27.10.2014

Schreib weiter, Baby!

Was tun, wenn ein Autor seine Romanserie nicht mehr fortsetzt? Die Bücher einfach selbst weiterspinnen. Fanfiction heißt das dann.
Bella hat Schmerzen. Ihre Lippe ist aufgeplatzt, die blauen Flecken auf ihrem Körper sehen aus wie angemalt. Als sie ihr Gesicht im Spiegel anschaut, beginnt sie zu weinen. Sie muss weg, raus, flüchten. Halb geht sie die Treppe herunter, halb stolpert sie. Quert die Straße vor ihrem Haus. Die Nachbarin sieht, wie sie in ihre Richtung taumelt, ruft den Sohn, Edward, einen Arzt. Sie fangen Bella - und nehmen sie bei sich auf.
"Ich besaß ein Vorstadtleben", sagt Bella. "Eines, das man sich als kleines Mädchen immer erträumt hatte." Als sie schließlich vor ihrem gewalttätigen Mann flüchtet, verliebt sie sich in Edward. Es ist der düstere Auftakt eines Liebesromans. Verfasst von Black-Vampire. 83-mal wurde er rezensiert, dabei ist er noch lange nicht vollendet. sabrina92 schreibt: "bin gespannt wie es weiter geht. lass uns nicht allzu lange warten." Susannes826 ist besorgt: "Hoffe für Bella, dass ihr recht bald geholfen wird. Denke sogar von Edward!"
Bella und Edward? Kennt man die nicht irgendwoher? Richtig, sie sind eines der bekanntesten fiktiven Pärchen der vergangenen Jahre: Bella und Edward sind das Traumpaar aus "Twilight", die Lieblingsvampire der Fans in den Bestsellern von Stephenie Meyer. Die US-Autorin hatte die "Bis(s)"-Serie (so der deutsche Titel von "Twilight") im Jahr 2008 nach vier Bänden abgeschlossen. Doch viele Fans wollten sich damit nicht abfinden. Es sollte weitergehen, dann eben ohne Stephenie Meyer.
Die Fans entschlossen sich also, die Geschichte selbst weiterzuspinnen. Fans wie Black-Vampire. Am 24. Juli beginnt sie zu schreiben, "Finde dein Glück", bislang 74178 Worte, ein Drama in Arbeit, jede Woche ein neues Kapitel, veröffentlicht auf Fanfiktion.de. Bella ist nun ein Opfer häuslicher Gewalt. Und Edward ist ein alternder Arzt, kein junger Highschool-Vampir.
Fanfiction heißt diese Art von Literatur, bei der die Leser jene Werke weiterschreiben, die von den Erfindern nicht mehr fortgesetzt werden. Motiviert werden sie vom Abschiedsschmerz: loslassen, ein letztes Umblättern, dieses ambivalente Gefühl bekämpfen, wenn plötzlich der Lieblingsroman oder die Lieblingsserie auserzählt sein soll. Viele kennen das. Fanfiction-Schreiber erzählen deshalb einfach weiter. Erzählen, was der Autor nie schrieb - oder je geschrieben hätte. Manche Schriftsteller schätzen diese aktive Verehrung, andere billigen sie lediglich - oder lassen sie verbieten. Die ursprüngliche "Twilight-Fanfiction" von E. L. James wurde gar zum Bestseller "Shades of Grey."
Black-Vampire, die Erfinderin des alternden Edward, ist 27, heißt eigentlich Sarah, kommt aus Westfalen und ist mit Stimmungsschwankungen gestraft, wie sie sagt. "Aber eigentlich ganz lieb." Sie gehört einer Subkultur an, die sich dort trifft, wo Subkulturen sich heute eben treffen: online. Eine Subkultur, die bestehende Geschichten neu erfindet und mit dem Aufkommen des Internets zum Massenphänomen wurde. Plötzlich ist der Autor nicht mehr der von fern bewunderte Held, sondern der Fan begibt sich auf Augenhöhe mit ihm und wird selbst zum Schriftsteller. Das literarische Werk ist nicht mehr unantastbar, der Fan macht es sich zu eigen und formt es. Mal werden Ideen geklaut, mal reicht die eigene Fantasie: Die Fans schreiben Geschichten, die chaotisch sind, erotisch oder abstoßend, rührend und manchmal unverständlich. Von Fans, für Fans. Das Prinzip "Selber machen", "widdewidde wie es mir gefällt" gilt auch für die Literatur.
In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Foren formiert. 1998 wurde Fanfiction.net gegründet, das weltweit größte Archiv mit über 2,2 Millionen Nutzern. In Deutschland ist Fanfiktion.de das bekannteste. Rund 150000 Nutzer haben sich bislang dort registriert. Black-Vampire ist eine von ihnen.
