29.12.2014

In einen Neubau ziehen

Dieses Knarzen der Dielen! Dieses Licht, wenn die Sonne sich in den Kristallen des Kronleuchters bricht, unter der meterhohen Decke! Dieser Holzgeruch, der über ein Jahrhundert lang gereift ist. Diese Freiheit, wenn sich Geist und Intellektualität zwischen den Flügeltüren Raum verschaffen! Hach.
Als ich meinen ersten Altbau betrat, behielt ich den Griff der Zimmertür in der Hand - wider Willen. Ein Fenster der Doppelkastenkonstruktion musste ich mit Gewalt schließen. Ich war trotzdem glücklich, endlich am Leben statt nur am Wohnen. So wie es der Zeitgeist der Neunziger verlangte.
Nach einer albtraumhaften Phase in einer Studentenwohn-anlage in Münster hatte ich mir geschworen, nie wieder anders zu wohnen als in einem Altbau. Ich wollte nie wieder einen PVC-Boden wischen, wollte nie wieder darauf gestoßen werden, dass ich zum Kleinbürgertum gehöre, zumindest qua Einkommen. Ich wollte Dielen, wollte vier Meter hohe Räume, wollte Leuchter. So wie ich sie aus Chabrol-Filmen kannte.
Als ich nach Berlin zog, schaffte ich es wohntechnisch immerhin in die Liga des neuen deutschen Kinos: Das Leben war eine Baustelle, und darin richtete man sich ein. Ich fand meinen Altbau, und in dem fühlte ich mich wohl, obwohl ich auffallend wenig Besuch bekam. Der Grund, ungelogen: der Bodenbelag. Es war Teppich.
Mittlerweile gehören meine Freunde und ich, die Metropolenbewohner mit Masterabschlüssen, die "Generation Null Fehler" (Heinz Bude), zum ökologisch bewussten, sozial toleranten Neobürgertum, das sich anstrengt, alles gut zu machen, in jedem Fall aber stilvoll. Wenn wir Kinder bekommen, werden uns unsere mittelgroßbürgerlichen Wohnungen zu klein. Also Umzug. Ab in den größeren Altbau. Wohin auch sonst? In einen Neubau? Ja, sind wir denn des Wahnsinns? Auf jeden Fall stehen wir nicht (mehr) unter Drogen, und so scheiden selbst spektakuläre Neubauprojekte wie der "Sapphire" von Stararchitekt Daniel Libeskind aus. Er steht in Berlin-Mitte, sieht aus wie ein funkelnder Diamant - und wird auch so vermarktet. Teuer. Exotisch. Als Schutzraum für Bewohner, die sich ähnlich wie die Behörde in der Nachbarschaft lieber vom Rest der Bevölkerung abschirmen. Die Behörde ist der BND.
Alt bleibt das neue Neu. Auch wenn der Geist zwischen den Flügeltüren ab und an zweifelt, ob alles mit rechten Dingen zugeht, wenn man im 21. Jahrhundert immer noch in Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert leben will. Liegt es an uns? Oder liegt es an den neuen Gebäuden? An der deutschen Baukultur?
Kritiker wie Niklas Maak glauben das. In seiner Streitschrift Wohnkomplex erklärt er, "warum wir andere Häuser brauchen", sie aber nicht bekommen. Er macht ökonomische Zwänge verantwortlich: die Bauindustrie, eine mächtige Lobby.
Doch dann spaziere ich eines Tages an einem neuen Häuserzug vorbei, der so gar nicht aussieht wie ein Legehennenkäfig. Er leuchtet knallrot im Sonnenlicht, und er sieht schön aus. Wirklich schön. So schön, dass ich unbedingt hineinschauen will. Ich - in ein Neubauprojekt!
Es trägt den Namen "Am Lokdepot". Entworfen haben es die Architekten Nils Buschmann und Tom Friedrich, Gründer des Büros RobertNeun. Neben dem Grundstück stehen ehemalige Depots der Bahn, die zum Deutschen Technikmuseum gehören. Dahinter erstreckt sich das Gleisdreieckgelände, das sich zu einem Park wandelt. "Am wichtigsten ist für uns die Mischung aus Kontext und Konstruktion", sagt Buschmann. "Wir wollen die vorhandene Vielfalt ergänzen, nicht einschränken." Sie wollen keine funktionale Architektur, sondern eine anpassungsfähige. Das Prinzip haben die beiden aus ihrer Studentenzeit im Berlin der Neunziger in die Gegenwart gerettet: Umnutzung, Zwischennutzung, Anpassung an veränderte Umgebungen. Und so gibt es am Lokdepot nichts, was funktional für immer festgelegt ist. Der Rohbau ist unveränderbar, aber die Innenräume sind dank einer Stützbaukonstruktion völlig frei und individuell gestaltbar. Denkbar wäre sogar, dass eine komplette Etage ganz ohne unterteilte Zimmer auskommt.
"Die meisten Neubauprojekte sind erschreckend konformistisch", sagt Buschmann, "besonders paradox wird das bei Town Houses." Jeder wolle sein eigenes klein parzelliertes Haus, das sich individuell von den anderen Häusern unterscheiden solle. Lustigerweise fühlen sich Buschmann und Friedrich daher der Altbau-Weise näher als manchem zeitgenössischen Projekt. "Der Gründerzeitbau ist eigentlich sehr systematisiert", sagt Friedrich. "Gleichzeitig ist er variabel. Man kann ein Berliner Zimmer als Küche nutzen, aber auch als Wohnzimmer."
Das ist es doch. Das ist die Lösung. Auch in hedonistischer Hinsicht. Ich - ich werde in einen Neubau ziehen. -Susanne Lang 
Wohnen am Lokdepot. www.amlokdepot.de

KulturSPIEGEL 1/2015
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