30.06.2014

Neue Bücher

Marlene Streeruwitz: "Nachkommen". S. Fischer; 432 Seiten; 19,99 Euro.
Eine "hübsche kleine Odyssee" habe sie da geschrieben, attestiert ein Kritiker der Autorin Nelia Fehn am Rande der Frankfurter Buchmesse. Immerhin eine Odyssee, denkt sich Fehn, verletzliche 20. Sie ist selbst auf Irrfahrt. Gerade hat sie in Wien den Großvater begraben, nun sitzt sie unter den Nominierten des Buchpreises. Dennoch nimmt Fehn kaum einer ernst, während die Werke ihrer toten Mutter Schullektüre sind. Der Buchpreis geht an eine andere, es bleiben Tage zwischen Messestand und Fernsehinterview. Das Verlagswesen feiert ausgelassen den eigenen Zynismus, Fehn fühlt sich verloren und trinkt Leitungswasser. Marlene Streeruwitz, die selbst 2011 auf der Shortlist war, gelingt mit "Nachkommen" das präzise Porträt einer jungen Frau in einer fremden Welt. Deren Schlingern spiegelt sich im Stakkato der Sprache, im Suchen der richtigen Wörter.
John Kenney: "American Dreamer".
Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay; Manhattan; 400 Seiten; 14,99 Euro.
Moderne Werbeschnösel rauchen nicht, trotzdem spielt dieser aktuelle Roman über die Werbebranche natürlich mit dem Trubel um die TV-Serie "Mad Men". In "American Dreamer" berichtet ein New Yorker Ex-Werbemann, dass es in der Werbewelt von heute exakt so zugeht, wie es sich der gartenzwergbärtige Jungpraktikant so vorstellt: Hirnlose Kunden lassen sich doofe Werbeclips mit Gwyneth Paltrow aufschwatzen; scharfe Jungwerberinnen werfen sich hemmungslos ihren hirnerweichten Chefs an Hals und Gemächt; abgefuckte Bonzen wohnen in "Häusern von der Größe Finnlands". Der Autor John Kenney drischt hemmungslos Pointen wie alle Erfolgswerber, ist manchmal beinahe lustig, und nebenbei erzählt er klischeesatt eine Familienstory um einen toten bösen Vater und dessen verlorene Brut. Liest sich wie ein nettes Fernsehserienexposé.
Rax Rinnekangas: "Der Mond flieht".
Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Graf Verlag; 160 Seiten; 16,99 Euro.
Pubertäre Erweckungserlebnisse, vor allem in Verbindung mit einem traumatischen Ereignis, prägen sich tief ins Gedächtnis. So eine Geschichte erlebt Lauri: Nicht zum ersten Mal verbringt der 13-Jährige den Sommer auf dem finnischen Land bei seinem Cousin Leo und seiner elfengleichen Cousine Sonja. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Erst entspinnt sich zwischen den dreien ein libidinöses Verhältnis, dann findet die von der Hitze aufgeladene Idylle durch einen grauenhaften Unfall ihr jähes Ende. Erstaunlich klischeefrei erzählt Rinnekangas, der in Finnland auch als Filmemacher und Fotograf bekannt ist, von einer schwebenden Zeit zwischen Verzauberung und Schrecken, auch wenn seine Sprache in ihrem Bemühen um Mythologisierung manchmal an die Grenze zum Kitsch gerät.
Jess Walter: "Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten". Aus d. Amerikanischen von Stephan Glietsch. Blessing; 384 S.; 19,99 Euro.
Was für ein Titel! "Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten" - da fühlt man sich als Schreiber doch gleich gern angesprochen. Auch die darauffolgenden 384, vom US-amerikanischen Autor Jess Walter geschriebenen Seiten bieten reichlich Anlass zur Selbstbespiegelung: Der verträumt-naive Matt Prior wird als Wirtschaftsredakteur einer Lokalzeitung entlassen und verschuldet sich zunehmend. Um sein Vorstadtidyll mit Haus, Frau und Kindern zu erhalten, versucht er sich in einem neuen Arbeitsumfeld: im Drogenmilieu. Eine kurzweilige, allenfalls zwischenzeitlich zu gewollt originelle Satire auf ein sich wandelndes Mediengeschäft. Aber nicht nur das: Dieses Buch ist auch ein beklemmender Abgesang aufs satte Mittelschichtleben - und damit auch für viele Nicht-Journalisten von hohem Wiedererkennungswert.
Von Kaspar Heinrich Wolfgang Höbel Christoph Schröder Johan Dehoust

KulturSPIEGEL 7/2014
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