dann das dritte Zimmer links." Sondern viel eher: "Dort vorn ist die Straßenbahn, fahren Sie bis zur Station Soundso, dort gehen sie geradeaus bis zum dritten Baum auf der linken Seite. In dem Baum hängt ihr Zimmer."
Die Initiatoren freuen sich natürlich über jeden Gast, den sie quer durch Mannheim zu seinem Zimmer schicken können, "aber der größte Erfolg träte ein, wenn hauptsächlich Mannheimer kämen", sagt der Raumlaborant Foerster-Baldenius. "In unserem Projekt geht es darum, die eigene Stadt einmal anders wahrzunehmen." Die Gäste sollen nicht ins Theater gehen und danach in irgendeinem Hotel schlafen. Sie sollen ins Hotel gehen statt ins Theater. Normalerweise steht das internationale Festival Theater der Welt dafür, fremde Realitäten zu vermitteln. Das Hotelprojekt hingegen vermittelt einen fremden Blick auf eigene Realitäten. Es verschiebt die Perspektive.
Vom 23. Mai bis 8. Juni wird das Festival Theater der Welt in Mannheim gastieren, kuratiert von Matthias Lilienthal. Kurz vor Beginn der Erdbeerernte, in der sie in der Essbaren Stadt Andernach ein Fest feiern werden. Auf der Fischerinsel werden sie dann in der Sonne auf der Bank sitzen. Auf den Aussichtsturm in der Hamburger HafenCity werden Sommertouristen steigen, von denen einige vielleicht wissen, dass sie eigentlich auf einem Dinosaurier stehen. Krauthausen wird durch Deutschland reisen und auf Vorträgen Menschen begeistern, und Le-Mentzel wird vielleicht schon crowdfinanziert arbeiten, denn das ist sein neuestes Projekt. Er brauche 1500 Euro im Monat, sagt er, also insgesamt 18000 Euro. Bedingungsloses Grundarbeiten nennt er das. Man könnte auch sagen, dass noch viele Grundarbeiten zu erledigen sind, damit wir bedingungslos zusammenleben können.
Infos
Die Essbare Stadt Andernach: www.andernach.de
We are visual: w3arevisual.wordpress.com
Van Bo Le-Mentzel: http://hartzivmoebel.blogspot.de
Raùl Krauthausen: http://raul.de/
Vernetzte Nachbarschaft: www.vernetzte-nachbarschaft.org
Raumlaborberlin: www.raumlabor.net
Laura Bruns: "Stadt selber machen. Ein Handbuch".
Jovis Verlag, Berlin; 144 Seiten; 16,80 Euro.

Der Kiwi-Strauch auf der Verkehrsinsel verändert das Gesamtgefüge von Andernach.

Der "Touristosaurus" attackiert den Hamburger Luxuswohnturm.

Das crowdfinanzierte Minihaus ist eine Antwort auf die Gentrifizierung.

Das Recht auf Stadt wird mit einem Klotz aus Legosteinen erobert.

Auf der vergessenen Fischerinsel macht ein Briefkasten aus Einzelnen eine Gruppe.

Das temporäre Hotelzimmer lotet die Grenze zwischen privat und öffentlich aus.

Von Becker, Tobias, Dehoust, Johan, Dürr, Anke, Keller, Maren, Sander, Daniel

KulturSPIEGEL 5/2014
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