25.04.2015

Der israelische Regisseur Eran Riklis erzählt in "Mein Herz tanzt" gefühlvoll von einem palästinensischen Jungen.

Tira, eine überwiegend von Palästinensern bewohnte israelische Kleinstadt, in den Achtzigerjahren. Ein Grundschullehrer steht vor seiner Klasse und fragt seine Schüler nach dem Beruf ihrer Väter. Ein Junge hebt den Kopf und sagt stolz: Terrorist. Er weiß nicht so recht, was das Wort bedeutet, aber er hat das Gefühl, dass es etwas Großes sein muss. Der Lehrer haut ihm ordentlich auf die Finger.
Der vorlaute Junge heißt Eyad und ist der Held von "Mein Herz tanzt", dem neuen Film des israelischen Regisseurs Eran Riklis. Der 60-Jährige, der sich schon in seinen früheren Filmen wie "Die syrische Braut" (2004) oder "Lemon Tree" (2008) mit den Konflikten zwischen Juden und Arabern beschäftigt hat, erzählt dieses Mal eine ebenso gefühlvolle wie witzige Coming-of-Age-Geschichte. Er lässt die Front zwischen Israelis und Palästinensern mitten durch das Leben seines Helden verlaufen.
Allein unter Juden
Eyads Vater Salah studierte vor vielen Jahren in Jerusalem, kam jedoch wegen politischer Aktivitäten ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung konnte er nur noch als Obstpflücker arbeiten. Damit es Eyad einmal besser geht, schicken Salah und seine Frau ihren schlauen Sohn auf ein Elitegymnasium nach Jerusalem. Dort ist er allein unter Juden.
Von den inneren und äußeren Kämpfen, die Eyad austragen muss, erzählt Riklis mit bewundernswert leichter Hand. Der Humor dieses Films tut manchmal weh. Vielleicht werde sein Sohn eines Tages der erste Palästinenser sein, dem es gelinge, eine Atombombe zu bauen, sagt der Vater mit leuchtenden Augen. Doch Eyad (Tawfeek Barhom) wächst in die fremde Kultur hinein, allen Feindseligkeiten zum Trotz. Er findet einen Freund und verliebt sich in die Jüdin Naomi (Danielle Kitzis).
Grenzgang durchs Minenfeld
Riklis gelingt ein Grenzgang durch vermintes Gelände. Der Film ist angstfrei, es kümmert Riklis nicht, ob er Tabus bricht oder die Grenzen des guten Geschmacks verletzt. Und weil er weise genug ist zu wissen, dass die Liebe sicher nicht stärker ist als der Hass, kommt er nie in die Nähe von wohlmeinendem Völkerverständigungskino.
Weil Eyad und Naomi kaum einen Ort finden, an dem sie ungestört sind, treffen sie sich heimlich in einem Theater. Riklis macht daraus bezaubernd romantische Begegnungen. Auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, schlafen die beiden zum ersten Mal miteinander. Der Zuschauer spürt, dass diese Liebe vielleicht nur eine Fiktion ist, die den Weg von der Bühne in die Wirklichkeit nur schwer überleben wird.
Riklis zeigt, wie sich der immer etwas schwermütig blickende Eyad verändert, wie ihn die harte Welt, in der er lebt, viel zu schnell erwachsen werden lässt. Man hätte dem tanzenden Herzen dieses frechen Jungen eine etwas längere Jugend gewünscht.
Lars-Olav Beier
Mein Herz tanzt. Regie Eran Riklis. Mit Tawfeek Barhom, Ali Suliman, Danielle Kitzis, Michael Moshonov. Start: 21.5.
Von Lars-Olav Beier

KulturSPIEGEL 5/2015
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