Am häufigsten schreiben Fans aktuelle Mainstream-Fantasy fort. "Harry Potter" ist mit Abstand das beliebteste Thema für Fanfiction, gut 35800 Geschichten wurden bereits veröffentlicht. Es folgen die "Bis(s)"-Bände mit knapp 14000 Werken und die "Tribute von Panem" mit mehr als 3800 Fangeschichten. Doch selbst an Dürrenmatt oder Tolstoi trauen sich einige wenige. Meist sind die Texte eine Weiterführung des Stoffs aus dem Deutschunterricht.
Die Website Fanfiktion.de, dieser Ort, an dem Fanprosa ihren Lesern angeboten wird, ist ein Kuriosum. Dilettantisch, ja mit dem optischen Charme eines Telefonverzeichnisses. Eine Reminiszenz an das Web der Neunzigerjahre. Doch es ist diese triste Forenromantik, die alles auch ein wenig geheimnisvoll macht. Hinter jedem Klick, in jedem Unterforum, dem Marktplatz der Geschichten, treffen sich Mitglieder mit rätselhaften Namen. Ihre Profilbilder zeigen häufig fantastische Konterfeis. Haben sich Moon-Baby und Emmetts-Baby selbst verordnet, ausschließlich die "Bis(s)"- Romane fortzusetzen? Und wie könnte man sich einen Menschen vorstellen, der sich Raxa Blue nennt?
Die virtuelle Bibliothek des Forums ist fassbar und unfassbar zugleich. Mehr als 74000 Bücher liegen nur drei Mausklicks entfernt: Bücher/ Werk x/ Fanfiction. Daneben gibt es fast 85000 Animes und Mangas, beinahe 44000 TV-Serien, knapp 10000 Kinofilme. In einer deutschen Durchschnittsbibliothek stehen gerade mal 28000 Medien zur Ausleihe bereit.
Drei Klicks, um mitten in einer Geschichte zu landen. Einer Geschichte, in der bekannte Charaktere bisher unbekannte Dinge tun oder Nebenfiguren zu Protagonisten werden. Eine Welt, in der es niemanden wundert, wenn Harry Potter mit Edward Cullen knutscht.
Wahrscheinlich ist Fanfiction so alt wie die Fiktion selbst. Irgendwann im Mittelalter, zwischen Artus und Robin Hood, haben Zuhörer begonnen, Anekdoten weiter und weiterzuspinnen. Dort, wo das Stille-Post-Phänomen und die menschliche Neigung zur Ausschmückung von Erzählungen zusammentreffen, entstehen fast immer neue Geschichten. Doch darin liegt auch die Herausforderung von Fanfiktion.de: Tausende Ideen, Tausende Erzäh-lungen. Welche bloß soll man lesen? Die des Frodo, der seine Neigung für Männer entdeckt? Oder jene, in der Derek Shepherd, der schöne Neurologe aus "Grey's Anatomy", nach Panem reist, in eine Welt ohne Snackautomaten und Hirnstrommessgeräte? Es gibt sehr lange Geschichten. 300 Kapitel und mehr, über Jahre gepflegt. Viele sind unvollendet. Welche funktionieren, welche sind besonders lesenswert?
Anstelle eines beschilderten Regals in der Bibliothek klicken sich die Mitglieder durch Hunderte Seiten von Fanprosa. Sortieren kann man sie alphabetisch, nach Anzahl der Kapitel, dem Erstellungsdatum oder letzten Updates. Den Lesealgorithmus müssen sich die Nutzer also selbst zulegen. Nach einer Messgröße, die etwas über die Beliebtheit oder Qualität einer Geschichte verrät, die Anzahl der Klicks zum Beispiel oder die Anzahl der Bewertungen, sucht man vergebens. Ein Urteil fällt man individuell, die Entscheidung für eine Story muss intuitiv erfolgen.
Orientierung verschaffen höchstens die "Reviews", die meistens so ähnlich lauten wie diese Kritik: "ohhh das Kapitel ist wirklich hammer mega super toll." Wem etwas missfällt, der kritisiert oder schlägt vor, wie der Autor besser weitererzählen könnte. Die Nutzer reden über die Protagonisten, als wären sie Popstars, sie sprechen über Plots, als wären sie real. Sie verabschieden sich in eine AR, um in ihrer Sprache zu bleiben. Eine Alternate Reality, ein Paralleluniversum. Zugehörigkeit heißt hier auch, die zahlreichen Abkürzungen zu kennen, die in Einträgen immer wieder auftauchen.
Zum Glück gibt es eigens Glossare für Unerfahrene. Unter anderem geben sie Aufschluss darüber, was schreiberisch überhaupt möglich ist. In "Uber"-Geschichten besitzen bekannte Protagonisten plötzlich andere Jobs oder heißen sogar anders, nur ihr Verhalten ist gleich geblieben. In "P12 Slash" sollten Autoren für Zwölfjährige schreiben: wenig schimpfen, keine sexuellen Praktiken genau beschreiben. Das Slash zeigt an: Hier geht es um gleichgeschlechtliche Beziehungen. Wer die "MMFF" anstelle der "FF" anklickt, will eine Fanfiction (FF) nicht nur lesen und ein wenig kommentieren, er will auch mitmachen (MM).
