24.11.2014

Zum Leben erweckt

Wie historisch soll, wie aktuell darf barocke Musik klingen? Zwei neue Bach-Aufnahmen packen das Problem an.
E s soll sie noch geben, jene Puristen, die barocke Klänge nur von Darmsaiten und Cembalo genießen können. Doch unter Praktikern haben sich die ideologischen Fehden um "historische Aufführungspraxis" inzwischen in fröhliche Anarchie aufgelöst: Erlaubt ist, was gefällt. Wie kluge Instrumentalisten damit umgehen, lässt sich pünktlich zur Festsaison an zwei neuen Aufnahmen der Konzerte Johann Sebastian Bachs für Tasteninstrumente nachprüfen. Da hat der britische Cembalo-Experte Gary Cooper mit dem Genter Ensemble B'Rock eine Version geliefert, die immer wieder regelrecht groovt: satte Bässe und starke Beats in den Ecksätzen, dazwischen eine lyrische Besinnung, alles vom zart-silbrig perlenden, bis zur Improvisation freien Solopart umspielt. Aber ist diese historisch korrekte, gleichzeitig unverhohlen zum Mitswingen animierende Deutung wirklich der Weisheit letzter Schluss? Auch das Zürcher Kammerorchester spielt auf Instrumenten nach historischen Vorbildern; einmal, für den Dialog mit zwei Blockflöten im Konzert F-Dur BWV 1057, hat sich der Pianist Yorck Kronenberg auch fürs Cembalo entschieden. Doch sonst verwendet er einen Bösendorfer-Flügel, dessen warmer Klang und fein dosierbarer Anschlag Bachs Stimmenvielfalt eine Lebendigkeit geben, die dem Cembalo mechanisch versagt bleibt. Natürlich hört sich Bachs Musik auf diese Art erheblich individueller an - dafür aber auch so frisch wie lange nicht mehr.
Bach-Klavierkonzerte
mit Yorck Kronenberg (Genuin) und Gary Cooper (EtCetera)
FOTO: IRèNE ZANDEL
Von Johannes Saltzwedel

KulturSPIEGEL 12/2014
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