25.08.2014

Neue Bücher

Marion Brasch: "Wunderlich fährt nach Norden".
S. Fischer; 288 Seiten; 19,99 Euro.
Wunderlich, gescheiterter Bildhauer, 43 Jahre alt, geschieden, leicht verkrachte Existenz, wird von seiner Freundin verlassen. Daraufhin beschließt er zu verreisen, in Richtung Norden - und landet, von einer unfreundlichen Kontrolleurin aus dem Zug geworfen, in einer Parallelwelt. Er lernt Finke kennen, der in einer aufgegebenen Kneipe lebt, und Toni, die kess ist, aber einen schweren Schicksalsschlag hinter sich hat. Er erfährt von der heilenden Wirkung von Blauharz und bekommt anonyme Nachrichten auf sein Mobiltelefon, die ihm in schwierigen Situationen Rat und Mahnung zugleich sind. Marion Braschs zweiter Roman spielt leichthändig und unterhaltsam mit der Kontingenz des Daseins: Der Zufall bestimmt Wunderlichs Kurs. Ans Meer kommt er am Ende dennoch. Und zum Glück darf er sich und uns ein Rätsel bleiben.
Benjamin Lebert: "Mitternachtsweg".
Hoffmann und Campe; 240 Seiten; 18 Euro.
Am meist so friedlichen Sylter Strand wird eine Leiche angeschwemmt. Körper und Kleidung sind vom Meersalz fast vollständig zersetzt, nur der pechschwarze Handschuh des Toten ist unversehrt. Der Journalist und Gruselgeschichten-Liebhaber Johannes Kielland wird auf den mysteriösen Todesfall aufmerksam - und rührt eine fast vergessene Sylter Sage auf. Insel-Fans wird dieses Buch begeistern, es steckt voller Sylter Straßennamen und Seeluft. In die Riege der ganz großen Romanschreiber wird Benjamin Lebert jedoch auch mit seinem inzwischen sechsten Roman trotz der poetischen und schnörkellosen Sprache nicht aufsteigen. Dafür ist das Ende zu forciert, sind die Orts- und Zeitsprünge zu wenig überraschend. Ein nettes Buch für einen Tag am Strand. Aber keines für die Bibliothek zu Hause, in der die Lieblingsbücher stehen.
Esther Kinsky: "Am Fluss".
Matthes & Seitz; 388 Seiten; 22,90 Euro.
Alles fließt in diesem Roman, der kaum einer ist. Betrachtungen strömen über die Seiten, zufällige Ereignisse plätschern dazwischen, kleine Merkwürdigkeiten, oft pointenlos. Die namenlose Erzählerin streift durch London, sie reist nach Ungarn, Indien, Kanada. Stets zieht es sie in die Nähe fließender Gewässer. Mitunter sind es sprudelnde Bächlein, weidengesäumte Wasserläufe, meist aber dreckige Kanäle oder mit Schlachtblut verschlammte Rinnsale. Esther Kinsky beschreibt Unorte entlang der Ufer, einen Katzenfriedhof, verfallene Bauten. Für ihre Nicht-Geschichten findet sie beglückend präzise Worte, einen akkuraten, altmodischen Tonfall. Je karger die Landschaften, desto verschwenderischer das Vokabular, aus dem die Autorin schöpft. Es hat sie bis auf die Longlist des diesjährigen Buchpreises gespült.
Jonathan Crown: "Sirius".
Kiepenheuer & Witsch; 288 Seiten; 18,99 Euro.
Katzen mögen sieben Leben haben - der Sensationshund dieses Literaturherbstes hat immerhin vier Namen: Als Welpe Levy versteckt er sich vor der Gestapo. Als Sirius spaziert er mit seinem Professoren-Herrchen über die Straßen Berlins, bis die jüdische Familie in die USA fliehen muss. Als Hercules wird er dort zum Hunde-Filmstar und trägt seinen Teil zur goldenen Ära Hollywoods bei. Als Hansi wird er zu Hitlers Schoßhund und Churchills wichtigstem Spion, nachdem ihn eine Verwechslung zurück nach Deutschland geführt hat. Weil es kein Herz gibt, das Levy/Sirius/Hercules/ Hansi nicht erobert, wird er mit Sicherheit auch die der Leser erobern. Selten ist ein Buch schließlich so intelligent und witzig und dabei so süß, dass jedes Internet-Video über Faultier-Babys im Vergleich wie eine Dokumentation über Nasenhaare wirkt.
Von Christoph Schröder Vivien Timmler Kaspar Heinrich Maren Keller

KulturSPIEGEL 9/2014
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