Drei Klicks, und Forenmitglieder gelangen nicht nur zum Herzstück des Forums, der Fiktion. Mit drei Klicks öffnet sich auch schon fast das Schreibfenster für eine eigene Geschichte. Zuvor eine Ermahnung: keine Schilderungen von Pornografie, kein Kindesmissbrauch, kein Missbrauch Jugendlicher. Und auch keine Sodomie oder sexuelle Handlungen an Toten. Keine Verrisse, keine Plagiate, kein Chat-Stil. Und ein sensibler Umgang mit sexueller Gewalt. Außerdem gelten das Jugendmedienschutzgesetz und das deutsche Zitatrecht. Wer Ü18-Plots lesen will, muss sich mit seinem Ausweis identifizieren. Ein Versuch, den geltenden Gesetzen zu genügen. Geprüft werden die Geschichten allein von den Autoren selbst - und ihren Lesern.
Plattformen wie Amazon bedrohen diese chaotische und doch in sich schlüssige Forenutopie. Auf Kindle Worlds können die Fanschreiber ihre Geschichten verkaufen. 35 Prozent Tantiemen pro E-Book. Für manche wird das Hobby da lukrativ, für alle aber geht es professioneller zu: In der kalten Suchmaske kehrt der klare Blick auf die Dinge zurück, die Auswahl ist angenehm begrenzt, genauso wie die inhaltliche Freiheit. Juristisch mag diese Variante womöglich die bessere sein, vor allem für die Autoren der Vorbilder, also für die Urheber. Zumindest die besser überwachte.
Ein wenig urheberrechtliches Unbehagen, ein diffuses schlechtes Gewissen bleibt, wenn man sich durch die Fanfiction klickt. Ohne Ideenklau von einem literarischen Vorbild gäbe es viele der angebotenen Prosa schließlich gar nicht. Aber die juristisch geordnete Welt von Amazons Kindle World zerstört den Zauber. Den Zauber der unendlichen Geschichte. Einfach so geschrieben, aus Spaß, aus einer Laune heraus. Von Fans, für Fans.
"DIE VERWANDLUNG -
erzählt von Moneyboy"
1 Kapitel, 382 Wörter, 6 Bewertungen
Welche Geschichte will der Autor nacherzählen?
Franz Kafkas Werk über die Verwandlung Gregor Samsas in einen Käfer ist Pflichtlektüre in der Schule. Wie Samsa die Metamorphose erlebt, erzählt der 22-jährige elHorsto aus der Ichperspektive. Als Songtext. Der erinnert sehr stark an das Debüt des österreichischen Rappers Money Boy.
Welche Geschichte ist daraus geworden?
"Steige aus dem Bett/ Seh' wie ein Insekt aus" - die Übersetzung eines Klassikers in Jugendsprache anno 2010. "Ja, ich weiß, es ist kindisch. Und ich habe trotzdem jede Sekunde davon genossen", bewirbt der Autor sein Werk.
Was sollte man sich merken?
Dass es Samsas neues Outfit nur noch in der Chitin-Haut-Edition gibt. Und dass klassische Werke doch Eindruck schinden bei jungen Lesern.
Das sagen die Leser
"Eine posttraumatische Belastungsstörung auf dem Deutschunterricht ist so eben geheilt worden."
"120 AUGENBLICKE" (Herr der Ringe)
121 Kapitel, 20604 Wörter, 452 Bewertungen
Welche Geschichte will die
Autorin nacherzählen?
Die Autorin Thainwyn hat ihren liebsten Charakteren aus "Herr der Ringe" eigene kleine Geschichten gewidmet. Jeder befindet sich in einer bestimmten Situation, die durch ein Schlagwort angeteasert wird. "120 Augenblicke", so heißt das Werk, und so viele Situationen hat die Autorin aufgeschrieben. 100 Worte durfte jede ihrer Miniaturen haben.
Welche Geschichte ist daraus geworden?
Form follows function: Mit der Idee, 120 Episoden zu erzählen, sind teils frische, teils unverständliche Szenen entstanden, in denen es um Hass, Liebe und Gefahr geht. Man muss schon sehr firm in der "Herr der Ringe"-Trilogie sein, um der Fiktion über 120 Kapitel zu folgen.
Was sollte man sich merken?
120 Augenblicke eignen sich als Schnell-Lektüre für Fans zwischen zwei U-Bahn-Stationen.
Das sagen die Leser:
"Wo haste denn Legolas und Gimli nur gelassen?"
Von Vivian Alterauge

KulturSPIEGEL 11/2014
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KulturSPIEGEL 11/2014
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