29.09.2014

Tierfilme und der Tod

Bodo Kirchhoff: „Verlangen und Melancholie“. Frankfurter Verlagsanstalt; 444 Seiten; 24,90 Euro.
Was geht in einem Menschen vor, der eines Tages einen Brief erhält, der nichts Gutes verheißt; einen Brief mit einem schwarzen Rand und handschriftlich verfasster Adresse? Hinrich, der Protagonist in Bodo Kirchhoffs mitreißendem Roman, legt den Brief erst einmal beiseite. Und als er später auf Reisen geht, nimmt er ihn mit, ungeöffnet, ein Unheil ahnend.
Hinrich, ehemaliger Lokalredakteur einer großen Frankfurter Tageszeitung, ist ein einsamer Mensch. Irene, seine Frau, hat sich vor knapp zehn Jahren das Leben genommen. Abends sitzt er in seiner Wohnung im zehnten Stock und blickt über den Main. Und wenn die Gedanken gar zu schmerzhaft werden, schaltet Hinrich den Fernseher ein und sucht nach einem Tierfilm.
Dass Irenes Tod mit dem Brief in einem Zusammenhang steht, wie überhaupt jedes Motiv sorgfältig verknüpft und durchgearbeitet ist, dass die Ehe zwischen Hinrich und Irene gleich mehrfach von kleinen und großen Unwahrhaftigkeiten geprägt war - all das entblättert sich nach und nach.
Kirchhoff, 66, umkreist seine Figuren mit Sprache und bringt sie uns auf diese Weise näher. Er schickt seinen trauernden Helden, wie so oft in seinen Romanen, in die Welt hinaus: nach Zürich, wo Hinrich gemeinsam mit seinem Enkel einen Schwarzgeldschmuggel über die Bühne bringt, nach Warschau, schließlich nach Sizilien. Das sind unglaublich gute Szenen. Am Ende wird Hinrich von einem Hund gefunden. Es mag ein Trost sein. Oder zumindest ein Lichtblick.
So brillant wie der reife Bodo Kirchhoff können nur wenige über das Wesen des Schmerzes, des Begehrens und der Liebe schreiben.
Von Schröder, Christoph

KulturSPIEGEL 10/2014
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