28.07.2014

Neue Bücher

Emil Ostrovski: "Wo ein bisschen Zeit ist ...". Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel. S. Fischer; 288 Seiten; 16,99 Euro.
Jack ist Vater geworden, das war nicht beabsichtigt. Und so überfordert der 18-Jährige von dieser Situation ist, so genau weiß er, dass er die Entscheidung seiner Exfreundin Jess, der Mutter des Kindes, nicht einfach so hinnehmen kann: Sie hat das Kind zur Adoption freigegeben. Der junge Vater entführt das Neugeborene und brennt mit ihm durch, ein Freund hilft ihm, und Jess ist plötzlich auch dabei. Eine chaotische Autoreise durch Neuengland beginnt, während der Hobbyphilosoph Jack seinem Sohn die Welt erklärt, wie er sie sieht. Keine Ahnung, ob der junge US-Autor Ostrovski Wolfgang Herrndorfs "Tschick" kennt oder "Sofies Welt" von Jostein Gaarder; er findet jedenfalls einen sehr eigenen, lakonischen Ton, und immer wenn er auf den Kitsch zusteuert, macht die Geschichte eine Kurve. Trotzdem erreicht Jack sein Ziel.
Stewart O'Nan: "Die Chance".
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel. Rowohlt; 224 Seiten; 19,95 Euro.
O'Nan setzt seinen Abgesang auf den amerikanischen Mittelstand fort: Art und Marion Fowler sind am Ende. Das Haus, das sie sich gekauft haben, war ohnehin eine Nummer zu groß für sie. Dann kam die Finanzkrise - Job weg, Kredite geplatzt, Haus weg, Ehe kaputt. In einem Verzweiflungsakt schmuggeln sie ihr letztes Bargeld über die kanadische Grenze, um an den Niagarafällen, jenem Ort, an den sie 30 Jahre zuvor auch ihre Hochzeitsreise geführt hatte, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen. Das Leben - ein Pokerspiel, die Liebe - ein russisches Roulette. "Die Chance" ist, besonders zum Ende hin, gewiss nicht O'Nans subtilster Roman, aber auch in diesem Nebenwerk zeigt sich sein Gespür für die Seelenlage seiner verzweifelten Figuren, der er bis in die feinsten Verästelungen und mit großer Empathie nachspürt.
Yves Ravey: "Ein Freund des Hauses".
Aus d. Französischen von Angela Wicharz-Lindner. Kunstmann; 96 Seiten; 14,95 Euro.
Eigentlich genügt es, den Klappentext zu lesen, um zu wissen, wie dieser Roman ausgeht. Was eigentlich das Schlimmste ist, was man über einen Roman wie diesen sagen kann, denn dieser Roman ist ein Spannungsroman. Die beiden Fragen: Ist das Mädchen Clémence in Gefahr? Und von welchem Mann könnte diese Gefahr ausgehen? Dass man den Roman dennoch lesen sollte, aufmerksam sogar, das hat drei Gründe. Erstens: Der Autor Yves Ravey psychologisiert die Handlungen der Figuren nicht. Zweitens: Er moralisiert sie nicht. Drittens: Er schmückt sie nicht aus. Ravey verzichtet auf fast alles - und doch fehlt seinem Roman nichts. Die Abwesenheit atmosphärischer Beschreibungen sorgt für Atmosphäre, der unaufgeregte Stil für Aufregung. Auf 96 Seiten entwirft Ravey die Miniatur eines Romans, karg und sachlich, wie das Exposé für einen Film.
Simone Lappert: "Wurfschatten".
Metrolit; 208 Seiten; 20 Euro.
Ada schlüpft in Rollen, ihr ganzes junges Leben lang. Bei Dinnerspektakeln auf einem Basler Rheinschiff gibt sie die Leiche, im wahren Leben kennt sie mehr Facetten. Männern verkauft sie sich mal als Bäckerin mit französischem Akzent, mal als italienische Gastdozentin. Hinter der Fassade ihres Spiels sitzt eine diffuse Angst, sie überfällt Ada jede Nacht. "Es ist, als hätte ich schon immer einen Wackelkontakt zur Welt", bemerkt sie. An ihrer Wand prangen Aufnahmen von Krebsgeschwüren, Fotos zerfetzter Beine und tropischer Würmer: eine Therapietapete, Dokument der Ängste. Als der Enkel ihres Vermieters ungefragt bei Ada einzieht, entwickelt sich aus Feindseligkeit allmählich eine scheue Zuneigung. Simone Lappert erzählt in ihrem Debütroman eine ungewöhnliche Girl-meets-boy-Story, durchaus morbide, doch dabei seltsam zärtlich.
Von Anke Dürr Christoph Schröder Tobias Becker Kaspar Heinrich

KulturSPIEGEL 8/2014
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