28.02.2015

Kriegsbericht vom Kampf gegen uns selbst

Laurie Penny selbst stellt gleich zu Beginn klar, was von diesem Buch auf gar keinen Fall zu erwarten ist: "Als Leitfaden zum Glück in einer abgefuckten Welt taugt dieses Buch nicht." Wofür aber taugt es dann?
Erstens: "Unsagbare Dinge" taugt als Weckruf. Penny, 28, fragt lieber, warum wir so latent unglücklich sind. Warum sich junge Männer darum sorgen, dass sie nicht genug haben, und junge Frauen, dass sie nicht genügen. Penny sieht darin ein strukturelles Problem, kein persönliches, für das der Feminismus die Lösung ist.
Zweitens: Es taugt als Solidaritätsbekundung. Weil Pennys Feminismus nicht nur die gut ausgebildeten Frauen in Hosenanzug betrifft, die an der gläsernen Decke scheitern. Sondern auch die Kindermädchen und Putzfrauen, die nötig sind, damit eine Frau überhaupt die gläserne Decke erreicht. Pennys Feminismus schließt die armen, die farbigen, die übergewichtigen Frauen mit ein, die verlorenen Jungs und die machtlosen Männer, die queeren, die ausgegrenzten, die unglücklichen Individuen. Drittens: Es taugt als Zündstoff. Penny will, dass wir damit aufhören, uns ständig selbst verändern zu wollen. Und stattdessen damit anfangen, die Welt verändern zu wollen.
Viertens: Es taugt als Bekennerschreiben. Pennys Diagnosen nehmen oft in ihrer Biografie ihren Ausgangspunkt. Die Anekdote, wie sie sich auf der Station für Essgestörte unter dem Krankenhausbett versteckt, erzählt mehr über Penny als die vorangestellte obligatorische Schriftsteller-Kurzbiografie.
Fünftens: Es taugt als Alternative für alle, denen der zeitgenössische Feminismus zu unintellektuell ist, zu humorfrei, zu lasch.
Sechstens: Es taugt als Kriegsbericht. Mit diesem Gestus ist es geschrieben: "Ich begann dieses Buch während der Studentenunruhen in Großbritannien zu schreiben, mit dem Laptop auf den Knien in einem besetzten Haus auf dem Boden kauernd, umgeben von angeschlagenen, erschütterten jungen Leuten ..." Es berichtet von dem Krieg, den wir gegen unsere Körper führen, weil uns glauben gemacht wird, nicht dünn genug zu sein, nicht schön genug. Vom Krieg gegen unsere Seelen, weil uns glauben gemacht wird, nie gut genug zu sein. Vom Krieg, zu dem das Liebesleben geworden ist.
Siebtens: Es taugt als Vergewisserung, dass es andere gibt, die genauso fühlen.
Achtens: Es taugt als Einstiegsdroge, denn das Quellenverzeichnis ist voll von weiterführender Lektüre. Und neuntens: Es taugt als Comic Relief, weil sich zwischendrin auch Fußnoten wie diese verbergen: "Ja, klar schmier ich dir ein Brot. Und zwar mit dem Staub der Geschichte, und ich hoffe, du erstickst daran."
Laurie Penny selbst stellt klar, wobei dieses Buch nicht hilft: "Dieses Buch hilft euch nicht dabei, einen Mann zu finden, eure Frisur zu richten oder euren Job zu behalten." Wobei hilft es dann? Es hilft dabei zu fragen, was man eigentlich vom Leben will. Es hilft dabei, den Kopf freizubekommen. Und das ist schon einmal nicht schlecht, weil die Antwort dann wahrscheinlich lautet: Freiheit. -
Von Maren Keller

KulturSPIEGEL 3/2015
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