30.06.2014

Königin und Kriegsheld

Im dicht besetzten Mezzofach glänzt Anna Bonitatibus durch Neugier und Vielseitigkeit. Ist sie gar die nächste Cecilia Bartoli?
Z artes Piano, Spitzentöne und ansatzlose Koloraturen, dazu in der Stimme das leichte Flackern raffinierten Vibratos - man kann sie schon benennen, die Verführungskünste großer Belcantistinnen. Auch für Anna Bonitatibus gehören Schmeicheln und Schmachten, furiose Ausbrüche und Klagetöne zum Metier. Die Zuverlässigkeit ihrer trainierten Kehle hat die Sängerin aus dem süditalienischen Potenza zur festen Größe auf den Bühnen werden lassen. Aber anstatt es sich im Charakterfach bequem zu machen, sucht sie unentwegt neue Herausforderungen. So präsentiert sie auf ihrer neuen Doppel-CD die babylonische Königin Semiramis in Arien von nicht weniger als zwölf Komponisten - vom hochbarocken Da-capo-Stil eines Antonio Caldara bis hin zu Giacomo Meyerbeers Frühwerk von 1819 oder der Semiramis-Oper Manuel Garcias von 1828. Gleich zehn Stücke dieser emotionalen Tour de Force sind Erstaufnahmen. Andere wie Italiens Über-Mezzo Cecilia Bartoli würden ein mediales Ereignis daraus machen. Anna Bonitatibus dagegen ist praktisch zeitgleich noch bei einer weiteren Neuentdeckung dabei: In der Oper "Ginevra di Scozia" von Simon Mayr (1763 bis 1845), einem hochinteressanten Werk des volkstümlich-gefühlvollen Übergangsstils vor Verdi, singt sie den Kriegshelden Ariodante. Reift ihre Stimme weiter so edel wie bislang, dann werden bald auch Nicht-Insider sie anhimmeln - ob ihr das nun gefällt oder nicht.
Anna Bonitatibus: "Semiramide" (Dt. Harmonia Mundi); "Ginevra di Scozia" (Oehms Classics)
Von Johannes Saltzwedel

KulturSPIEGEL 7/2014
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Titelbild
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