29.09.2014

Ärztin ohne Grenzen

Kristof Magnusson: „Arztroman“. Kunstmann; 320 Seiten; 19,95 Euro.
Ein Arztroman handelt meist von einem Halbgott in Weiß, einem Mann natürlich, der seinen Job fest im Griff hat, fast so fest wie die jungen Krankenschwestern. Dieser "Arztroman" handelt von einer Frau, einer Notärztin, die souverän im Job ist - aber unsicher im Privatleben.
Ein Arztroman ist meist Trivialliteratur und bietet die Flucht in eine Traumwelt. Dieser "Arztroman" liest sich streckenweise wie eine Sozialreportage aus verschiedenen Berliner Milieus.
Ein Arztroman erscheint meist in dünnen Heftchen in Verlagen wie Bastei Lübbe. Dieser "Arztroman" erscheint im hoch angesehenen Kunstmann Verlag.
Damit wären schon mal drei Gründe genannt, Kristof Magnussons neuen Roman zu lesen: ein Buch, das seine Genrebezeichnung auf dem Titel vor sich her trägt, augenzwinkernd natürlich. Der vierte Grund: Magnusson, 38, schreibt, als hätte er zur Vorbereitung noch schnell Medizin studiert. Die Pupillen eines Unfallopfers sind "isokor"; ein Blut kotzender Mann hat "Ösophagusvarizen"; einem One-Night-Stand mit "Angio-Ödem" ist nur mit einer "Koniotomie" zu helfen. Magnusson hat einfach gut recherchiert: Er lebt um die Ecke des Kreuzberger Urban-Krankenhauses, in dem sein Roman spielt. Er ist monatelang mit Notärzten rumgefahren. Und er hat jede Folge von "Emergency Room" geschaut, von "Dr. House", "Nurse Jackie", "Grey's Anatomy".
Vielleicht liegt es daran, dass sein sozialer Realismus immer mal wieder in eine Seifenoper kippt, inklusive Happy End. Sein "Arztroman" mag noch so viele Regeln des Genres brechen - seine Herkunft merkt man ihm an.
Von Becker, Tobias

KulturSPIEGEL 10/2014
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