31.01.2015

Neue Bücher

Kirsten Fuchs: "Mädchenmeute".
Rowohlt Berlin; 464 Seiten; 19,95 Euro.
Dies ist das überfällige Frühjahr, in dem die Popkultur Mädchen die Wildnis entdecken lässt. Für das Kino erledigt das Jean-Marc Valée mit "Wild". Und für die Literatur die brillante Kirsten Fuchs mit "Mädchenmeute". Die Meute besteht aus sieben Mädchen, die aus einem Survival-Camp türmen, nachdem die Leiterin sich als verrückt erweist. Ihre Eltern vermuten sie im Camp. Niemand wird sie die nächsten zwei Wochen vermissen. Freier kann man nicht sein. Und so kommt es, dass die stille Charly Nowak plötzlich Hunde befreit und Flaschenzüge baut und in einem Tunnel schläft und Echträtsel löst statt nur Rätsel in Internetforen. Denn wie sie sagt: "Wenn man schon sein halbes Leben lang an einer leeren Bushaltestelle steht, in einem öden Vorort, dann muss man in den Bus einsteigen, wenn einer kommt. Egal, wo der hinfährt." So wahr.
Sibylle Berg: "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand".
Hanser; 256 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint am 2.2.
Der Mensch ist von Natur aus ein drolliges Tierchen, am drolligsten aber ist er vielleicht zwischen vierzig und fünfzig, in der sogenannten Mitte des Lebens. Es ist die Zeit, in der Frauen sich überlegen, mal die Möbel umzustellen, ganz spontan, in der sie sich eine Pagenfrisur schneiden und rot färben lassen. Nach dem Motto: Wenn schon nicht mehr wild im Kopf, dann wenigstens darauf. Chloe ist so eine Frau mit Flammenhaar, doch dann fängt sie tatsächlich wieder Feuer: Sie verrät ihren Mann Rasmus, den sie seit Jahren nur noch streichelt "wie ein Haustier", um endlich mal wieder "die Geschlechtsteile zu benutzen". Die Zeitgeistzynikerin Sibylle Berg, 52, schreibt scham- und schonungslos über alternde Frauen und Männer, mit wortgewaltigem Welt- und Körperekel. Wenn Sie in einer Beziehung leben und noch Sex haben: Lesen Sie das Buch besser nicht!
Anne Philippi: "Giraffen".
Rogner & Bernhard; 200 Seiten; 19,95 Euro. Erscheint am 4.2.
Saufen, koksen, labern, vögeln, das ist der Alltag der Helden dieses betont hartgesottenen Romans, der in Berlin und auf Sardinien spielt. Die Autorin, im Hauptberuf journalistisch in Los Angeles und Berlin zugange, erzählt die Story von Eva und Henry. Die zwei haben Drogen, Sex, schöne Möbel und so ziemlich alles, bloß keinen Halt. "Unsere Leber weiß nicht, wie ein Tag ohne Arbeit aussieht", klagt die blonde Eva, und: "Mein Abgrund ist lächerlich." Leicht großkotzig, aber mit schön bösem Strich wird hier das Sittenbild einer nicht mehr jungen Boheme aus coolen Kaputtniks gepinselt. Bald geht Henry fremd, Eva bläst in Italien Trübsal, und die Story läppert ins Frauenmagazinhafte. Immerhin darf die Heldin dank einer neuen Freundin, eines stabileren Ichs und eines Tresen-Jobs in Berlin irgendwann seufzen: "Hier bin ich sicher."
Cynan Jones: "Graben".
Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind; 176 Seiten; 16,90 Euro.
Zwei Männer vor einer prächtig ausgemalten Landschaftskulisse: Der eine, Daniel, ein junger Farmer, hat durch einen Unfall seine Frau verloren. Der andere hat keinen Namen und kein Gewissen, heißt nur "der große Mann"; er kennt bereits das Gefängnis von innen. Daniel trauert und versucht, den Alltag aufrechtzuerhalten; der große Mann züchtet scharfe Hunde, um sie für illegale Dachsjagden und Wettkämpfe auszubilden. "Graben", der mehrfach ausgezeichnete Roman des Walisers Cynan Jones, steuert von Beginn an auf einen unheilvollen Showdown zu, ohne sich billiger Schockeffekte zu bedienen. Jones erzählt vokabelreich und in beeindruckenden Bildern von kreatürlicher Grausamkeit, und er hat ein erstaunliches Gespür für die Dramaturgie von Szenen. Ein Buch über Männer, aber nicht nur für Männer. Dafür ist es zu gut.
Von Maren Keller Tobias Becker Wolfgang Höbel Christoph Schröder

KulturSPIEGEL 2/2015
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